Herr Anderl sperrt den Bahnhof zu

13. Dezember 2009, 18:57
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In der Nacht zum Sonntag endete ein Teil der österreichischen Eisenbahngeschichte - Die letzten Züge fuhren ab und kamen an

Der STANDARD hat den Mann begleitet, der den Schlusspunkt gesetzt hat.

Wien – Kurz vor zwei Uhr hat es Franz Anderl geschafft – fast. Der 48-Jährige soll in dieser Nacht zum Sonntag den Wiener Südbahnhof endgültig zusperren – und erkennt just vor den beiden Haupteingängen, dass sich die elektrischen Schiebetüren dort nicht sicher verschließen lassen. "Holt ein Gitter, das klemmen wir hier dann ein", befiehlt er zackig seinen Kollegen.

Herr Anderl ist bei der "Immobilienmanagement GmbH" der ÖBB zuständig für den zehnten Wiener Gemeindebezirk. Daher fällt der Südbahnhof seit 15 Jahren in seine Verantwortung. "Ich war täglich mehrere Stunden hier", erinnert sich der bullige Waldviertler. Er beschäftigte sich mit den Geschäftsinhabern, die mit ihrer Miete im Rückstand waren, mit baulichen Mängeln. "Seit Jahren ist immer wieder davon gesprochen worden, dass ein neuer Bahnhof gebaut wird und es kein Geld mehr für eine richtige Renovierung gibt. Man konnte ja nur noch flicken, passiert ist aber nie was."

2006 ging dann plötzlich doch etwas weiter. Der neue Hauptbahnhof kam ins konkrete Planungsstadium. Damit war das Schicksal des über 130 Jahre bestehenden Südbahnhofs besiegelt – der 12. Dezember ist der letzte Tag, an dem noch Züge rollen.

Einen Schlusspunkt setzt Stefan Stockreiter. Er ist der Lokführer, der mit sechs Minuten Verspätung um 00.11 Uhr den Intercity 350 auf das Gleis 15 einrollen lässt. Die klassische Sportreporterfrage: "Sie sind der letzte Mensch, der einen Zug in den Südbahnhof gefahren hat. Wie fühlen sie sich?" Die lakonische Antwort: "Nicht anders als sonst. Außer, dass ich noch nie eingeklatscht worden bin."

Beklatscht von Schaulustigen und Eisenbahnfans, die seit Stunden auf diesen Moment gewartet haben. Im Zug selbst fieberten die gut 20 Fahrgäste deutlich weniger mit. "Was, echt? Das ist der letzte Zug?", staunen etwa zwei Jugendliche. Andere sind sich des sentimentalen Momentes bewusst. "Wir wollten eigentlich einen früheren Zug nehmen", erzählt ein junges Paar im zweiten Waggon. "Wir haben aber im Standard gelesen, dass der letzte um 00.05 Uhr ankommen soll und haben dann gewartet."

"Das Ende einer Ära ist der Anfang einer Zukunft" steht vorne auf der Lokomotive, die im Blitzlichtgewitter der dutzenden Hobby-Fotografen steht. Die Leute springen auf die Gleise, lassen sich mit dem Lokführer ablichten. Damit die Ära des Südbahnhofs aber auch wirklich zu Ende geht, braucht es Herrn Anderl.

Er und seine Kollegen warten, bis der Großteil der Besucher die Halle verlassen hat. Dann beginnen sie, die vielen Türen des Bahnhofes endgültig zuzusperren. "Schaut alles genau an, damit keiner eingesperrt wird", weist Anderl seine Männer an. Nicht zu Unrecht, wie sich zeigen wird.

Die letzten Obdachlosen

In einer langen Reihe abgestellter Reisewagons hat sich ein obdachloses Paar schlafen gelegt. Als die Security-Bediensteten die beiden hinausbringen wollen, beginnt die Frau zu schreien, zu spucken und wegzulaufen. Sie hat nur eine Unterhose, ein rotes T-Shirt und einen Mantel an und rennt in Tennissocken zurück auf den Bahnsteig. Sie will wieder zu ihrer Schlafgelegenheit, das Sicherheitspersonal hindert sie daran. Schließlich kann sie doch aus dem Bahnhof gestoßen und gezerrt werden.

Für Unterstandslose ist das Ende des Südbahnhofs schwerwiegend. "Wir haben immer viele herinnen gehabt, in den Zügen und den Hallen", meint Anderl. Anderen bot das rund um die Uhr geöffnete Gebäude selbst Unterstand, Wärme und die Möglichkeit, zu Alkohol zu kommen. Mit jeder Tür, die Anderl verschließt, kommt das Ende dieser Zuflucht näher.

"Da, wir brauchen eine Kette", schreit Anderl, nachdem er seine Brille aus dem Haar genommen und ein Schloss begutachtet hat. Der Schlüssel passe nicht, daher wird die Doppeltüre auf diese Art unpassierbar gemacht. Das ist öfter als geplant nötig – die 20 mitgebrachten kleinen Vorhängeschlösser reichen nicht. Man behilft sich schließlich mit rot-weißen Absperrbändern, die festgezurrt werden.

Ein bisserl hänge sein Herz schon am Bahnhof, gesteht der gelernte Installateur, der wegen des sicheren Jobs im Jahr 1980 zur ÖBB gekommen ist. Er kenne ja nichts anderes. Der neue Hauptbahnhof werde sicher auch schön. "Doch der Charakter wird sich ändern. Es gibt halt nur noch Durchzugsverkehr, die Menschen werden einfach schnell zum Zug rennen." Früher sei das anders gewesen, "Bahnfahren war irgendwie ein Erlebnis, die Leute hatten mehr Zeit."

Am darauffolgenden Tag bietet die ÖBB den Fahrgästen bis Sonntagmittag unfreiwillig Zeit, über das Ende des 1961 fertiggestellten Bahnhofgebäudes nachzudenken. Bis zu fast einer Stunde Verspätung hatten die Fernverkehrszüge in Wien-Meidling, wo nun vorübergehend die Südbahn endet. "Im Zuge der Umbauarbeiten wurde auch eine neue Betriebsanlage errichtet, die aber nur im Echtbetrieb ausprobiert werden konnte. Da hat die Feinabstimmung unserer Mitarbeiter noch etwas gedauert", sagt eine ÖBB-Sprecherin.

Plakate nur auf Deutsch

In den nächsten Tagen werden das wohl nicht die einzigen Probleme bleiben – zumindest für Touristen. Denn Herr Anderl hängt zwar an die Außentüren, die er versperrt, große Plakate mit der Erklärung, warum man hier nicht mehr hereinkommt. Das kleine Problem dabei: Diese Erklärung wird nur auf Deutsch ausgegeben. Die Bahn ist dennoch zuversichtlich, dass das große Chaos ausbleibt.

Ob er sich schon Souveniers organisiert habe? "Nein, bis jetzt habe ich mir nichts mitgenommen. Aber ich werde mir von einem Kollegen ein paar Bilder besorgen. Der hat in den vergangenen Wochen glaube ich 3000 Fotos gemacht. Da nehm ich mir welche als Erinnerung daran, dass ich hier einmal der Herrscher war", sinniert Anderl.

Das Ende seiner Arbeit ist das Ende des Südbahnhofs aber nicht. Erstens wird er am 18. Dezember wieder kurzfristig geöffnet, da in der Haupthalle ein Clubbing stattfindet. Erst im Jänner fangen dann die wirklichen Abrissarbeiten an. "Bis zum Juli ist das Kapitel nicht beendet, da muss noch viel organisiert werden." Und schließlich gebe es genügend andere ÖBB-Bauten in Favoriten, um die er sich kümmern müsse.

Für diese Nacht ist sein Job allerdings getan. Kurz nach zwei Uhr gelingt es, die störrischen Schiebetüren zu bändigen. Das herbeigeholte Baustellengitter sichert sie zumindest provisorisch ab. Ein apathisch wirkender alter Mann lehnt knapp daneben an der Wand und beobachtet die Szene. Herr Anderl steht in seiner Lederjacke in der kalten Dezembernacht. Er hat den letzten Eingang des Südbahnhofs nach mehr als 130 Jahren zugesperrt. (Michael Möseneder, DER STANDARD – Printausgabe, 14. Dezember 2009)

  • Ketten, Schlüssel, Gitter: Franz Anderl verhindert mit allen Mitteln,
dass noch Fahrgäste in den Südbahnhof kommen.
    foto: standard/christian fischer

    Ketten, Schlüssel, Gitter: Franz Anderl verhindert mit allen Mitteln, dass noch Fahrgäste in den Südbahnhof kommen.

  • Dessen Zeit ist nämlich
abgelaufen.
    foto: standard/christian fischer

    Dessen Zeit ist nämlich abgelaufen.

  • Der Lokführer als Star: Stefan Stockreiter ist der letzte Mensch,
der nach mehr als 130 Jahren einen Zug in den Südbahnhof fährt.
    foto: standard/christian fischer

    Der Lokführer als Star: Stefan Stockreiter ist der letzte Mensch, der nach mehr als 130 Jahren einen Zug in den Südbahnhof fährt.

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