"Wir Denkmalschützer haben ein offenes Ohr"

13. Dezember 2009, 18:38
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Wiens Landeskonservator Friedrich Dahm über die Vereinbarkeit von moderner und historischer Architektur sowie den Abriss der Dombauhütte beim Stephansdom

STANDARD: Die Dombauhütte beim Stephansdom soll in den Untergrund verlegt werden, der Museumsshop kommt an den Dom. Sind Sie als Denkmalschützer glücklich mit dieser Lösung?

Dahm: Glücklichsein ist keine Kategorie des Denkmalschutzes. Bei dem Projekt sind wir nur teilweise zuständig. Nicht zuständig sind wir für die Gestaltung des Stephansplatzes, darunter fällt auch der Lift. Sehr wohl zuständig sind wir für die Dombauhütte. Unsere Recherchen haben ergeben, dass sie erst 1959 errichtet wurde, als die großen Kriegsschäden am Dom bereits behoben waren. Das heißt, die Dombauhütte ist kein historisches und kulturelles Denkmal für den Wiederaufbau. Durch den Abriss können wir die reiche gotische Gliederung der Außenwand wieder rekonstruieren und ergänzen. Und wir kriegen das Bischofstor wieder frei. Dem Vorbau aus Glas haben wir zugestimmt, weil er den Blick in die wiederhergestellte Ecke ermöglicht.

STANDARD: Wenn Glück kein Kriterium ist, welche Projekte bereiten Ihnen dann ernsthafte Sorgen? Die Sanierung der Werkbundsiedlung?

Dahm: Nein. Manche Dinge brauchen eben Zeit. Die Werkbundsiedlung ist ein gutes Beispiel. Wir prüfen jetzt zwei Häuser - eines von Josef Hoffmann, eines von Gerrit G. T. Rietveld - auf Herz und Nieren. Diese stehen derzeit leer und wir untersuchen, was noch original ist, was später verändert wurde, was eventuell rückführbar ist. Wir schauen, wie man energetisch aufrüsten kann, damit die Bauphysik wieder stimmt oder zeitgemäßen Wohnbedürfnissen entspricht, ohne den Denkmalcharakter zu zerstören. Wir checken jetzt einmal an diesen zwei Objekten ab, inwieweit die Erkenntnisse auf die anderen Häuser übertragen werden können und erstellen einen Kriterienkatalog.

STANDARD: Sie haben die energetische Sanierung erwähnt. Glauben Sie, dass es künftig ein höheres Konfliktpotenzial zwischen Denkmalschutz und Klimaschutz gibt?

Dahm: Wir versuchen da eine stringente Linie zu fahren. 80 Prozent der Wiener Häuser stammen aus der Gründerzeit. Durch die sehr gegliederten Fassaden schließen sich gewisse Wärmedämmungen per se aus. Es gibt aber auch bei diesen Häusern die Möglichkeit für energetische Aufrüstungen. Wenn man die Dachgeschoßdecke und die ungegliederte Hoffassade dämmt oder schaut, dass die Fenster nicht verzogen sind, dann erreicht man schon sehr viel. Es geht darum, unter den Voraussetzungen möglichst viel herauszuholen, aber den Charakter der Häuser zu belassen.

STANDARD: Können Sie sich Fotovoltaik-Anlagen auf Dächern geschützter Gebäude vorstellen?

Dahm: Da muss man differenzieren. Auf dem Dach des Stephansdomes sehe ich sie nicht. Aber bei vielen großen Gebäuden wie dem Parlament oder den Museen gibt es große Dachflächen, die nicht einsehbar sind - da können wir uns das auch vorstellen.

STANDARD: Bei vielen Bau- und Sanierungsprojekten gibt es Anrainerinitiativen - haben Sie den Eindruck, dass das Bewusstsein für Denkmalschutz gestiegen ist?

Dahm: Die Sensibilität ist sicher größer geworden. Bürgerinitiativen sind oft ein hilfreiches Korrektiv, um die eigenen Entscheidungen noch einmal zu überdenken. Wir Denkmalschützer haben ein offenes Ohr. Nur manchmal trifft man wohlüberlegte Entscheidungen, die die Wünsche der Anrainer konterkarieren. Da muss man auch dazu stehen.

STANDARD: Wo ist für Sie in Wien die Symbiose zwischen Alt und Neu gelungen?

Dahm: Denkmalschutz ist größtenteils Objektschutz. Wir können und wollen uns auch in der Inneren Stadt bei Planungen von modernen Gebäuden nicht einmischen. Aber mir gefällt zum Beispiel beim Museum für Angewandte Kunst die Verbindung, die der Architekt Sepp Müller zwischen dem Museumsgebäude und dem Gebäude ums Eck geschaffen hat - eine Art Scharnier, das ein Treppenhaus und einen Lift birgt. Das halte ich für eine der gelungensten Symbiosen von Alt und Neu. (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Dezember 2009)

  • Friedrich Dahm (50) hat Kunstgeschichte studiert und ist seit Herbst 2008 Wiener Landeskonservator.
    foto: standard/andy urban

    Friedrich Dahm (50) hat Kunstgeschichte studiert und ist seit Herbst 2008 Wiener Landeskonservator.

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