Auf platten Reifen durch Europa

13. Dezember 2009, 19:02
posten

Ilija Trojanows Roman "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" jetzt auch als Stück im Wiener Schauspielhaus

Wien - Ilija Trojanows Emigrationsroman Die Welt ist groß und Rettung lauert überall berührt den Tröstungsnerv nicht nur bei den Wurzellosen: Die Flucht aus der beengenden Sphäre des Sozialismus mag in den frühen 1980er-Jahren der Bevormundung durch Partei und Staat abgeholfen haben. Doch worauf gründet sich die Zuversicht der Emigranten, im Westen nunmehr ein selbstbestimmtes, sinnerfülltes Leben führen zu können?

Trojanow, dessen gemäßigt skurriles Buch (1996) kürzlich verfilmt wurde und seit Samstag nun auch den Spielplan des Wiener Schauspielhauses schmückt, hat eine mehr poetische denn praktische Antwort parat: Indem er seinem von der Schlafkrankheit heimgesuchten Helden Alexandar (Max Mayer) einen Taufpaten (Steffen Höld) an die Seite stellt, lehrt er den Hilflosen, dem Krankheitsbild der Antriebslosigkeit zu entsagen.
Sichtblenden aus Karton

Du musst dich verändern, raunt dieser spindeldürre Einflüsterer. Ihn stellt Höld wie einen mexikanischen Kleinadeligen auf Aurel Lenferts Bühne hin: als morbiden Würfelspieler, der zwischen den Stellagen eines Auffanglagers voller Sichtblenden aus Faltkarton das Prinzip Hoffnung mit beißender Ironie verkörpert.

"Bai Dan", dieser quecksilbrige Geist der Ermunterung, ist im Brotberuf Bankdirektor - und in Wahrheit ein gottbegnadeter Aufschneider. Er trägt das Backgammonköfferchen wie eine Wunderwaffe in die bulgarische Wohnküche von Jana und Vasko, Alexandars schwer melancholischen Eltern. Der Herr Papa betätigt die Elektrogitarre am Küchentisch - klimpert "People Are Strange" von The Doors, während das schöne, junge Mütterchen (Barbara Kerl) in Lederstiefeletten bereits die Laufstege der westlichen Welt heruntertrippelt - in der Einbildung, versteht sich.

Doch so geschickt Regisseurin Daniela Kranz die Erzählebenen auch ineinander blendet - an allen Ecken und Enden lauert der sauerste Kitsch. Nichts in Jette Steckels und Susanne Meisters Bühnenfassung lässt an eine Theatervorlage denken. Menschen, die auf Veränderung hoffen, müssen in der einen wie in der anderen Sphäre ihre Ansprüche an die Welt zurückschrauben.

Europa ersteht in dieser kleinen, selbstverliebten Bühnenmeditation auf als das große Asylheim: ein Wärmeplatz ohne ordnende Entwürfe, eine Tagesstätte für Frustrierte und Bauernschlaue, die auf einem Tandem den Kontinent durchqueren und sich genügsam freuen, wenn sie als Hütchenspieler einem Polizisten ein Schnippchen schlagen dürfen.

Trojanows Schelmenroman, der im Original viele Schönheiten birgt, verkommt zur Erbauungsliteratur: Nimm, oh Mensch, deine Benachteiligung durch widrige Verhältnisse nicht zu schwer. Setze dich auf einen Fahrradsattel, durchquere die Bezirke der Wohlhabenden - und lies die paar wenigen Krümel auf, die von ihren Roulettetischen für dich herabfallen.
Stottergeräusche

Und so gerät der Abend nicht nur ins Stottern, sobald er über Tod und Amnesie erzählen muss (immerhin kommen Alexandars Eltern bei einem Autounfall ums Leben). Er weiß mit der Überquerung der alten Trennungslinien zwischen Wohlstand und Elend nichts anzufangen. Er schweigt sich aus über die Mobilisierung der Ungezählten, die anonym zugrunde gehen, indem sie versuchen, die Mauern der Festung Europa zu überwinden. Dieser Abend zelebriert betulich die Feinheiten einer Poesie, die von dem ihr gesetzten Thema nichts wissen will. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 14.12.2009)

  • Wie man Wind macht für die Durchquerung eines Kontinents: Bettina Kerl versieht Radfahrer Alexandar (Max Mayer) mit Luft.
    foto: schauspielhaus © alexi pelekanos

    Wie man Wind macht für die Durchquerung eines Kontinents: Bettina Kerl versieht Radfahrer Alexandar (Max Mayer) mit Luft.

Share if you care.