Vom Prestigeprojekt zum Amtsentwurf

13. Dezember 2009, 18:29
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Vom Erstentwurf bleibt meist wenig übrig - Im Windschatten politisch aufgeladener Detailfragen ist manchmal aber auch mehr Modernität als erwartet möglich

Selbst über das Fertigstellungsdatum ist man sich nicht einig. Für Architekt Boris Podrecca ist der von ihm geplante neue Praterstern in zwei Monaten komplett, für Planungsstadtrat Rudolf Schicker sind dort die Arbeiten bereits am 23. Dezember erledigt. Nur ein paar Kleinigkeiten seien dann noch zu machen, heißt es in seinem Büro. Laut Architekt ist der Platz hingegen noch bis mindestens Ende Februar "ein Torso": "Der Brunnen fehlt zum Beispiel noch - und so lange der nicht da ist, kann ich nichts über das Projekt sagen." Unzufrieden ist der Architekt mit der Umsetzung seiner Pläne für den Praterstern trotzdem jetzt schon.

Vom ursprünglichen Entwurf ist wenig übriggeblieben. Statt einer vollständigen Überdachung des Platzes mittels Plexiglas-Stahl-Konstruktion hat man sich mit einem Glasdach bei der Bimstation und einer zehn Meter hohen Einfassung mittels nacktem Stahl begnügt. "Das unglückliche Gestell vernichtet den schönen neuen Bahnhof völlig", sagt der schwarze nichtamtsführende Stadtrat Norbert Walter. Man habe ihm bei der Detailplanung viel zu wenig Mitspracherecht eingeräumt, sagt Podrecca.

Durchgerutschte Bänke 

Wien steckt viel Geld in neue Oberflächen. Der Praterstern kostet 39 Millionen Euro, die neue Fußgängerzone in der City kam auf 20 Millionen, die Twin-City-Liner-Station am Donaukanal ist der Stadt sechs Millionen Euro wert. Bei allen Projekten wählten die von der Stadt eingesetzten Jurys durchwegs modernes Design statt Historismus - allerdings schaut's am Ende selten so aus, wie es sich der Planer eigentlich gedacht hat.

So gewann Clemens Kirsch den Wettbewerb für die vor kurzem fertiggestellten Neugestaltung von Kärntner Straße und Graben. Nach wochenlangem Streit wurden auf Wunsch der schwarzen Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel dort Bogenlichter in Jahrhundertwende-Optik statt Kirschs modernen Leuchten aufgestellt.

Inzwischen kann der Jung-Architekt damit ganz gut leben. "Ich bin im Nachhinein froh, dass immer nur über die Leuchten diskutiert wurde", sagt er. "In deren Windschatten sind die Bänke durchgegangen." Die neuen Sitzgelegenheiten auf der Kärntner Straße sind aus nachhaltig angebautem Tropenholz - und eignen sich dank vieler glatter Flächen gut zum Fläzen.

"Das ist Teil des Konzepts, ich wollte nicht, dass jeder Benützer kerzengerade auf dem Bankerl sitzen muss", sagt Kirsch. Eine - bei allzu bequemen Stadtmöbeln stets befürchtete - Inbeschlagnahme durch Obdachlose blieb aus.

Die Stadt bemühe sich in den letzten Jahren verstärkt um attraktive Verweilplätze, sagt Architekt Johannes Zeininger, Uni-Lektor und Mitglied der IG-Architektur, "oft auch mit Beteiligung der Anrainer." Architektur-Studenten seien außerdem zunehmend an ihrer eigenen Nachbarschaft interessiert. "Anstatt etwa ein neues Opernhaus für Peking zu entwerfen, beschäftigen sie sich mit dem Blick aus dem eigenen Fenster."

Dass die großen Prestige-Projekte in Wien am Ende anders als geplant aussehen, hänge vor allem mit dem Umstand zusammen, dass die Stadt bei der Auslobung viel zu vage sei. "Und wenn's dann bei der Umsetzung Widerstände gibt, wird sofort ein Amtsentwurf draus."

Ist manchen Architekten vielleicht auch die Selbstverwirklichung wichtiger als alltagstaugliche Planung? "Die Stadt Wien hat größtes Interesse daran, die Architekten in die Realisierung einzubinden", sagt Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SP), "und das geschieht auch tatsächlich. Aber wie alles im öffentlichen Raum ist das Ergebnis der Ausführungsplanungen immer ein Produkt von Wettbewerbsentwurf, technischer Umsetzbarkeit und persönlichem Engagement des Architekten." Während Wien viel Geld in die Gestaltung ausgewählter Straßen und Plätze investiere, liege der alltägliche öffentliche Raum im Argen, sagt Raumplaner Rainer Seiß.

Schmale Gehsteige und Radwege, dafür jede Menge Platz für fließenden und ruhenden Autoverkehr - "diese Zuteilung des öffentlichen Raums ist schlicht undemokratisch." Flächendeckend attraktive Freiräume zu schaffen sei eine vordringliche Aufgabe, "das ist aber natürlich ein Jahrzehnteprojekt". (Martina Stemmer, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Dezember 2009)

  • Für die einen die gelungene Neugestaltung einer vergammelten Gegend,
für die anderen der Platz mit dem "unglücklichen Gestell": der neue
Praterstern von Boris Podrecca.
    foto: standard/andy urban

    Für die einen die gelungene Neugestaltung einer vergammelten Gegend, für die anderen der Platz mit dem "unglücklichen Gestell": der neue Praterstern von Boris Podrecca.

  • In der neuen Fußgängerzone in der City stehen zwar neue alte Leuchten, aber auch sehr moderne Sitzbankerln.
    foto: standard/matthias cremer

    In der neuen Fußgängerzone in der City stehen zwar neue alte Leuchten, aber auch sehr moderne Sitzbankerln.

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