Traum und Wirklichkeit im selben Boot

13. Dezember 2009, 19:14
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Das Volkstheater verwandelt Woody Allens melancholische Kinohommage "The Purple Rose of Cairo" in eine bunte Klamotte - Regisseur Gil Mehmert umrankt ein Sozialdrama vor allem mit Klamauk

Wien - Einer der markigen Sprüche Woody Allens geht so: "Ich hasse die Wirklichkeit, obwohl ich mir darüber klar bin, dass sie immer noch der einzige Ort ist, an dem man ein anständiges Steak bekommt." Traum und Wirklichkeit, sie gehen nicht zusammen. Woody Allen muss es wissen, er hat es 1985 versucht. In der Tragikomödie The Purple Rose of Cairo (1985) gewährt er einem Leinwandhelden Eintritt in die Realität. Die Geschichte geht nicht gut aus.

Am Volkstheater, das nun eine Bühnenbearbeitung des Films zur Uraufführung brachte, lockt Cecilia (Heike Kretschmer) die männliche Filmfigur mit sehnsuchtsvollen Blicken von der Leinwand herunter in den Kinosaal. Dort träumt sich die junge Tellerwäscherin fast täglich von den sie umgebenden prekären Verhältnissen (im Amerika der 1930er-Jahre) hinüber in die verheißungsvolle Welt Hollywoods: Kino als Ort der Sehnsucht nach Exotik (Forschen in Ägypten), Abenteuer (Reisen), Schönheit, Reichtum, Liebe und Vergnügen (champagnergetränkte Nächte in glamouröser Gesellschaft).

In ihrer großen, unerfüllten Sehnsucht gehört diese Cecilia in Wahrheit zu jenen tragischen Geschöpfen, die auch in Horváth-Stücken von den Verhältnissen in die Enge getrieben werden. Sie ersehnt für ihr Leben jenen "Glanz", den auch Das kunstseidene Mädchen Irmgard Keuns in der Weimarer Republik erreichen wollte.

Amerikaner können um solch bedrohte Wesen leichte Geschichten spinnen. Woody Allens Kinohommage ist eine melancholische Tragikomödie, die den Anliegen all ihrer Figuren (jenen im Film sowie jenen im Film innerhalb des Films) gleichermaßen aufrichtig folgt. Das Volkstheater lenkt den Stoff dagegen hin zur Klamotte. Regisseur und Stückbearbeiter Gil Mehmert erzeugt rund um die Film-im-Theater-Szenen viele Grotesken, in die nicht zuletzt auch die Live-Musiker um Patrick Lammer involviert werden.

Die Regie hat sich an der technische Umsetzung abgearbeitet: Wie soll jemand im Theater glaubhaft von der Leinwand heruntersteigen? Robert Lepage hat es mit seinem The Andersen Project bei den diesjährigen Festwochen zauberhaft vorgeführt. Das Volkstheater geht allzu mechanisch vor und lässt eine Filmcrew in karikierenden Glitzerkostümen (von Werner Fritz) hinter einem Gazevorhang durchscheinen. Der dem Film entfliehende Protagonist Tom Baxter (Till Firit) lüpft für seinen Wechsel der Welten schlicht den Vorhang.

Noch mehr komödiantisches Tribut schlägt man aus der Doppelrolle Tom Baxtor (Filmfigur) und Gil Shepard (der Schauspieler), die beide von einem überaus wendigen Till Firit verkörpert werden. Einmal gibt es Szenenapplaus für den schnellen Rollenwechsel.

Zwar meidet die Inszenierung sämtliche Konkurrenzverhältnisse zum Film, setzt an die Stelle des zentralen Streifens Purple Rose of Cairo (das Volkstheater schreibt den Titel ohne The) aber ausgerechnet ein im eigenen Theaterfoyer schnell gedrehtes Homemovie.

Es wäre bei so einer Vorlage deutlich mehr drin gewesen als ein von minderen Filmimitaten umranktes Sozialdrama. Viel Klamauk, keine Zwischentöne. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe 14.12.2009)

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    Wenn der Traum aus der Leinwand steigt: Der Filmheld (Till Firit) wendet sich an seine Zuseherin Cecilia (Heike Kretschmer).

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