Stadt mit zehntausenden grünen Fahnen geschmückt - Gefangenenaustausch oder Aussöhnung mit Abbas?
Gaza/Tel Aviv - Mit einer Großdemonstration will die im
Gazastreifen herrschende Hamas-Organisation an diesem Montag den 22.
Jahrestag ihrer Gründung feiern. Tausende Anhänger der radikal-
islamischen Palästinenserorganisation zogen bereits am Wochenende mit
Motorrad-Korsos oder Umzügen durch Gaza. Die Stadt wurde mit
zehntausenden Fahnen in grüner Parteifarbe geschmückt. Zur
Demonstration am Montag werden hunderttausende Menschen erwartet. Die
Hamas-Führung hat eine "Überraschung" angekündigt.
In Gaza gibt es Spekulationen, wonach die Hamas nach jahrelangem
Streit die Unterschrift unter ein Aussöhnungsabkommen mit der
Fatah-Organisation des palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas
ankündigen könnte. Eine zweite Möglichkeit wäre die Ankündigung des
Gefangenenaustauschs mit Israel. Die Hamas fordert nach
Medienberichten die Freilassung von 1450 palästinensischen Häftlingen
für den im Juni 2006 in den Gazastreifen entführten israelischen
Soldaten Gilad Shalit.
Die Hamas hatte nach einem blutigen Bruderkampf mit der Fatah im
Juni 2007 die Kontrolle über den Gazastreifen übernommen. Rund die
Hälfte der 1,5 Millionen Einwohner ist entweder Mitglied oder
Sympathisant der Hamas. Die Radikalislamisten haben am Montag
Gegendemonstrationen der Fatah in Gaza verboten. Andererseits hat die
moderate Palästinenserführung um Präsident Abbas im Westjordanland
alle öffentlichen Hamas-Feierlichkeiten für Montag untersagt.
Die Hamas wurde zu Beginn des ersten Palästinenseraufstandes
(Intifada) am 14. Dezember 1987 gegründet. Israel betrachtete die
Hamas anfangs als willkommenes Gegengewicht zur Fatah von Ex-PLO-Chef
Yasser Arafat. Die Hamas ist eine national-religiöse Partei. Als
palästinensischer Arm der Moslembruderschaft unterhält sie einen
bewaffneten Arm mit bis zu 20.000 gut ausgebildeten Kämpfern, die
sogenannten Kassam-Brigaden.
Nach einer Serie von Selbstmordattentaten haben Israel, die USA
und die Europäische Union die Hamas als Terrororganisation
eingestuft. Vor einem direkten Dialog soll die Hamas erst das
Existenzrecht Israels anerkennen, Gewalt und Terror abschwören und
ihre militanten Gruppen entwaffnen. Einige Politiker und
Nahost-Experten plädieren hingegen für einen sofortigen Dialog mit
der Hamas, weil ihrer Meinung nach eine friedliche Lösung im Nahen
Osten ohne die zweitgrößte Palästinenserorganisation nicht möglich
ist.
Wegen der Blockadehaltung der Hamas können die Palästinenser Ende
Jänner nicht wie vorgesehen einen neuen Präsidenten und ein neues
Parlament wählen. Die Hamas hatte im Jänner 2005 eine absolute
Mehrheit bei den palästinensischen Parlamentswahlen errungen. Nach
der Entführung von Shalit im Juni 2006, dem Putsch der Hamas im Juni
2007 und einem anhaltenden Raketenbeschuss hat Israel den
Gazastreifen nahezu vollständig von der Außenwelt abgeschottet.
Derzeit lässt Israel nur humanitäre Hilfsgüter sowie Brenn- und
Treibstoff die Grenze passieren. Rund ein Jahr nach Beginn des
Gazakrieges hat der Wiederaufbau noch nicht begonnen. (APA)