Mayröcker erhielt "Sprachgeschenke"

12. Dezember 2009, 16:06
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Im RadioKulturhaus wurde der Geburtstag der großen Dichterin vorgefeiert - "Ich lebe nur in Sprache" - Mit Video

Wien - Wenige Tage vor ihrem 85. Geburtstag, den sie am 20. Dezember feiert, erhielt die österreichische Dichterin Friederike Mayröcker gestern, Freitag, Abend im Wiener RadioKulturhaus von ihren Freunden "Sprachgeschenke" überreicht. Bei der von der "Friederike Mayröcker Gesellschaft" organisierten und von Irene Suchy moderierten Veranstaltung lasen Bodo Hell, Sonja Harter, Klaus Schöning und Liesl Ujvary, spielte Peter Ponger am Klavier wunderbare Improvisationen, hielt Elisabeth von Samsonow einen kurzen Diavortrag und konfrontierte Peter Weibel die Jubilarin in einem launigen Gespräch mit "scheußlichen Fragen".

Peter Weibels "Gretchenfrage" "Wie hältst Du es mit dem Feminismus?" beantwortete Friederike Mayröcker u.a. mit dem Bekenntnis, Gertrude Stein, die sie erst vor einigen Jahren entdeckt habe, "mit größter Begeisterung" zu lesen, "aber nie unter einem feministischen Aspekt, sondern weil sie ein Genie ist". Während Fragen nach Colette ("Nie gelesen") und dem "Theorie-Technik-Verhältnis" ("Ich war immer neugierig darauf, wohin das Schreiben bei mir führt.") eher ins Leere gingen, und Mayröcker erwiderte, sie wolle "vielleicht mich selbst verzaubern", jedoch gewiss nicht die Menschen, landete Weibel bei "Fritzi" mit dem Thema der Synästhesie einen Volltreffer. "Ich kann alles durch meine Augen in mich aufnehmen und aus mir herausschreiben", sagte die Dichterin und: "Ich lebe nur in Sprache." Darauf Weibel zufrieden: "Augen, Zunge und Ohren sind nur Sprachorgane - ganz genau!"

Lesung

Mayröcker selbst las aus ihrem jüngsten Gedichtband "dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif", Harter und Ujvary trugen aus eigenen Texten vor. Schöning erinnerte sich an Zusammenarbeiten mit Mayröcker und Bodo Hell las, begleitet von Pianist Ponger, Mayröcker-Prosa. Anhand von Dias eigener Skulpturen versuchte Samsonow Parallelen ihrer eigenen Arbeit zu jener der "liebsten Fritzi" herauszuarbeiten: die unbefleckte Empfängnis, das andauernde "Sich-geschwängert-Fühlen" von "Ich-weiß-nicht-was", "die Vielfalt des Ich, das Du mit uns teilst", sowie die "Logik der Tränen". Noch schwerer nachvollziehbar war der Abschluss, als "Überraschungsgast" Libgart Schwarz bei der Überreichung eines großen Blumenstraußes kaum in Worte zu fassen vermochte, warum das Werk der Dichterin ihr so nahe ginge.

Ob die überaus gut besuchte Veranstaltung tatsächlich den von der vor einem Jahr gegründeten "Friederike Mayröcker Gesellschaft" verfolgten Zweck, nicht nur die wissenschaftliche Erforschung und die Pflege des Mayröcker-Werks voranzutreiben, sondern dieses auch der Jugend nahezubringen, erreicht hat, ist fraglich. Ausschnitte dieser Veranstaltung sind jedenfalls am 20. Dezember - Mayröckers Geburtstag - ab 21.15 Uhr in einem "Ö1 extra" zu hören. Bereits am 15. Dezember (20.00 Uhr) wird im Akademietheater der Dokumentarfilm "Das Schreiben und das Schweigen" von Carmen Tartarotti gezeigt, der auf der Viennale 2008 Premiere hatte und die Dichterin in ihrem engsten Lebens- und Arbeitsumfeld porträtiert. Neben der Filmemacherin werden auch Friederike Mayröcker und Elisabeth von Samsonow teilnehmen. ORF 2 zeigt am Geburtstag um 9.55 Uhr Katja Gassers Porträt "Rasen und Rotieren im Kopf", das auf 3sat bereits am Vorabend (19.20 Uhr) zu sehen ist. (APA)

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