Von der Vertonung des urbanen Ungemachs

11. Dezember 2009, 22:21
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Der "Wiener Beschwerdechor" übt das Belcanto des Suderns

Wien - Wien ist ja nicht nur (die selbsternannte) Welthauptstadt der Musik, sondern auch Welthauptstadt im Nörgeln, Sudern, Matschgern, Raunzen, Lamentieren und - ganz allgemein - Grantigsein. So gesehen, gibt Oliver Hangl zu, stimme es, dass sein "Wiener Beschwerdechor" spät kommt: Beschwerdechöre gibt es längst. Und auf der ganzen Welt.

Denn seit 2005 die Finnen Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen begannen, Alltagsmotzereien in Chorstücke des Ungemachs zu verwandeln, finden in über 20 Städten A-cappella-Jammer-Jams statt: In Birmingham ebenso wie in Vancouver, Melbourne, Jerusalem und Singapur. Und während heuer Tokio und Istanbul ins polyfone Grant-Belcanto einstimmten und sogar St. Pölten (leise) die vielstimmige Vertonung der Schelte übt, artikulierte Wien den Frust musikalisch als Pause.

Beschwerdekultur

Bis jetzt. Denn Mitte der Woche lud Hangl zur Gründung des Wiener Beschwerdechors. Gemeinsam mit dem Szeneoriginal Sir Tralala legte er den Grundstein für eine "neue, lebensfrohe, allen offene Form der Beschwerdekultur" (Hangl). Bald, postulierte Hangl vor einer gutgelaunten bunten Schar, werde man der Welt und der globalen Beschwerdechorkollegenschaft zeigen, dass Wien auch im Klageliedwesen weltweit tonangebend sei.

Der Plan laute nämlich, das gesungene Non-Placet an den Anlassort zu tragen: zu Behörden, in Ämter, zu Politikern, Wirten oder in Medienhäuser. "Ich denke da an Flashmob-artige Chorinterventionen", sagte Hangl.

Sammelaufruf im Web

Die Sorge, beschwerdemäßig zu "verhungern", ist natürlich unbegründet: Ein erster Sammelaufruf im Web war mehr als ergiebig. Und der globalen Jammersängerschaft dröhnt vor lauter "Mein Chef schiebt seine Fehler auf mich" und "Wieso werden ganze Wälder für die Klopapierproduktiona abgeholzt - und trotzdem ist nie Papier am Klo"-Anmerkungen, ohnehin der Kopf. Und vor allem: Sollte es einen einzigen Tag geben, an dem in Wien nicht genörgelt wird, wäre allein das Grund genug, sich mehrstrophig zu beschweren. Zumindest für einen Beschwerdechor.(Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe 12.12.2009)

  • Beschwerde! In Finnland singen 91 Menschen Klagelieder. Hangls (li.) Wiener Chor hat aber bislang nur gestellte
    foto: standard/ csaky

    Beschwerde! In Finnland singen 91 Menschen Klagelieder. Hangls (li.) Wiener Chor hat aber bislang nur gestellte

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