"Werde nicht mit Diktatur kokettieren"

11. Dezember 2009, 21:07
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Der unabhängige Präsidentschaftskandidat Marco Enríquez-Ominami will die Macht der Familiendynastien verringern - STANDARD-Interview

Weiters will er den Staat modernisieren und die staatliche Bildung verbessern, sagte er zu Sandra Weiss.

Standard: Bisher wurden Wahlen in Chile zwischen zwei bestimmenden Kräften ausgetragen, der Rechten und dem Mitte-links-Bündnis Concertación. Plötzlich tauchen Sie auf und schießen auf 17 Prozent in den Umfragen, nur knapp hinter dem Kandidaten des Mitte-links-Bündnisses. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Enríquez-Ominami: Ich bin authentisch und mutig.

Standard: Chile gilt als wirtschaftlich erfolgreiches Land, was hat die Concertación denn falsch gemacht, was Enríquez-Ominami besser machen würde?

Enríquez-Ominami: Die Concertación hat sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht und aufgehört, über Transparenz und Effizienz zu diskutieren. Natürlich spielt der Markt eine wichtige Rolle. Wir brauchen aber auch einen starken, effizienten Staat. Die Concertación hat den Staat nicht genug modernisiert. Wir müssen das Wahlrecht reformieren, das kleinere Parteien benachteiligt. Wir müssen stärker dezentralisieren. Und ich bin für obligatorische Vorwahlen in den Parteien. Ich etwa wurde aufgrund meiner Familiendynastie als Parlamentarier aufgestellt. So etwas darf es heutzutage nicht mehr geben. Jeder, der sich zu einem politischen Amt berufen fühlt, muss eine demokratische Chance bekommen.

Standard: Wie wollen Sie die Ungleichheit bekämpfen?

Enríquez-Ominami: Durch eine Steuerreform, damit wir mehr Geld in die Bildung stecken können. Die Chancengleichheit hat mit der Bildung zu tun, und die staatliche Bildung in Chile ist katastrophal. Das muss man ändern, damit auch die Schüler der öffentlichen Schulen eine qualitativ genauso gute Ausbildung bekommen wie die an privaten. Ich will die Subventionen verdoppeln, die Zahl der Schüler pro Klasse senken, die Lehrer einer Evaluierung unterziehen, ihre Gehälter anheben. Aber das ist eine Mammutaufgabe für mindestens die nächsten vier Präsidenten.

Standard: Welches sind ihre politischen Vorbilder?

Enríquez-Ominami: Ich bin ein progressiver Liberaler. Mit dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, mit Ecuadors Staatschef Rafael Correa und mit der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández habe ich lange diskutiert, und wir waren uns einig, dass das Schlüsselthema in Lateinamerika die Effizienz des Staates ist.

Standard: Sie haben lange im Exil gelebt, ihr Vater wurde unter der Militärdiktatur umgebracht. Wie wollen Sie mit der chilenischen Vergangenheit umgehen?

Enríquez-Ominami: Ich werde keinesfalls mit irgendeiner Diktatur kokettieren, weder mit unserer aus der Vergangenheit noch mit aktuellen wie in Honduras. Keine Diktatur lässt sich durch ein Wirtschaftsmodell, so erfolgreich es sein mag, rechtfertigen. Die Mörder meines Vaters und vieler anderer Chilenen sind heute auf freiem Fuß. Da schuldet uns die Justiz eine Erklärung. Ich bin aber nicht für Revanchismus. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.12.2009)

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    Zur Person
    Marco Enríquez-Ominami (36) hat seine Schulzeit im Exil in Frankeich verbracht. Er studierte Regie und Philosophie. Enríquez-Ominami ist mit der TV-Moderatorin Karen Doggenweiler verheiratet.

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