Der Krieg des Friedensnobelpreisträgers

11. Dezember 2009, 19:39
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Indem Obama Afghanistan zu seinem Krieg macht, erklärt er in den Augen vieler, vor allem vieler Muslime, auch der muslimischen Welt den Krieg

I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat. We have before us an ordeal of the most grievous kind. You ask, what is our aim? I can answer in one word: Victory. Victory at all costs - Victory in spite of all terror - Victory, however long and hard the road may be, for without victory there is no survival.

Das ist große Rhetorik. Winston Churchill am 10. Mai 1940 vor dem britischen Unterhaus. Er hielt als neu installierter Premierminister die Nation angesichts des scheinbar unbesiegbaren Hitler praktisch nur durch seine großen Reden zusammen.

Oder: Franklin Delano Roosevelt bei seiner Amtseinführung 1933: The only thing we have to fear is fear itself. Das gab den Amerikanern in einer fürchterlichen Wirtschaftskrise das Selbstvertrauen zurück. Oder die "I have a dream"-Vision Martin Luther Kings am 28. August 1963 von dem Tag "when all of God's children ... will be able to join hands and sing in the words of the old Negro spiritual, ,Free at last! Free at last! Thank God Almighty, we are free at last!‘"

Die großen englischsprachigen Redner Churchill, Roosevelt und King waren auch große Akteure der Weltgeschichte, Täter im besten Sinn des Wortes. Barack Obama hat schon mehrere stilistisch glänzende Reden gehalten, zuletzt bei der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo, die Taten stehen noch aus.

Doch gerade die Rede in Oslo kann als eine klare innere Handlungsanleitung des Präsidenten gesehen werden, der vor allem in Europa als die Antithese zu dem kriegsbereiten und vielleicht kriegslüsternen Vorgänger George W. Bush gilt: "Täuschen Sie sich nicht", sagte er zu den versammelten Dignitäten. "Es gibt das Böse auf der Welt. Eine Armee der Gewaltlosen hätte Hitlers Streitkräfte nicht aufgehalten." Und: "Der Gebrauch von Gewalt ist manchmal nicht nur notwendig, sondern auch moralisch gerechtfertigt".

Gehört der Krieg in Afghanistan in diese Kategorie? So wie er geführt wird - hauptsächlich aus der Luft und daher mit unvermeidlichen schweren Opfern unter der Zivilbevölkerung -, ist er moralisch kaum vertretbar.

Ob er wirklich notwendig ist, um den islamistischen Terror einzudämmen? Möglicherweise hat sich Obama den falschen Krieg ausgesucht, um die Wahrheit, dass der Krieg manchmal notwendig ist, um das Böse zu besiegen und den Frieden zu erhalten, zu beweisen.

Jedenfalls hat er sich damit aber als der typische "international interventionistische Liberale" erwiesen, der die amerikanische und angelsächsische Welt während des 20. Jahrhunderts prägte. Die USA haben in zwei Weltkriegen eher zögernd, aber letztlich doch das Schwert gezogen, um die Demokratie und die Menschenrechte durchzusetzen. Sie haben sie im Kalten Krieg gegen den Sowjetimperialismus verteidigt.

Obama hält offenbar den islamischen Radikalismus für eine ähnliche starke Bedrohung. Indem er Afghanistan zu seinem Krieg macht, erklärt er in den Augen vieler, vor allem vieler Muslime, auch der muslimischen Welt den Krieg. Bush ist damit gescheitert. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 12.12.2009)

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