Die Zukunft kann schwarz oder weiß sein

11. Dezember 2009, 19:15
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Die Stimmung bei Bösendorfer ist derzeit auf Moll, der von Yamaha vorgegebene Rhythmus könnte auch neue Harmonien hervorbringen

Wien - Rupert Löschnauer ist Kommunikationschef von Bösendorfer. Er vertritt also 181 Jahre Klavierbautradition. Die Vergangenheit ist festgeschrieben, über die kann er alles erzählen. Was hingegen die Zukunft der neben Steinway (USA) weltbesten Flügelproduzenten anlangt, sagt er, dass er derzeit nichts sagen kann. Leider.

Weil derlei Unhöflichkeit nicht in das kultivierte Weltbild eines Bösendorfer-Mitarbeiters passt, serviert er zumindest Kaffee. In feinen Schalen und unter prächtigem historischem Gewölbe.

Die Verhandlungen der Belegschaft mit den neuen Bösendorfer-Managern von Yamaha laufen im Moment. Der Betriebsrat sagt auch nichts. Man will die Gespräche nicht durch Misstöne gefährden. Fest steht: Bösendorfer bleibt als Marke erhalten, soll auch weiterhin in Österreich produzieren. Allerdings ausschließlich im bereits seit den frühen 70er-Jahren bestehenden Werk in Wiener Neustadt.

Abschied nach 140 Jahren

Was derzeit wirklich weh tut, ist der Abschied einer noch nicht näher bezifferten Anzahl von Mitarbeitern der insgesamt rund 170 - und der Abschied aus diesem Haus hier in der Wiener Graf-Starhemberg-Gasse im Vierten Bezirk.

Vor knapp 140 Jahren ist die Bösendorfer-Manufaktur hier eingesiedelt. Tausende Klaviere wurden unter diesem Dach gebaut, gestimmt, feinst intoniert und auf die Reise in die Salons Betuchter und die Konzertsäle dieser Welt geschickt.

Noch vor kurzem war in den verwinkelten Räumen des über 200 Jahre alten Ensembles ein Hämmern und Feilen im Dienste perfektionierten Wohlklangs. Jetzt ist es still. Kein Tastenanschlag zu hören. Die letzten Bösendorfer-Flügel stehen stumm und glänzend in Reih und Glied. Warten auf den Abtransport.

An die 220.000 Euro kostet der teuerste von ihnen, der Günstigste kommt immer noch auf gute 60.000. Feinste Handarbeit und Know-how. Ein Klang, den Pianisten wie András Schiff als "wienerisch im besten Sinne" rühmen. Mit einer Herde wunderschöner arabischer Hengste hatte Jazz-Meister Oscar Peterson, selbst passionierter Bösendorfer-Spieler, die ausgestellten Prachtkreaturen verglichen, bevor er sich seinen Konzertflügel kaufte.

3,5 Millionen Euro Verlust im Vorjahr

Auch Yamaha hat ein paar gute Pferde im Stall, keine Frage. Der Konzertflügel der Weltmarktführer wird von Pianisten durchaus als hervorragend qualifiziert. Doch Bösendorfer und Steinway - Letztere sind die mit gewaltigem Abstand kommerziell erfolgreichsten Konzertklavierbauer - sind seit jeher um jenen Anschlag, um jene entscheidende Nuance besser, auf die es ankommt. Doch der berühmte Klang allein füllt die Kassen nicht.

An die 500.000 Klaviere werden weltweit jährlich produziert. Yamaha baute zuletzt 73.000 Pianinos und 20.000 Flügel davon. Dagegen nimmt sich schon Steinway mit seinen 3000 Flügel mickrig aus. Und Bösendorfer? Zwei-, dreihundert Stück jeweils in den vergangenen Jahren - und ein Verlust von 3,5 Millionen Euro allein im vergangenen Geschäftsjahr. Yamaha will nun den Vertrieb zusammenlegen, also konzertiert auftreten. Das neue Management will den Output steigern, innerhalb der kommenden zwei Jahre muss wieder Gewinn geschrieben werden.

Der berühmte "Wiener Klang" der BösendorferKlaviere soll optimal vermarktet werden. Der seit 1913 bestehende Bösendorfer Stadtsalon im Musikverein bleibt die repräsentative Verkaufsadresse in Wien. In dem war seinerzeit noch Ludwig Bösendorfer selbst aus und eingegangen.

Ganz so unharmonisch tönt das alles also nicht. Doch kommt es jetzt darauf an, das lassen Bösendorfer-Mitarbeiter fein anklingen, ob die Yamaha-Leute mit Bösendorfer gewissermaßen "geimpft" werden können und eine Kultur zu vermitteln imstande sind, die einen Teil der Qualität dieser Klaviere ausmacht.

Steinway hatte den längeren Atem

Denn Bösendorfer spielt in einer ganz eigenen, von keinem anderen beherrschten Liga. Zwar stehen in 95 Prozent aller namhaften Konzertsäle Steinway-Flügel, doch liegt das, so sagen die Pianistenprofis, nicht daran, dass deren Qualität eine bessere wäre. Sie sind anders - und es gibt viel mehr davon. Die Amerikaner hatten nach dem Zweiten Weltkrieg den längeren Atem und in den vergangenen Jahrzehnten ein professionelleres Management. Bei Bösendorfer hingegen schweigt man sich über die Bawag als letzte Eigentümerin lieber vornehm aus. Und die Zeiten Ludwig Bösendorfers sind lang vorbei.

In den fast schon verlassenen Hallen hängen noch Kopien seines Anschlags "An meine Herren Mitarbeiter!" anno 1902: "Da die eingehendste und längste Hausordnung immer lückenhaft sein wird, beschränke ich mich auf Folgendes: 1. Ich beanspruche von meinen Mitarbeitern möglichst gute Arbeit und Anständigkeit. 2. Dagegen haben meine Mitarbeiter selbstverständlich das Recht, von mir ebenfalls Anständigkeit und möglichst hohe Bezahlung zu beanspruchen."

Ein Dirigent ist nichts ohne sein Orchester. Klaviere wie die von Bösendorfer sind keine Fließbandware. Tory Amos behauptet, sie seien "Kreaturen, die leben". Die Hausordnung hat sich die längste Zeit bewährt. Von beiden Seiten eingehalten kann Moll vielleicht langsam wieder in Dur umschlagen. (Ute Woltron, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.12.2009)

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    An die 220.000 Euro kostet der teuerste Bösendorfer-Flügel, der günstigste kommt immer noch auf gute 60.000.

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