Kalte Dusche für die Weihnachtsmärkte

11. Dezember 2009, 18:53
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Der Dezember war für viele Wiener Adventmärkte bisher wenig berauschend. In ihren Kassen soll ein Fünftel des Umsatzes fehlen

Handelsexperten sehen dennoch ein immenses Geschäft. Punsch fließt trotz Regens in Strömen.

Wien – Hermann Stessl träumt von Plastikenten am Christkindlmarkt. Für einen Platz vor dem Rathaus in Wien würde er seine Schießbuden weihnachtlich aufputzen, sinniert er. Aber bis er bei dem Händlerandrang an die Reihe käme, wäre er wohl in Pension. Schon seine Kinder hätten sechs Jahre gewartet, bis sie hier ihre Lebkuchenherzen und Zuckerwatte verkaufen durften.

Der Steirer zog einst mit seinem Karussell landauf landab. Mittlerweile besitzt er Spielbuden und ist mit ihnen acht Monate im Jahr auf Volksfesten, Kirtagen und Messen unterwegs. Über größere Anschaffungen traue sich kein Marktfahrer mehr drüber, erzählt er. Seine Enten reichten ihm zum Leben, größere Sprünge seien aber nicht drinnen. Um den Winter zu überbrücken, helfe er seinem Sohn am Rathausplatz. Denn die angeheiratete Verwandtschaft lenke dort seit gut 40 Jahren auch die Geschicke des Karussells und der Bimmelbahn.

Stessl hat Zeit zum Plaudern, der große Ansturm sei heuer ausgeblieben und werde bei diesem Wetter auch nicht kommen, seufzt er mit Blick auf die tiefen Regenpfützen. Über Sein oder Nichtsein vor dem Rathaus und auf drei weiteren Wiener Weihnachtsmärkten entscheidet Akan Keskin. Die erste Woche habe um gut ein Drittel weniger Besucher als vor einem Jahr gebracht, rechnet er vor. Bei den Umsätzen sei man bisher um 20 Prozent hinten. "Berauschend ist das nicht."

"Junge tun sich das nicht mehr an"

Der Großteil seiner Standler seien professionelle Marktfahrer und Händler, sagt Keskin, der zugleich ihr Obmann ist. Rund 5000 gebe es davon in Österreich und damit nur noch halb so viel wie vor zehn Jahren. Es fehle nicht an Jahrmärkten sondern an Nachwuchs. "Junge tun sich das nicht mehr an." Zumal ja schon jede Bezirksstadt ihr eigenes Einkaufscenter habe. Dass punschgetränkte Weihnachtsmärkte wahre Goldgrube sind, sieht er so nicht.

Sie dienten vielmehr der Überbrückung des Winters mit bis zu 16 Stunden Arbeit am Tag. Die Standgebühren seien zudem nicht ohne. Sechs Wochen Rathausplatz würden sich mit bis zu 14.000 Euro zu Buche schlagen, sagt Keskin. Manche Standler kämen in Wien auch auf das Doppelte, wird gemunkelt.

Handelsexperten sehen in Weihnachtsmärkten ein hoch professionell geführtes boomendes Geschäft – in das jedes Jahr enorm investiert wird. Die Österreicher verkaufen ihre Konzepte bereits nach Italien, weiß Roland Murauer, Chef des Beraters Cima. Da werde über Regionen hinweg kooperiert, um daraus nachhaltige wirtschaftliche Effekte für das gesamte Jahr zu erzielen.

190 Millionen Euro Umsatz

Allein der Wiener Markt am Rathausplatz soll laut der Kammer indirekt 30.000 Jobs in Hotellerie wie Gastronomie und eine Umwegrentabilität von 40 Mio. Euro bringen.

Kosten von vier Mio. Euro stünden Umsätze von knapp 189 Mio. gegenüber, zeigt eine Cima-Analyse aus dem Vorjahr von 245 österreichischen Adventmärkten. Diese ziehen geschätzte 8,6 Mio. Besucher an. Das ergebe Ausgaben von mehr als 20 Euro pro Kopf und Tag.

Einige beäugen das emsige Treiben nicht ohne Argwohn: Auf Kosten stationärer Händler würden da ohne Rücksicht auf Ladenöffnung und andere Vorschriften immense Geschäfte gemacht. Bei Keskin löst das Kopfschütteln aus, schließlich verkaufe man ja nicht die gleichen Produkte. Im übrigen sei das eine Frage von Angebot und Nachfrage. Auch unter den Standlern blieben letztlich nur die guten bestehen.

Krisenresistent zeigt sich auf jeden Fall die Punschbranche. Allein in Wien hat die MA 59 mehr als 240 Stände inklusive der Gastronomie bewilligt. Innerhalb eines Marktes darf ihnen bis zu einem Drittel des Platzes zuteil werden. Für ein Vierterl der süßen Mischung legt man nicht selten vier Euro ab, die Rezeptur ist nur beim Glühwein geregelt. Über die unters Volk gebrachten Mengen kursieren abenteuerliche Schätzungen: Ein guter Stand bringe es wochentags auf hunderte Liter. Wie viel an der Steuer vorbei fließt, ist keinem zu entlocken. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.12.2009)

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    Jedes Jahr werden neue Weihnachtsmärkte aus dem Boden gestampft.
    Italien zeigt an den Konzepten der Österreicher Interesse.

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