"Mission erfüllt"

11. Dezember 2009, 17:53
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Markus Rogan strebt via Los Angeles den Sieg bei der Langbahn-EM 2010 in Budapest an. Um Trainingsvorsprung zu haben, kehrte er nach seinem Sieg der Kurzbahn-EM gleich wieder den Rücken

Istanbul - Leicht macht es sich Markus Rogan wahrlich nicht. Auch der befreiende Gewinn der Goldmedaille über 200 m Lagen zum Auftakt der Schwimm-EM konnte Rogan nicht davon abhalten, wenige Stunden später bereits wieder Hanteln und Gewichte in der Kraftkammer des Istanbuler Teamhotels zu stemmen. Und weil es sonst ja zu einfach wäre, beantwortete er verschwitzt während jeder Runde des Zirkeltrainings Fragen von Journalisten, denen er spätabends noch Audienz gewährte.

"Die erste Frage, die mir mein Coach nach dem Rennen am Telefon stellte, war, wieso ich keinen Weltrekord geschwommen bin" , sagte Markus Rogan. Seiner neuen Europarekordzeit von 1:51,72 Minuten fehlten nur 17 Hundertstel. "Ich war also noch nicht gut genug, muss noch mehr trainieren."

Leicht macht es Markus Rogan aber auch allen anderen nicht. Am Freitag saß der 27-Jährige bereits im Flieger nach Wien. Und das, obwohl er am Samstag absolute Medaillenchancen über 100 m Lagen und 100 m Rücken gehabt hätte. "Nur Gold zählt, Silber nicht. Ich möchte so trainieren, dass ich nur Gold gewinnen kann" , erklärte der Wiener seinen Entschluss zur vorzeitigen Abreise. Von diesem hatte der österreichische Schwimmverband übrigens erst nach dem inszenierten Spektakel in der Kraftkammer erfahren.

Die Teamkollegen waren von der Entscheidung des Europameisters überrascht. Fabienne Nadarajah am Freitag: "Dass er schon weg ist, habe ich nicht gewusst. Er soll die Heimat schön grüßen." Dominik Koll: "Typisch Markus. Er hat noch mehr vor."

Hinter den Kulissen machte sich unter den Athleten aber auch Verärgerung breit. Von einer "Show" war die Rede, die die Leistung der anderen Schwimmer total in den Hintergrund rücken lasse.

Der OSV, der im Vorfeld der EM mit drei Medaillen rechnete, kann realistischerweise nur noch am Samstag durch Dinko Jukic (200 m Delfin) punkten. Nachtrauern will der Verband einer möglicherweise vergebenen Medaille von Rogan aber nicht. "Die Jagd nur nach Edelmetall wäre für den Verband reiner Selbstzweck" , sagte OSV-Präsident Paul Schauer. "Wir wollen die Leistungsdichte im Team erhöhen. Es war allein seine Entscheidung, nicht mehr anzutreten. Wenn, so hat er nur sich selbst um eine Medaille betrogen."

Drei Tage Vorsprung

Rogan selbst sah mit Gold über 200 m Lagen seine EM-Mission erfüllt. "Aber ich habe noch einiges an Energie über" , sagte er. "Dieser Sieg hat Euphorie in mir entfacht, und dieses Potenzial will ich im harten Training nützen, bevor es verpufft." Auf die Frage, wieso er sich damit nicht noch bis Sonntag und also bis nach den Titelkämpfen gedulden wollte, meinte er: "So habe ich drei Trainingstage Vorsprung auf László Cseh. Und die werde ich für die Langbahn-EM 2010 in Budapest brauchen."

Der ungarische Lagen-Spezialist, der am Freitag über 400 m in Weltrekordzeit Europameister wurde und sich für die Schlappe über 200 m Lagen (7.) rehabilitierte, stellt seinen Trainingsplan jedenfalls nicht um. "Ich glaube nicht, dass er wegen dieser drei Tage gegen mich gewinnen wird" , sagte Cseh dem Standard. "Meine Vorbereitung für die Heim-EM beginnt im Jänner."

Trainieren wird Rogan weiterhin in Los Angeles unter dem US-amerikanischen Coach Dave Salo, der bereits Amanda Beard und Aaron Peirsol unter seinen Fittichen hatte. Salos Co Jeremy Kipp hatte Rogan vor Ort in Istanbul betreut. Rogan: "Auf sie vertraue ich voll-ends. Mit ihnen will ich probieren, die größten Sachen zu erreichen." Die übernächste größte Sache wäre Gold bei den Olympischen Spielen 2012 in London. (David Krutzler - DER STANDARD PRINTAUSGABE 12.12. 2009)

 

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