Zeitfresser und Urstrumpffrau

11. Dezember 2009, 18:00
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Am Sonntag wird die märchenhafte Pop-Oper "Antonia und der Reißteufel" uraufgeführt

DER STANDARD durfte schon vorher hinter die Kulissen schauen: Glatzen kleben im Akkord.

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Wien - Ein Opernhaus vor einer Premiere ist wie ein Ameisenhaufen, in dem es ordentlich wuselt. Sehr viele Leute eilen auf sehr engen Gängen von da nach dort, Kostüme, Instrumente und die eigene Aufregung mit im Schlepptau. Eine Opernproduktion ist wie ein Uhrwerk, hunderte kleine Rädchen müssen präzise ineinandergreifen, damit den Besuchern die Aufführung als eine wie selbstverständlich sich ereignende Tollheit erscheint. Und so mühen sich die vielen Ameisen, das Räderwerk flink zu schmieren.

Im Baukörper der Wiener Volksoper kribbelt es zurzeit heftig, die Uraufführung einer Pop-Oper für Kinder steht hier bevor: Antonia und der Reißteufel von Angelika Messner (Libretto) und Christian Kolonovits (Musik). Die märchenhafte Geschichte dreht sich um die gehörnte und pferdefüßige Titelfigur, deren Herz der Zeitenfresser und seine Kumpane Eile, Sorge, Stress, Neid und Gier gestohlen haben. Dieser Reißteufel versucht, die Leere in seinem Leben zu füllen, indem er Kinder fängt und dann einsperrt, um dank ihrer Stimmen wieder etwas Glück zu verspüren.

In der großen Backstage-Wuselei mit dabei sind Antonia und Mai, beide 13 Jahre jung, beide trotz der Aufregung ziemlich relaxed und beide Sängerinnen im zweiundzwanzigköpfigen Kinderchor des Hauses. "Urcool" beurteilt Antonia die Musik, "voll oarg" findet Mai die Käfige, in denen einige der Kinder vom Reißteufel gesteckt werden, und "voll super" finden beide unisono die Schulfreistellung während der Probenzeit: "Fast die ganze nächste Woche!"

Wampen und Riesenzinken

Wenige Schritte von den Chorgarderoben entfernt sind Maske-Chef Peter Köfler und seine Mitarbeiter damit beschäftigt, im Akkord Glatzen zu kleben, Nasen anzupappen und Perücken zu befestigen. Kostümmäßig am schlimmsten hat es Daniel Schmutzhard erwischt: Als Reißteufel muss er sich in eine beachtliche Wampenlandschaft zwängen, mit der er in einer Hässlichkeitskonkurrenz locker jede Presswurst besiegen dürfte; später kommen noch Klumpfuß, Riesenzinken, Hörner und teuflisch wildes Haupthaar dazu.

Knapp zwei Stunden dauert das Martyrium, um vom Mann zum Monster zu mutieren. Doch es macht Spaß, versichert der junge Bariton auf Anfrage: Weil ihm die Musik tauge, die besondere Rolle, und die Arbeit mit und für Kinder sowieso.

Mit sichtlicher Freude führt Bühnenbildner Christof Cremer durch die von ihm gestalteten Bühnenbauten und erklärt den technisch aufwändigsten Teil: eine innen betreppte, semitransparente, lange Wand, die in den unterschiedlichsten Farben leuchten kann. Und das Lila des Teddybären-Strickpullovers findet sein farbliches Echo im Kostüm seiner Besitzerin, der Urstrumpffrau.

Die Kosten für die Ausstattung sind "mördertopsecret", beteuert Eva Koschuh von der Pressestelle, noch bevor Cremer überhaupt Atem holen kann. "Bei Kindern zu sparen ist der falsche Weg" , meint Ameisenkönigin - Pardon: Volksoperndirektor - Robert Meyer, der bei Antonia und der Reißteufel auch Regie führt.

Schließlich soll diese Pop-Oper das Flaggschiff der Volksopern-Kinderaktivitäten werden. Dafür gibt es nicht nur ein imposantes Bühnenbild und üppige Kostüme, sondern auch ein großes Orchester für die Musik von Christian Kolonovits. Mit ihrer Mischung aus Pop, Rock, Rap und Klassik soll sie so vielfältig, bunt, lebendig und anschaulich sein wie das auf der Bühne Gebotene. Insgesamt sitzen sechzig Musiker/innen im Orchestergraben - ein Opernorchester plus eine kleine Band.

"Wir werden kreischen, brüllen und schrei'n", singen die Kinder am Ende der Oper, "leichtsinnig, lustig und aufgekratzt sein. Nie mehr kuschen, die Stimme erheben, sagen, was wir wollen im Leben." Na dann: Ameisen, regt euch, Rädchen, dreht euch. Und alles in Lila! Vorhang auf. Karten sind nur noch für die Zusatzvorstellung am 1. 3. 2010 verfügbar. (Stefan Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.12.2009)

  • DerReißteufel (Daniel Schmutzhard) sperrt Antonia(Elisabeth Schwarz) in
den Käfig, um dank ihrer Stimme Glück zu empfinden. Doch sie weiß
sichzu wehren.
    foto:dimov/volksoper

    DerReißteufel (Daniel Schmutzhard) sperrt Antonia(Elisabeth Schwarz) in den Käfig, um dank ihrer Stimme Glück zu empfinden. Doch sie weiß sichzu wehren.

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