"Österreich bleibt immer Nummer eins"

12. Dezember 2009, 10:07
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Sepp Brunner, steirischer Techniktrainer der Schweizer, über Kräfteverhältnisse im Skisport, Carlo Janka, österreichische und schweizerische Spezifika

Standard: Die Schweiz führt im Mannschaftsweltcup der Herren noch immer vor Österreich. Glauben Sie, dass sich der Vorsprung bis Saisonende behaupten lässt?

Brunner: Das wird noch sehr, sehr eng. Österreich hat eine viel zu gute Mannschaft, als dass wir diesen Vorsprung halten könnten. Da müssten unsere Athleten, wir haben ja nicht viele, weiterhin ihre Leistung abrufen können. Und das wird nicht möglich sein.

Standard: In der Schweiz ist eine Prämie ausgesetzt für den Nationencup, den Österreich jetzt 19-mal en suite gewonnen hat. Was gibt es zu verdienen?

Brunner: Kommen wir unter die ersten Zwei, so zahlt Hauptsponsor swisscom dem Verband 200.000 Schweizer Franken. Naürlich ist der Sieg unser Ziel. Ob es da eine Extraprämie gibt, weiß ich nicht.

Standard: Woran liegt die Stärke der Schweizer?

Brunner: Didier Cuche und Didier Defago rufen ihre Leistung seit zwei Jahren perfekt ab. Und dann haben sich bei uns einige Junge besser entwickelt als in Österreich. Die sind jetzt an die Weltspitze gestoßen wie zum Beispiel Carlo Janka oder Sandro Viletta.

Standard: Warum haben sich die Jungen besser entwickelt?

Brunner: Vielleicht liegt es daran, dass wir die Zeit gehabt haben. Die Schweiz war vor fünf Jahren wirklich am Boden. Rettet den Schweizer Skisport, war die Devise. Es gab Talente, aber die waren verwöhnt, die hat man erst in die richtige Bahn bringen müssen.

Standard: Haben Sie etwas Grundsätzliches umgestellt?

Brunner: Die Jungen, die mit mir in der Gruppe sind, waren immer zusammen. Ich finde es gut, dass sie nie mit den Routiniers zusammen waren. Nur im Herbst ein paar Mal, damit man einen Vergleich hat.

Standard: Ging es dabei auch darum, niemanden in eines anderen Schatten stehen zu lassen?

Brunner: Die Jugend hat eine andere Mentalität heute. Sie passen irrsinnig gut zusammen. Sie haben sich immer gegenseitig angespornt und wollten den Routiniers den Rang ablaufen.

Standard: Carlo Janka ist geradezu phänomenal unterwegs. Ist er ein Produkt des Systems oder eine Einzelerscheinung?

Brunner: Janka war im Europacup nicht so erfolgreich. Er hat zweite Plätze gehabt, aber nie einen Fixplatz im Weltcup. Es ist nicht so, dass er ein Überflieger war. Vom Potenzial her waren Daniel Albrecht und Marc Berthod mit ihren Junioren-Goldmedaillen über ihn zu reihen.

Standard: Trauen Sie ihm zu, ein richtiger Herrscher über den Weltcup zu werden, der über Jahre alles dominiert?

Brunner: Das, was er jetzt drüben in Beaver Creek gezeigt hat, die drei Siege an drei aufeinander folgenden Tagen, bedeutet nur, dass er einer ist, der kommen könnte. Da muss man sehr vorsichtig sein. Das kann schnell einmal in die andere Richtung gehen, wenn der Körper nicht mitspielt oder was immer.

Standard: Beschreiben Sie doch bitte das Wesen des Carlo Janka.

Brunner: Er ist irrsinnig einfach. Für mich gibt's keinen Einfacheren. Er macht seine Arbeit, meckert nicht, ist extrem fleißig. Er hat den Kopf und die Coolness zu einem Top-Rennfahrer. Und so, wie er sich gibt, so ist er auch.

Standard: Wann kann der in Kitzbühel schwer verunglückte Daniel Albrecht zurück in den Weltcup, er trainiert ja schon ganz gut?

Brunner: Es geht ihm auch gut. Wir haben den Plan ausgelegt auf nächstes Jahr. Er könnte auch jetzt schon fahren, aber man muss vorsichtig sein.

Standard: Dem Dreifachsieg in der Kombi zum Trotz haben die Österreicher in der jüngeren Vergangenheit etwas an Dominanz eingebüßt. Woran liegt das?

Brunner: Da muss man genau hinschauen. Sie haben eine wahnsinnig starke Mannschaft gehabt. Die Europacupfahrer haben sich nicht entwickeln können, haben kaum einen Einsatz zu bekommen. Es war ja voll, da hast du als Trainer auch keine andere Möglichkeit. Dazu kommen Verletzungen, ein paar hören auf, dann schaut das gleich nicht mehr so gut aus.

Standard: Die dominante Phase dauerte auch besonders lange, fast zwanzig Jahre. Zuvor, Ende der Achtzigerjahre, dominierten die Schweizer. Kommen sie jetzt wieder, die Jahre der Schweizer?

Brunner: Das glaube ich nicht. Die Schmiede des Skisports sind die österreichischen Landesverbände. Man übersieht oft, wie professionell die arbeiten. Österreich ist vielleicht nicht mehr so dominant, aber bleibt immer Nummer eins.

Standard: Macht nun österreichisches Know-how die Schweizer stark?

Brunner: Ich bin nicht der Meinung, dass man vom ÖSV ein Knowhow mitnimmt. Ich zum Beispiel habe am meisten gelernt, als ich für Neuseeland gearbeitet habe, das ist eine Exotenmannschaft. Oder für England. Da musst du als Trainer am meisten machen, vor allem in der Organisation, und da lernst du auch am meisten. Mit vielen Mentalitäten zu arbeiten, ist ein großer Vorteil. In einem großen Verband ist viel organisiert, das ist auch in der Schweiz so.

Standard: Gibt es in der mehrsprachigen Schweiz unterschiedlichere Mentalitäten als in Österreich, und spielt das bei der Arbeit eine Rolle?

Brunner: Auf jeden Fall. Die Schweiz ist sehr komplex. Bei uns macht man mit den Westschweizern eine eigene Gruppe. Die sind zwar sehr nett, aber sie reden nur Französisch. Ich habe zum Beispiel nur Ostschweizer, da passt ein Westschweizer gar nicht dazu. Das wäre ein Problem, weil er sich nicht unterhalten kann. (Mit Sepp Brunner sprach Benno Zelsacher - DER STANDARD PRINTAUSGABE 12.12. 2009)

Zur Person:
Der Steirer Sepp Brunner (51)genoss die Trainerausbildungbei Österreichs Skipapst Franz Hoppichler. Brunner coachteNeuseeländer, Engländerinnen, die ÖSV-Europacup-Mannschaft, die ÖSV-Damen. Seit dreizehn Jahren arbeitet Brunner in der Schweiz, er betreute Sonja Nef, ist heuer das sechste Jahr Trainer der Schweizer Techniker.

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    Also sprach Sepp Brunner:

    "Die Schmiede des Skisports sind die österreichischen Landesverbände. Man übersieht oft, wie professionell die arbeiten."

    "Die Schweiz ist komplex. Bei uns macht man mit Westschweizern eine eigene Gruppe. Die sind zwar irrsinnig nett, aber sie reden nur Französisch."

     

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