Von wegen "von & zu"

11. Dezember 2009, 16:52
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Ein Forscher fördert Erstaunliches über die Träger französischer Adelsprädikate zutage: Während viele Politiker und Prominente damit schummeln, hält sich der wahre Adel oft lieber bedeckt.

Er schreibt über Napoleon, verbreitet eine aristokratische Aura und küsst galant die Hand: Wenn einer blaues Blut in den Adern hat, dann muss es wohl Dominique Marie François René Galouzeau de Villepin sein. Doch falsch: Frankreichs Premier von 2005 bis 2007 ist ein "roturier" - ein Bürgerlicher ohne Adel. Villepin verdankt das "de" einem Vorfahren, der im 19. Jahrhundert seinen Namen durch den Zusatz "de Villepin" verlängerte.

Dieses und ähnliche pikante Details präsentierte diese Woche der Heraldiker Nicolas-Philippe Piot in seinem Buch Sogenannte Namen und andere Leckereien. Auf 450 Seiten listet er hunderte französische Prominente und Politiker auf, die ihr Adelsprädikat zu Unrecht tragen.

Villepin ist da in bester Gesellschaft: Auch der frühere Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing war kein Aristokrat. Großvater Edmond erwarb 1922 das Recht, seinen Namen durch "d'Estaing" zu verlängern. 2005 kaufte der Ex-Präsident sogar das Schloss d'Estaing in der Auvergne, um - wie der Figaro schrieb - "seinen Durst nach sozialer Anerkennung, seine Liebe zum Prunk, seine Besessenheit für die Adelstitel" zu stillen.

Auch Charles de Gaulle war kein Adelsvertreter. Er behauptete das aber auch nie. Im Gegensatz zu anderen Prominente, die nun dastehen wie der Kaiser ohne Rock - also ohne ihr "de" : Die Familie des früheren Arbeitgeberpräsidenten Ernest-Antoine de Seillière etwa übernahm ihren Titel von einem ausgestorbenen Ast adliger Namensvetter. Ähnlich verhält es sich bei Modeschöpferin Inès de la Fressange oder der Russlandforscherin Hélène Carrère d'Encausse - um nur zwei aus der Heerschar der nicht "reinrassigen" Prinzen und Prinzessinnen, Vicomten und Herzöge zu nennen, deren Begeisterung über die Bucherscheinung mehr als enden wollend ist.

Nur der prominenteste der Franzosen sonnt sich nicht im Glanz seines Namens: Nicolas Paul Stéphane Sárközy de Nagybócsa ist laut dem Buch ein "makelloser" Blaublüter. Seine ungarischen Vorfahren wurden 1628 in Wien von Ferdinand II. geadelt.

Im Wahlkampf 2007 hatte der Immigrantensohn diesen Umstand übergangen - und sich bescheiden als "kleiner Franzosen gemischten Blutes" präsentiert. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 12.12.2009)

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    Einmal echter, einmal behaupteter Adel: Nicolas Sarkozy und Dominique de Villepin – der echte Blaublüter ist der ohne "de".

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