
"Als Zielinski sechzig wird, findet er Zeit (oder Kraft? oder Mut? oder Lust?), sich wieder seinen Anfängen zuzuwenden: Als Journalist, als Schreiber von Hörspielen hatte er begonnen."
Als ich ihm das erste Mal begegnete, wusste ich noch nicht, dass er der König Midas war. Wir saßen nebeneinander in einem Saal, in dem der Österreichische Pen-Club seine Generalversammlung abhielt. Ein sogleich sehr persönliches Gespräch verknüpfte mich mit dem freundlichen älteren Herrn, der diese Versammlung dann in der würdevollen Funktion eines vom Vereinsgesetz eingeforderten "Schatzmeisters" verließ. Wie Adam Zielinski dieses Amt verwaltete, war typisch für ihn: Er kassierte nicht, sondern füllte die Kasse mit Eigenem nach, wenn sie durch zu lockeren Umgang mit Ausgaben leer zu werden drohte.
Wie? Er übernahm Spesen, die andere machten; bezahlte Rechnungen, die andere verursacht hatten. Nie fehlte irgendein neuer Anlass zu seiner Großzügigkeit. Woher er die Mittel hatte? Ganz einfach: Er war wohlhabend, sehr wohlhabend. Dabei war ihm der Reichtum nicht in die Wiege gelegt worden. Oder besser: zwar in die Wiege gelegt, doch dann sogleich wieder genommen worden. Nach einer geborgenen Kindheit in einer begüterten Familie kam der Absturz in bitterste Not: nicht nur in eine unvorstellbare Armut, sondern in die unausgesetzte Bedrohung eines geschundenen Lebens.
Privates Curriculum
Das private Curriculum vitae des Adam Zielinski in der Apokalypse seiner Zeit: Zehn Jahre war er alt, als die Deutschen in Polen einmarschierten. Bis Stryj kamen sie zunächst nicht, denn das holten sich zuerst die Russen aufgrund des berühmt-berüchtigten Hitler-Stalin-Freundschaftspakts. Aber zwei Jahre später fiel Hitler-Deutschland über das "befreundete" Stalin-Russland her; die ersten Opfer waren die Juden, damals gut ein Drittel der Bevölkerung Galiziens.
Adams Vater, Rechtsanwalt in Stryj, war Jude - wenn er es nicht gerade vergessen hatte. Er liebte Wien, die Stadt, die er als Student kennengelernt hatte. Liebte die deutsche Sprache, die deutsche Philosophie, die deutsche Kultur. Hochdekorierter Offizier im Ersten Weltkrieg, glaubte er sich vor den schlimmsten Auswüchsen des Antisemitismus geschützt. Aber als er dann der SS, als diese nach Stryj kam, seinen Orden vorwies, schmissen die SS-Leute die Auszeichnung höhnisch auf die Erde und trampelten darauf herum; den Vater stießen sie mit Gewehrkolben in einen zusammengetriebenen Haufen anderer Juden, die für den Tod bestimmt waren. Der kleine Adam lief noch neben der abmarschierenden Kolonne her. "Hör niemals auf zu lernen" waren die letzten Worte, die ihm sein Vater zurief - Worte, die zum Leitmotiv seines Lebens werden sollten. (Siebzig Jahre später schreibt er eine Autobiografie, Hör niemals auf zu lernen ist ihr Titel.)
Gerade zwölf Jahre ist er alt, an seinem Jäckchen die weiße Armbinde mit einem blauen sechszackigen Stern darauf. Ihn müssen die Juden hier tragen wie andernorts im Nazi-Land den gelben Stern. Bei einer Razzia wird er aufgegriffen, mit hundert anderen in einen Viehwagon gepfercht; nach Belzec soll es gehen, in ein KZ, das keiner überlebt hat. Aber einer der Mitgefangenen stößt mit einer im Wagoninneren von der Wand gerissenen Eisenstange ein Loch in den Boden, rafft Kleidungsstücke zusammen, in die er den kleinen Adam einwickelt. Als der Zug irgendwann langsamer fährt, stößt er das Kind durch das Loch auf die Schienen, ins Leben oder in den Tod. Ins Freie jedenfalls.
Immer nur nachts unterwegs, frierend, hungernd, von Angst gepeinigt, schlägt sich der Bub durch, zurück nach Stryj, wo er die Mutter nicht mehr findet, und dann weiter, meist zu Fuß, manchmal auf angehaltenen Lastwagen, immer nur nachts, die achtzig Kilometer nach Lemberg. Dort, so hat ihm jemand gesagt, soll die Mutter gesehen worden sein. Wie durch ein Wunder findet er sie tatsächlich. Eines Morgens kommt sie von der allabendlichen Suche nach Lebensmittelabfällen in den Mistkübeln der Stadt nicht mehr zurück und bleibt verschwunden. Adam hat sie nie mehr gesehen. Er bewegt sich von einem Versteck ins nächste, bald allein, manchmal mit anderen, zuletzt bei einem Ukrainer, der ein Antisemit ist, aber ein Mensch. Er versteckt das Kind jedes Mal in einem Kasten, wenn die SS oder andere Büttel eine Razzia veranstalten. Das Kind arbeitet am Bau oder als Kanalräumer, in ständiger Lebensgefahr.
Endlich kommt die "Befreiung": Die Russen vertreiben die Nazis, die Polen wie den kleinen Adam "repatriieren" sie aus dem jetzt russischen Lemberg ins polnische Krakau, wieder in Viehwagons, versteht sich. Hier in Krakau geht es endlich bergauf. Wenn auch vorerst durch Schutt und Trümmer, durch Not und Hunger. Aber immerhin bergauf!
Ein Studium an der berühmten Jagiellonen-Universität. Ein wunderschönes Mädchen lernt er kennen. Sie heiraten und bekommen bald ein Kind (Christoph, der später ein gesuchter Arzt und Wissenschafter werden wird). Der junge Adam Zielinski arbeitet für den polnischen Rundfunk und schreibt Höspiele. Für die auch in Moskau gedruckten Artikel bekommt er Rubel, für die Rubel ein altes Auto, für das alte Auto Geld in Polen. Mit dem Geld (und viel Glück: ein kurzes politisches Tauwetter unter Gomulka!) ermöglicht er sich die Ausreise nach Österreich.
Liebe seiner Jugend
In Österreich lebt er in einer winzigen Absteige in einem armseligen, hässlichen Vorort. Aber in der Nachbarwohnung wohnt eine Familie aus Nordkorea, der Mann im diplomatischen Dienst, kein einziges Wort Deutsch versteht er, nicht einmal ein Wort Englisch.
Aber Russisch kann er, und auch Zielinski spricht Russisch. Die beiden kommen ins Gespräch und sind einander hilfreich, wenn es darauf ankommt. Der Nordkoreaner verhilft dem anfangs Pakete austragenden, später in einer Buchhaltung jobbenden Doktor Zielinski zu fruchtbaren wirtschaftlichen Kontakten. Erste zögerliche Importe und Exporte, Gegengeschäfte über alle möglichen Ecken (vor allem über Titos Jugoslawien) nach und mit China. 136-mal reist er dorthin, die Flugdauer beträgt jeweils 60 Stunden. Wenn er endlich aussteigt, sind die Füße so unmäßig angeschwollen, dass er sie nicht mehr als Teil des eigenen Körpers empfindet, sondern wie angenähte leblose Säcke. Der Boden, den er betritt, ist auch nicht gerade einladend: In Rotchina herrscht noch Mao Tse-tung, später die "Viererbande" . Aber China will nicht nur marschieren, sondern auch leben. Und fürs Leben braucht man eine eine funktionierende Wirtschaft, und für diese Wirtschaft Gegengeschäfte. Und Adam Zielinski! Nach wenigen Jahren zeigt sich: Was er anfasst, wird zu Gold. Er ist wie der sagenhafte König Midas, dessen Hand in Gold verwandelte, was immer er berührte.
Was hat ein so vermögender Mann mit einem literarischen Verein wie dem Pen-Club zu tun? Als Zielinski sechzig wird, findet er Zeit (oder Kraft? oder Mut? oder Lust?), sich erneut der Liebe seiner Jugend, seinen Anfängen, zuzuwenden: Als Journalist, als Schreiber von Hörspielen hatte er begonnen. Er fängt wieder an zu schreiben, und wieder wird zu Gold, was seine Hand berührt. Viele Romane, Erzählungen. Vom jüdischen Leben einst und jetzt. Vom galizischen Schtetl und dem Tel Aviv von heute. Von Deutschen, Polen, Russen. Vom Zynismus und der Korruption der Nomenklatura und den Seelen der kleinen Leute. Zehn Bände umfasst seine Werkausgabe bei Wieser. Für seine Arbeit gab es Preise, literarische und akademische: Csokor-Preis, Manès-Sperber-Preis, Merentibus - die höchste Auszeichnung der Jagiellonen-Universität -, das Goldene Zepter der Stadt Krakau, den Goldenen Rathausmann in Wien und ein Ehrendoktorat.
Wirklich kennengelernt habe ich meinen Freund Adam erst, als er mich zusammen mit anderen zu einer Reise nach Drohobytsch einlud, eine kleine Stadt in der heutigen Ukraine, wo er vor achtzig Jahren geboren worden war, bevor seine Familie nach Stryj übersiedelte und wo er das Ehrendoktorat der dortigen Universität empfangen sollte. Auf dem Weg in das verschlafene Drohobytsch machten wir Halt in Stryj, Adams wahrer Heimat, einst ein liebliches Städtchen, heute erschütternd verwahrlost. Wir hielten vor Adams und seiner Eltern Wohnhaus, und da stand also unser König Midas, weil an der Hauswand eine Marmortafel zu seinen Ehren enthüllt werden sollte. Und er erzählte uns, dass er als zwölfjähriger Bub aus dem Fenster dieses Hauses gesehen hatte, wie gegenüber der Vorsteher der jüdischen Gemeinde und seine Frau von SS-Männern auf den Balkon ihres Hauses getrieben, mit Stricken um den Hals an die Brüstung geknüpft und dann in die Tiefe gestoßen wurden, über der sie baumelnd hängenblieben.
Und König Midas, wie er uns das erzählte, stand plötzlich vor mir als der kleine Bub, der damals zusah, in kurzen Hosen, aber langen, über die Knie reichenden Strümpfen, in dünnem Hemdchen und flatterndem Jäckchen, aber gar nicht aussehend wie andere jüdische Kinder, ohne Schläfenlocken jedenfalls - man war ja "assimiliert" ! Um noch am selben Tag mitzuerleben, wie sie seinen Vater mit Kolbenstößen aus dem Haus, aus der Straße, aus dem Leben trieben, nach Holobutow, ein Dorf ein paar Kilometer vor der Stadt.
Dorthin, nach Holobutow, ging es auch jetzt weiter, mit Adam und uns Freunden. Hier, wo die SS seinen Vater und mit ihm ein paar tausend andere, immer zu zehnt hingeprügelt und aufgereiht, auf freiem Feld erschossen und dann einfach liegengelassen hatten - hier hat Adam (um sein Geld natürlich, der Staat zahlte keinen Cent, keine Kopeke dazu!) ein Denkmal errichten lassen. Hier zündete er und wir mit ihm ein paar Kerzen an, nicht nur ein jüdisches, auch ein christliches Symbol der Vergänglichkeit, die das Unvergängliche, die Ewigkeit, in unser Leben holt.
Auch hier ist König Midas wieder der kleine Bub von damals; schnell und behände, fast hüpfend, geht er die paar Schritte weiter zu dem Platz der Hinrichtungsstätte. Alte Schuhe liegen umher und Kleiderfetzen und Lederreste und Splitter von alten Knochen. Man weiß nicht, ob von damals oder von heute, denn dieser Platz war jahrzehntelang, von der Nazizeit über die Russenherrschaft hinweg bis heute, eine Mülldeponie.
Unaufgeräumt, von schäbiger Natur überwuchert, voll frischen Unrats und Spuren einstigen Verbrechens, liegt sie vor uns ... unter unseren Füßen, im wahrsten Sinne des Wortes eine unbewältigte Vergangenheit. Über die stapfen wir hinweg, wir von heute und dieser kleine Bub von zwölf Jahren, die Miene trotzig, aber auch in der Erinnerung noch angstverzerrt, ein König Midas in kurzen Hosen und über die Knie reichenden langen Strümpfen und flatterndem Jäckchen, daran die den Tod herbeirufende weiße Armbinde mit dem blauen Stern. (Ernst Brauner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.12.2009)
Zur Person:
Ernst Brauner, Dr. phil., geb. 1928, von 1954 bis 1993
Chefredakteur der Österreich-Ausgabe des "Stern" , dann Geschäftsführer
im Verlag Gruner & Jahr. Schrieb mehrere Romane, zuletzt "Die
wundersame Päpstin" (Wieser Verlag 2009).
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