Zwischen Facta und Ficta

11. Dezember 2009, 18:56
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Wir schreiben jetzt einen Roman: Eine Ghostwriterin berichtet über das merkwürdige Gewerbe, eines anderen Stimme zu sein

In der literarischen Szene Englands hat das Buch einer bis dahin völlig unbekannten Autorin größere Aufmerksamkeit erregt. Sie hatte seit fünfzehn Jahren mehrere Werke, die von der Kritik meist beifällig aufgenommen wurden, verfasst, allerdings als Ghostwriterin, d.h. unter dem Namen ih-res Verlegers. Schließlich hat Jennie Erdal ihre Geschichte in Form einer Autobiografie veröffentlicht. Investigative Journalisten fanden bald heraus, dass mit dem Decknamen "Tiger" der millionenschwere, als bunter Vogel in der Londoner Verlagswelt hofierte Verleger Naim Attallah gemeint war.

Er wurde unter anderem durch seine Interviews mit weiblichen Stars, Damen der englischen Seitenblicke-Gesellschaft und Aristokratie bekannt. Das Buch Women wurde 1987 im altehrwürdigen Victoria and Albert Museum mit viel Pomp der Öffentlichkeit präsentiert, gleich darauf auch auf der Frankfurter Buchmesse. Von da an war Tiger ein vielgesuchter Ansprechpartner in journalistischen, aber auch in literarischen Kreisen. Niemand fiel auf oder nahm daran Anstoß, dass er meist nur mit Mühe einen englischen Satz grammatikalisch korrekt zustande brachte. Er war palästinensischer Herkunft, in England ist man gegenüber Zweitsprachlern sehr tolerant.

Es fragte aber auch niemand, wo denn das sehr gewählte, idiomatisch hyperkorrekte Englisch seiner Interviews etc. herkam. Die Kritiker werden wohl aus allen Wolken gefallen sein, als sie 2004 (im Jahr, als Ghosting in Großbritannien erschien) erfahren mussten, dass die Texte, an denen sie durchwegs Gefallen gefunden hatten, nicht von dem Partylöwen-Publisher, sondern von einer jungen Schottin, die mit ihren drei Kindern als Alleinerzieherin in einem abgelegenen Ort der Region Fife lebte, geschrieben worden waren

Jeannie Erdal studierte an der Universität von St. Andrews u.a. Slawistik. Es waren auch Übersetzungen aus dem Russischen, durch die sie mit Attallah bekannt wurde. Von ihm erhielt sie dann großzügig honorierte Aufträge zur Abfassung von Verlagskorrespondenz und Privatbriefen. Sie arbeitete auch den Wortlaut der Fragen, die Attallah seinen Damen im Interview stellte, aus. Die Tonbänder von den Interviews gelangten per Eilpost nach Fife, wo sie von Erdal redigiert wurden.

Neben den monatlichen Kurzbesuchen im Londoner Verlag, lief die Kommunikation zwischen Tiger und Ghostwriter über eine private Telefonleitung. Vom großen Erfolg der Interviews - nach den Damen kamen auch prominente Politiker, Aristokraten und Literaten zu Wort - ermutigt, schlug Tiger seiner erfolgreichen Ghostwriterin vor: WIR schreiben jetzt einen Roman!

Seine einzige Vorgabe, es sollte eine Dreiecksgeschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann sein und viele Sexszenen beinhalten, denn "Sex sells" . Wie sich Jennie Erdal dieser delikaten Aufgabe (eine Frau beschreibt Männerfantasien) entledigt hat, wird in Ghosting, deutsch Die Ghostwriterin auf fesselnde, mitunter auch höchst amüsante Weise erzählt.

Verdeckte Blößen

Das Buch verdient aber nicht nur deshalb, sondern auch wegen seiner zum Teil schockierenden Enthüllungen über den Zustand eines dubiosen Sektors der Londoner Literaturszene Aufmerksamkeit. Es hat aber in Teilen auch unbestreitbare literarische Meriten. So stellt Erdal zwei konträre Welten erzählerisch geschickt, fast kontrapunktartig einander gegenüber: Ihre Heimat, ein ziemlich bigottes presbyterianisch-kalvinisches Dorf in Schottland, und das mit Luxus protzende Imperium ihres Verlegers in Soho, London, in dem sich Tiger von einem Damenflor, nach Modelfigur ausgewählte Töchter aus bestem Hause umgibt. Ihre Aufgaben bleiben aber recht unbestimmt. Tigers Leitspruch lautet: "I love women".

Die Ghostwriterin ist in dieser Gesellschaft immer Außenseiterin. Sie ist aber ausersehen, den Chef auf so wichtigen Missionen wie der Frankfurter Buchmesse oder zu einem ausführlichen Interview mit der neunzigjährigen Leni Riefenstahl im bayrischen Pöcking, zu begleiten Attallah hatte die Rechte der englischen Ausgabe von Riefenstahls Memoiren erwor-ben. Auf diesen Exkursionen gelang es Erdal offensichtlich, die ärgsten Blößen ihres Chefs zu decken.

Wie jemand als erfolgreicher literarischer Verleger tätig sein konnte, der zum Beispiel von Philip Larkin, einem der damals drei bekanntesten modernen englischen Dichter, noch nie etwas gehört hatte, bleibt rätselhaft. Zur Erholung reiste man zu zweit auf das Landgut von Tiger in der südfranzösischen Dordogne. Dort sonnte man sich am privaten Pool, auf Tigers Geheiß immer nackt: "... was für ein absurdes Bild wir wohl abgeben - schottische Blässe neben levantinischer Bräune".

Den kritischeren Leser stellt die Lektüre dieses an sich angenehm flüssig zu lesenden Textes vor eine schwierige Entscheidung. Liest er ihn als Dokumentation über die (Selbst-)Täuschungen und Prätentionen mancher Literaturkritiker, dann tun sich Leerstellen auf - etwa die Fragen, woher denn der Reichtum Attallahs eigentlich stammt, ob ihm wirklich fast alle Kritiker auf den Leim gingen oder ob keiner durchschaute, dass praktisch nicht ein Satz auf den mehreren tausend Seiten, die unter seinem Namen erschienen sind, von ihm selbst verfasst war. Liest er aber Ghosting als autobiografischen Roman - Titel, Dedikation, Motto usw. lassen ihn als solchen erscheinen -, wendet sich sein Interesse vornehmlich der Lebensgeschichte dieser begabten jungen Frau aus Schottland zu, die sich auf ein doch großes persönliches Wagnis eingelassen hat.

Großzügige Angebote

Klar ist, dass es zunächst die finanzielle Not der von ihrem Gatten verlassenen Mutter dreier unmündiger Kinder war, die sie veranlasste, die immer sehr großzügigen Angebote Attallahs anzunehmen. Die Zusage, einen Roman für ihn zu schreiben, war jedoch ein literarischer Quantensprung. So galt es für die erotischen Vorgaben Tigers überhaupt erst mit viel Pomp eine passable Handlung zu finden. Seine Erwartungen sind so enthüllend für seine sexuellen Obsessionen, dass sie im Original wörtlich zitiert werden müssen: "There will be lots of sex, but very distinguished. We will do the sex beautifully. Isn't it?" Das grammatikalisch durchgehend falsch verwendete "Isn't it" bringt auch die Übersetzerin zum Stolpern: "Stimmt nicht?"

Das Abfassen eines Romans ist auf ganz andere Art eine intim-kreative Leistung des Verfassers als eine Doku, etwa eine historisch authentische Milieubeschreibung, oder das Schreiben von Gebrauchsliteratur. Sie fordert etwas Privates, Persönliches vom Verfasser, das man normalerweise nicht an einen anderen verkauft. Um das zu verdeutlichen, bietet sich ein Blick auf die sinnfälligsten Leer- oder Unbestimmtheitsstellen (R. Ingarden, W. Iser) in der Erzählung des Geschehens an.

Ein autobiografischer Roman ist ein prekärer Balanceakt zwischen Facta und Ficta. Hier werden Leerstellen fast immer zu Unbestimmtheitsstellen, die die Aufmerksamkeit des Lesers ständig herausfordern, sie aufzufüllen, zu ergänzen, womöglich aus im Text manchmal etwas verborgenen Andeutungen, assoziativen Bildern, dem Schluss usw.

Die signifikantesten Unbestimmtheitsstellen finden sich in diesem Falle auf dem durch die erotischen Vorgaben sehr weit abgestecktem Feld der Mann-Frau- Beziehung: Die Gattin, genauer die Familie Tigers wird nur einmal und ganz nebenbei erwähnt; von der Ghostwriterin erfährt man auch nur, dass sie, seit ihr Mann sie verlassen hat, ohne männlichen Partner lebt; Ihr zweiter Ehemann, der zehn Jahre später wie aus dem Nichts auftaucht, erhält nicht einmal einen Namen, er figu-riert nur als Chiffre, N-H, das steht für "now husband" , in der deutschen Übersetzung N-G, lies "Neuer Gatte" , was nicht dasselbe ist.

Mann und Frau, narrativ so auffällig isoliert, treffen dann am Pool nackt sonnenbadend in der zu Lebensgenuss einladenden Atmosphäre Südfrankreichs wie Adam und Eva vor dem Sündenfall aufeinander. Es ist nicht purer Voyeurismus, wenn sich der Leser dann fragt, ob es wirklich nur die wirtschaftliche Absicherung war, die die Ghostwriterin bewog, fünfzehn Jahre die ständig drängenderen Zumutungen von Tiger an sie als Autorin und als Frau hinzunehmen?

Gäbe es darauf eine eindeutige Antwort, so würde dies unser Verständnis für diese Frau, die einen wesentlichen Teil ihres Lebens "ghosting" , das heißt eben auch, ihr literarisches Talent, zu verkaufen bereit ist, erleichtern. Darauf wird aber keine explizite Antwort gegeben. Als narrative Unbestimmtheitsstelle zwingt sie gleichsam den Leser, will er sie erklären, zu einem "deep reading" (Maryanne Wolf), zu einer aktiven Ausdeutung dieser Unbestimmtheitsstelle aus seiner Vorstellung mit Hilfe der narrativen Struktur des Textes: Ein unschätzbarer Gewinn an Sinnhaftigkeit der Lebensgeschichte der Ghostwriterin als Roman. (Franz Karl Stanzel, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.12.2009)

Jennie Erdal, "Die Ghostwriterin. Ich war sein Verstand und seine Stimme" . (Aus dem Englischen übersetzt von Susanne Mecklenburg) Euro 19, 95 / 293 Seiten, Kiepenheuer und Witsch 2008.

Zur Person:
Franz Karl Stanzel ist emeritierter Universitätsprofessor für Anglistik in Graz und Verfasser mehrerer Standardwerke zur Erzähltheorie.

  • Artikelbild
    foto: kiepenheuer und witsch
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