Verdacht auf Raubkunst

11. Dezember 2009, 18:56
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Ein gefinkelt erzählter Familien- und Gesellschaftsroman vor, der sich geschickt der Mittel des Krimis bedient

Martin Saunders sitzt vor dem offenen Kamin und lässt alle Dokumente, Beweise und Schriftstücke, die die Familiengeschichte von David Perlensamt dokumentieren, in Flammen aufgehen. Er vernichtet alles, was er zusammengetragen hat, überfliegt dabei noch einmal einen Zeitungsbericht über den Unfall, durch den er sich schicksalhaft mit David Perlensamt verbunden glaubte.

Der in Berlin arbeitende amerikanische Kunsthistoriker Martin Saunders lässt in Barbara Bongartz' neuem Roman Perlensamt die Ereignisse des letzten Jahres, das von einer immer intensiver werdenden Freundschaft zu David Perlensamt geprägt ist, Revue passieren. Schon bei ihrem ersten zufälligen Treffen hatte Martin Saunders sich gleichermaßen fasziniert und verunsichert von David Perlensamt und seinem exzentrischen, ein wenig inszeniert wirkenden Auftreten gefühlt. Wie ein Mensch aus einem anderen Jahrhundert hatte er damals auf ihn gewirkt und ihn mit Andeutungen über die nationalsozialistische Vergangenheit seiner Familie zunächst verärgert: "Meine gute Laune war verflogen. Wieder einer, der freiwillig von Schuld und Sühne sprach. Man schien hier von diesem Thema so besessen zu sein wie bei uns zu Hause von Baseball."

Martin Saunders will sich nicht in den auch von seiner Arbeitskollegin Mona ständig geführten Opfer-Täter-Diskurs verwickeln lassen, obwohl er - als Sohn einer deutschen Mutter in Amerika aufgewachsen - in den Krieg involvierte Vorfahren nicht leugnen kann. Der derart beteiligt-unbeteiligte Blick ihres Ich-Erzählers ermöglicht Barbara Bongartz eine ungewöhnliche Sicht auf die gesellschaftliche Dimension des Diskurses über die nationalsozialistische Vergangenheit, der - so wird im Laufe der Lektüre klar - bestimmend für David Perlensamts Denken und Handeln ist.

Undurchsichtige Motive

Durch seine Arbeit in der deutschen Dependance eines amerikanischen Auktionshauses ist Martin Saunders bestens mit Fragen der Provenienzforschung und der Thematik der Raubkunst aus der NS-Zeit vertraut. So weckt die Gemäldesammlung, die er bei einem Besuch kurz nach dem rätselhaften Mord an David Perlensamts Mutter zu sehen bekommt, natürlich sein Interesse.

Unter den Gemälden befinden sich mehrere als verschollen geltende Bilder. Aus Andeutungen schließt Martin Saunders zudem, dass David Perlensamt Raubkunstwerke unter den von seinem Großvater gesammelten Gemälden vermutet. Neugierig geworden, beginnt er mit seinen Nachforschungen und sieht sich mit einer Fülle widersprüchlicher Aussagen, Halbwahrheiten und Lügen konfrontiert.

In Barbara Bongartz' neuem Roman, so stellt sich nach und nach heraus, ist keiner Figur über den Weg zu trauen - sie alle hüten ihre Geheimnisse und sind in ihren Handlungen von undurchsichtigen Motiven getrieben.

Mit Perlensamt legt Barbara Bongartz einen gefinkelt erzählten Familien- und Gesellschaftsroman vor, der sich geschickt der Mittel des Kriminalromans bedient, immer wieder durch detaillierte Bild- und Personenbeschreibungen sowie lebendige Dialoge zu beeindrucken und durch völlig unerwartete Wendungen zu verblüffen weiß. (Petra Messner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 12./13.12.2009)

Barbara Bongartz, "Perlensamt" . Roman € 20,40 / 319 Seiten. weissbooks, München 2009

Hinweis:
Barbara Bongartz liest aus diesem Roman am 17. 12. 2009 um 19 Uhr in der galerie wechselstrom (16., Grundsteingasse 44).

  • Artikelbild
    foto: weissbooks
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