Wo schlechte Bonität eine Empfehlung ist

11. Dezember 2009, 17:02
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Drei Jahre später: Aus einem Probelokal in Wien wurde ein österreichweites Netz von "Zweiten Sparkassen" , die Menschen dabei helfen, nach dem finanziellen Absturz wieder aufzustehen.

Wäre da nicht ein Sparkassenlogo über der Tür würde man in dem unscheinbaren Ecklokal in der Glockengasse in der Wiener Leopoldstadt kaum ein Geldinstitut vermuten. An der Tür weist ein dezentes Pickerl potenzielle Einbrecher darauf hin, dass hier kein Geld zu holen ist. Erst nach dem Anläuten öffnet sich die Tür und führt in einen Raum, der mehr Wartezimmer einer Arztpraxis als Schalterraum einer Bank ist:Ein paar Sesseln, eine Spielzeugecke für Kinder, Besprechungstische im Nebenraum, eine freundliche Dame an einer Art Empfang.

Man muss schon ausgesprochen schlecht beleumundet sein, um hier einenTermin zu bekommen:Die Zweite Sparkasse nimmt nur Kunden, die nirgendwo sonst ein Konto bekommen würden. Vor drei Jahren, im November 2006, eröffnete das Angebot der "Zweiten Wiener Vereins-Sparcasse" und fand einen aufnahmebereiten Markt:Über 5000 Kunden zählt die Zweite inzwischen. Zum Wiener Probelokal gesellten sich 19 weitere Stellen in ganz Österreich dazu, erklärt Gerhard Ruprecht, ehrenamtlicher Sparkassen-Vorstand. Im Hauptberuf leitet er eine Firmenkundenabteilung der Ersten.

Keine Beschönigung

Die Geschichten, die den ehrenamtlich tätigen Beraterinnen und Beratern bei Kaffee und Keksen aufgetischt werden, klingen nicht nach Beschönigung: Da eine Schuld von 120.000 Euro nach Scheidung und Privatkonkurs, und Leben mit vier Kindern auf Existenzminimum. Dort "nur" 20.000 Euro Schuldenberg, jahrelange Arbeitslosigkeit und Leben von der Sozialhilfe. Ein Handwerker, dessen Betrieb beim Konkurs eines Großkunden mitgerissen wurde und der mit seinem privaten Vermögen haftete, bis er Pleite war.

Leben ohne Bankkonto ist kompliziert und teuer: Wenn man von 700 Euro oder weniger lebt, spielen Bareinzahlungsgebühren in der Höhe einer einfachen Mahlzeit schnell eine gewichtige Rolle. Ohne Bankomatkarten gibt es nicht einmal mehr Zigaretten aus dem Automaten.

Zulauf über Organisationen

Der Weg zur Zweiten führt immer über die Schuldnerberatung oder die Caritas, Partnerorganisationen der von der Erste Stiftung ins Leben gerufenen Initiative. "Unsere Kapazität passt auf den Zulauf von diesen Organisationen" , sagt Ruprecht im Gespräch mit dem Standard. Geboten wird nicht nur ein kostenloses Konto (neun Euro Kaution im Vierteljahr dienen eher pädagogischen Zwecken und werden bei Kontoschließung rückerstattet), sondern eine Grundversorgung mit Finanzdienstleistungen: Kostenlose Rechtsberatung und Unfallversicherung, "Aufbau-Konten" mit höheren Zinssätzen zum Ansparen, und um dreiEuro monatlich eine Haushalts- und Haftpflichtversicherung von der Wiener Städtischen.

"Wir sind 1819 gegründet worden, um Menschen Zugang zu Bankdienstleistungen zu geben, die damals keine gehabt haben" , zieht Andreas Treichl,Chef der Erste Group und Vorstandsvorsitzender der Erste Stiftung, die Parallele zur Zweiten. "Das war damals eine zutiefst soziale und gesellschaftspolitische Funktion.Mit der Neugründung der Zweiten versuchen wir, das Konzept in der ganzen Region aufzubauen, in der wir tätig sind."

Neue Projekte

"Banking for the Unbanked" , nennt das der Friedensnobelpreisträger Muhammed Yunus, dessen Mikrokredit-Bank Grameen weltweit als Vorbild gilt. Das Vehikel dazu ist die Erste Stiftung, die 25 Prozent an der ErsteGroup hält und die ihren Dividendenanteil für gemeinnützige Zwecke ausschütten muss. In Rumänien will die Erste Stiftung dazu Erfahrungen von Entwicklungsländern nutzen, in denen sich Zahlungen über Handys für Menschen bewähren, die kein Bankkonto haben. Zusammen mit der südafrikanischen Wizzit wird derzeit ein Pilotprojekt entwickelt, das so wie die Zweite in der Region Schule machen könnte.

Ganz wesentlich für die Zweite ist das ehrenamtliche Engagement. "Dass es Bedarf für unser Produkt gibt, war von Anfang an klar" , sagt Ruprecht. "Aber wir wussten nicht, wieweit es uns gelingt dafür von knochentrockenen Sparkassenmitarbeitern Unterstützung zu bekommen. Das ging von Anfang an gut" , schildert er seine "positive Überraschung" .

Ein halber Tag im Monat

Für das freiwillige Engagement gibt es ein Minumum an zeitlicher Verpflichtung: "Einmal im Monat ein Halbtag" , um inhaltlich up-to-date zu bleiben. Vier Arbeitsplätze können so in der Glockengasse besetzt werden, und die Freiwilligen koordinieren ihren Arbeitseinsatz selbst so, dass daraus einDienstplan entsteht. Dabei habe man gelernt, was auch in der Ersten verwertbar ist:"Improvisieren ist zum Motto erkoren worden, auch wenn wir einen hohenStandard haben."

Wie in jedem Unternehmen gibt es eine natürliche Fluktuation, "Leute scheiden aus den verschiedensten Gründen aus, aber es kommen genügend nach. Unsere freiwillige Arbeitskraft ist trotz guten Wachstums stabil. Und immer häufiger sind auch unsere Pensionisten bei uns im Einsatz."  (Helmut Spudich,  DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.12.2009)

  • Für 5000 Menschen in ganz Österreich sind die ohne Kosten und
ehrenamtlich erbrachten Finanzdienstleistungen der Zweiten Sparkasse
einunentbehrlicher Rettungsring, um ihre Existenz wieder aufbauen zu
können. Jetzt will die Erste Stiftung "Microfinance" in der ganzen
Erste-Region aufbauen.
    foto: erste sparkasse

    Für 5000 Menschen in ganz Österreich sind die ohne Kosten und ehrenamtlich erbrachten Finanzdienstleistungen der Zweiten Sparkasse einunentbehrlicher Rettungsring, um ihre Existenz wieder aufbauen zu können. Jetzt will die Erste Stiftung "Microfinance" in der ganzen Erste-Region aufbauen.

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