Der 408 Millionen Euro EU-Begleitservice

Martin Ehrenhauser*, 11. Dezember 2009, 14:38

Am 8. Dezember feierte die EU-Piratenmission Atalanta vor der Küste Somalias einjähriges Jubiläum - Einen Tag zuvor wurde sie endgültig für weitere zwölf Monate verlängert - Doch die kostenintensive Schiffsbegleitung segelt an den Symptomen vorbei

Die Europäische Union hat ihr Friedensprojekt mit den 23 weltweiten Missionen im Rahmen ihrer Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) bereits mehrmals über Board geworfen. Mit der Piratenjagd Atalanta am Horn von Afrika stach man erstmals auch in See. Die EU hat damit ein "sicherheitspolitisches Traumprojekt" entwickelt, einen "allseits akzeptierten Militäreinsatz." Ideal wenn man zur "smarten Militärmacht der Zukunft aufsteigen will", schwärmte die deutsche Wochenzeitung Die Zeit ohne große Skepsis. Doch die EU-Dampfer kämpfen meiner Meinung nach an den Ursachen vorbei.

Seit dem Sturz des Said Barre Regimes 1991 und dem Zerfall des somalischen Staates, drangen immer mehr Raubfischer in die Küstengewässer ein, auch aus Spanien, Italien und Frankreich. Schon frühzeitig kam es daher zwischen den Somaliern und ausländischen Fischern zu gewaltsamen Zwischenfällen. International galt dies bereits als Akt der Piraterie. Der australische Meeresforscher Clive Schofield hat ausgerechnet, "dass die fremden Fangflotten erheblich mehr Protein aus Somalias Gewässern entnommen haben, als die Welt den Menschen in Somalia in Form von humanitärer Hilfe zur Verfügung gestellt hat."

Doch in Brüssel hinkt die Ursachenforschung hinterher. Jener Änderungsantrag, der festhalten sollte, dass durch den Raubfischfang "den somalischen Fischern die Lebensgrundlage entzogen wird", fand bei uns im EU-Parlament Ende November keine Mehrheit. Ernst Strasser und Co stimmten dagegen. Dementsprechend ursachenfremd ist auch das Ziel der Atalanta-Mission: Die spätestens seit dem Bau des Suezkanals 1869 heiß umkämpft Krisenregion - rund 20.000 Schiffe quetschen jährlich 90 Prozent des globalen Warenverkehrs hindurch - wird samt der dort entstandenen Kriegsökonomie nicht nachhaltig befriedet, lediglich Vehikel europäischer Reedereien werden kostenintensiv von der Union eskortiert.

Unrentable Ironie

Den jährlichen Marktwert des Fischfangs aus somalischen Hoheitsgewässern schätzt man auf rund 300 Millionen Dollar. Der hochgerechnete Schaden durch die Piraterie am Horn von Afrika betrug letztes Jahr rund 200 Millionen Dollar. Für den über See abgewickelten Welthandel kaum relevant, nur für einzelne Schifffahrtsgesellschaften und deren Kunden. Dem gegenüber investierten die beteiligten Mitgliedstaaten und die EU im ersten Jahr rund 408 Millionen Euro in die Piratenjagd. 8,4 Millionen Euro stammen aus dem Athena-Mechanismus, womit Österreich unbeteiligt Geld für diese ESVP-Mission zur Verfügung stellt. Die Möglichkeit eines individuellen Opt-Outs wurde nicht genützt. Zwei weitere multilaterale Einsätze, sowie Marineeinheiten aus Russland, China, Indien, Malaysia und Iran treiben die militärischen Einsatzkosten weit über die geschätzte Schadenssumme. "Zudem ist es ausgesprochen ironisch, dass viele der Nationen, deren Kriegsschiffe derzeit partroullieren, unmittelbar mit Fischereiflotten verbunden sind, die geschäftig Somalias Meeresschätze plündern. Dies gilt insbesondere für EU-Mitgliedstaaten", schreibt Volker Matthies, ehemaliger Professor an der Universität Hamburg und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung.

Die schwedische Ratspräsidentschaft verkauft den Einsatz trotzdem als Erfolg. Die Operation "hat ihre Fähigkeiten für ein effektives Handeln gegen Piraterie demonstriert", heißt es in einem mir vorliegendem Bericht. "Atalanta genoss eine breite mediale Berichterstattung." Und, es kam zu einem "signifikanten Zusammenbruch der Angriffe im Golf von Aden." Letzteres ist äußerst fragwürdig. Laut dem International Maritime Bureau gab es heuer bereits 306 Übergriffe alleine in den ersten neun Monaten. 2008 wurden insgesamt nur 293 registriert. Hinzu kommt, dass bewaffnete Überfälle um 200 Prozent gestiegen sind. Auch die Zahl der Verhaftungen hält sich in Grenzen. Der französische General Henri Bentégeat, Vorsitzender des EU-Militärkomitees, verkündete Mitte September im Verteidigungsausschuss, dass "68 Piraten (Anmerkung des Autors: mutmaßliche) verhaftet und nach Kenia überstellt" wurden.

Wandel zur Friedensökonomie

An den nachhaltigen Erfolg von Atalanta glauben jedoch nicht alle beteiligten Staaten: "Wir sehen deutlich, wenn wir Somalia nicht helfen, dann werden wir die Atalanta-Operation für 20 oder 30 Jahre haben", analysiert der französische Verteidigungsminister Hervé Morin. Und so flutet bereits die Meldung einer neuen Somalia-Mission unsere gespitzten Gehörkanäle in den Weiten der EU-Bürokratie. Unter spanischer Führung sollen bis zu 200 EU-Militärs 2.000 somalische Soldaten in Uganda ausbilden. Die endgültige Entscheidung erfolgt voraussichtlich im Februar. "Diese Mission wird von geringen Kosten und wenig Risiko sein, sie hat aber ein hohes Potenzial", heißt es in einer Mitteilung von Javier Solana, dem ehemaligen Rats-Generalsekretär und Hohen Vertreter für die EU-Außenpolitik.

Bei jener ESVP-Mission die den Symptomen näher kommt, ist Kosteneffizienz plötzlich ein Erfolgskriterium. Doch um nachhaltig die in der Region vorherrschende Kultur und Ökonomie der Gewalt zu befrieden, braucht es einen intensiven, langfristigen zivilen Friedenseinsatz der internationalen Gemeinschaft. Mit der neu geplanten Mission packt man das Problem zu zaghaft an und wird abermals scheitern. Innergesellschaftliche Veränderungsprozesse in Richtung Demokratisierung bedürfen breite Investitionen und Ausdauer.

Derzeit verteilen die EU-Piratenjäger an verdächtige Bootsfahrer eigens entworfene Taschen mit EU-Logo verzierten Kugelschreibern, Informationsmaterial oder Taschenlampen. Doch wirklich lohnen würde sich, die Kosten für den Atalanta-Einsatz in den Aufbau einer effektiven Küstenwache, der vehementen Unterbindung der Raubfischerei, der Entwicklung eines funktionieren Staates und der konsequenten Kontrolle des Waffenhandels zu investieren. So könnte sich der unattraktive EU-Begleitservice auch friedensschaffend betätigen.(derStandard.at, 11.12.2009)

*Mag. Martin Ehrenhauser, MBA, ist unabhängiger Abgeordneter des Europäischen Parlaments (Liste Martin) und Mitglied im Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung. http://www.ehrenhauser.at

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  • 8.11.2011
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Erwin Wolfram
00
13.12.2009, 14:42

Das alles ist kein Wunder, denn auch die Journalisten sind so korrupt, dass sie fuer den Leser nicht einmal recherchieren konnten welche Sorte Fisch der muendige Konsument meidet bis sich der ganze Einsatz an die Regeln der Zwischenmenschlichkeit inkl Asylgesetzgebung haelt, denn wenn ein Land ausgepluendert wird ist das schon ein Asylgrund, das ist ein Gewaltausbruch, egal was unser korrupter Gesetzgeber dann ins Asylgesetz ueber Wirtschaftsfluechtlinge schreibt. Wahrscheinlich liest er auch solche Produkte eines korrupten Journalismus, ich bin da auch dagegen.

Martin Müller10
 
00
12.12.2009, 11:01
Wenn man einen Artikel auf Deutsch schreibt

Dann wirft man Dinge über Bord und nicht über Board. Inhaltlich ok aber wen kratzts wenn da ein paar Fischer verhungern, da gehen wir lieber den militärischen Weg. Ein kleiner Ausblick auf Konflikte die uns noch bevorstehen

Schwarz Grün
23
12.12.2009, 08:33
90 % des globalen warenverkehrs ...... ?

Martin geht's noch?

wir wärs mit einmal kurz nachdenken!

maxfax
00
12.12.2009, 12:08
Das KANN...

...einfach nicht stimmen...außer es würde Ware rein zum Spaß durch Panama- und Suezkanal verschippert...

Kevin Zimmermann
00
12.12.2009, 11:55
Auch "Die Zeit" spricht von 90 %.

Christoph ************
00
12.12.2009, 13:41

90% an was, Masse, Volumen, Kaufwert, ...?

das alleine kann schon einen Unterschied wie Tag und Nacht machen.

Susanne Starkl
00
13.12.2009, 19:31
aber darum geht es doch gar nicht

bokomo_vie
20
11.12.2009, 22:49

Und ich dachte immer wieder, dass der Standard eine Zeitung für die liberalen Intellektuellen dieses Landes ist. Wenn ich mir hier die Beiträge von so Einigen anschaue, dann kann mich nur wundern wie sich die "Intellektuellen dieses Landes" von einem polemischen Artikel der hinten und vorne falsche "Fakten" bringt, beeindrucken lassen.

Liebe Susanne Starkl, Marie Wollenstein, usw! Es ist ja lieb, wenn Ihr die Liste xy unterstützen wollt, aber ein bisserl an die Fakten sollte man sich schon orientieren! Und zum Thema Polemik: Der Haider hat das können, alle anderen kopieren ihn nur! ;-)

Brücke
34
11.12.2009, 21:50

Die Piratenbekämpfung ist willkommener Vorwand
, den Rohstoffhandel Afrika (Sudan) - Asien (China)
zu kontrollieren .
Die europäische Militärpräsenz um das Horn von Afrika ist vermutlich langfristig angelegt .

Christoph ************
00
12.12.2009, 13:42

Wie wird denn da bitte schön konkret auch nur irgendwie der Warenverkehr zw. Afrika und Asien kontrolliert?

Marie Wollenstein
31
11.12.2009, 19:31
Sehr interessant!

Ich habe diesen Kommentar richtig aufgesaugt. Es ist prima, dass mal so konkret und aufrichtig informiert wird.
Was mir besonders gefällt ist, dass auch Lösungsvorschläge angesprochen werden.

maboco
20
12.12.2009, 09:07

Also Du bist aber leicht zufrieden zustellen. Und welche Lösungsvorschläge die nicht schon andere gebracht haben, bringt der Ehrenhauser genau? Ach ja und das wir hier um Somalia reden dürfte Dir wohl bewußt sein, oder? Und auch was das real bedeutet?

Und leider ist der Artikel voll mit Halbwahrheiten und für jeden der sich ein bisserl mit der ESVP auskennt - und der Ehrenhauser gehört offensichtlich nicht dazu - ist der Artikel eher lächerlich polemisch.

maboco
20
11.12.2009, 23:00

Meinst Du das jetzt ernst? Ich mein wenn Du für die Liste XX arbeitest würde ich es ja noch verstehen. Aber wenn nicht, kannst bei dem Artikel durchaus ein bisserl kritisch sein. Der Ehrenhauser ist halt auch nur ein Politiker der ein paar Fakten ganz schön frei interpretiert. Wobei ich hoffe, dass dies im einfach in seinem Enthusiasmus halt passiert ist und er dies nicht bewußt macht.

Buntspecht12
28
11.12.2009, 19:19
Man hat den Eindruck

also ob sich da einige EU Politiker Kriegsherren spielen wollen. Da will man halt neben der NATO noch eine weitere Streitmacht aufstellen. Zahlen eh die Steuerzahler. Je größer die EU desto mehr Steuerzahler dürfen da ihr Geld rein buttern. Mir wird immer deutlicher klar warum hier so auf Erweiterung gedrängt wird. Hr. Ehrenhauser - bleiben Sie da dran und klopfen Sie den Verantwortlichen ordentlich auf die Finger! Dann hat HP Martin da wenigstens Unterstützung! Es bräuchte mehrere Ihrer Sorte. Und informieren Sie uns weiter über das, worüber Ihre Kollegen gerne den Mantel des Schweigens ausbreiten wollen.

Sir Karl Popper
22
11.12.2009, 18:43
Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen NATO und ESVP?


Mir ist der Sinn der NATO nicht ganz klar seit dem Zerfall der Sowjetunion. Ist die ESVP nun der Nachfolger oder der kleine Bruder der Transatlantiker?

Reicht nicht eine Organisationaus, wenn schon beide die gleiche Agenda verfolgen?

Christoph ************
20
12.12.2009, 13:44

NATO + USA
ESVP - USA

Und das ist nur ein Unterschied. Der alleine reicht aber schon aus um beides ganz und gar nicht gleichsetzen zu können.

W. Müller
 
23
11.12.2009, 18:23
In erster Linie ...


... sollten doch die Flaggenstaaten für die Sicherheit 'ihrer' Schiffe sorgen.

Antigua, Panama, Zypern, ...

maboco
20
11.12.2009, 23:02

Wir haben auch Flaggen! Und ich hoffe Dein PC oder Dein iphone, etc aus Südkorea, Taiwan, China oder sonst woher ist nicht zu Fuß nach Europa marschiert. :-)

Maria Bergen
29
11.12.2009, 20:48
und in allererster Linie

muss für ein faires Miteinander und Nebeneinander durch entsprechende Regeln gesorgt werden, damit nicht Unternehmen der reichen Länder die Recourcen der armen Länder frech plündern dürfen. Ehrenhauser hat da ja eine Riesen Chuzpe aufgezeigt. Die großen Konzerne plündern die armen Länder und werden von gewissen(losen) Politikern dabei noch unterstützt. Wenn sich die Armen wehren, dann werden halt Soldaten geschickt, anstatt dass man das Plündern lässt. Bezahlen tut es die Bevölkerung. Im Süden mit Hunger und Elend durch die Plünderung, im Norden durch höhere Steuern für die Militäreinsätze. Verdienen tun die Multis und für die willigen Politiker wird auch was davon abfallen.
Ehrenhauser, bleiben Sie dran und passen Sie auf sich auf.

W. Müller
 
21
11.12.2009, 21:26
".. faires Miteinander .."

Da rennens' bei mir offene Türen ein.

bokomo_vie
142
11.12.2009, 16:34

So und jetzt mein vorlaeufig letzter Beitrag:

Wie kann es sein, dass ein EU Abgeordneter der Mitglied im Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung ist, so wenig ueber sein "Fachgebiet" weiss und einen so falsch recherierten Artikel veroeffentlich?

Und das ein oesterreichischer Abgeordneter zum EU Parlament glaubt Oesterreich sei nicht beteiligt (wobei mich ja wundert, dass das Wort Neutralitaet nicht gefallen ist) laesst mich an der Kompetenz dieses Politikers schwer zweifeln!

Marie Wollenstein
22
12.12.2009, 08:53
Achtung - nicht ernst zu nehmende Person!

Er/Sie hat weiter unten zugegeben unter mehreren Namen zu posten. Was soll der Blödsinn???

maboco
10
12.12.2009, 09:08

Also seine Argumente weiter unten sind aber wesentlich stichhaltiger als ihre. ;-)

bokomo_vie
10
12.12.2009, 09:01

Was meinst Du damit?

Peter Eichorn
26
11.12.2009, 20:22
Was bitte finden Sie falsch am Artikel?

Mir erscheint er logisch und ich finde es gut wenn jemand ehrlich aufzeigt dass ein Problem besser und billiger gelöst werden kann wenn man die Gründe dafür (Raubfischerei der reichen Länder/Unternehmen) angeht und eine Lösung sucht anstatt sich nur auf die Bekämpfung der Symptome zu konzentrieren. Das ist genau so wie in der Medizin. Für mich hat jemand, der versucht im Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung den Konflikt an der Wurzel zu bekämpfen auch kompetenter als jemand, der mit dem Steuergeld und der Gesundheit und dem Leben der jungen Europäer (Soldaten) versucht Krieg zu spielen.

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