DER STANDARD-Interview

"Putin ist zu klein für dieses Land"

11. Dezember 2009, 14:40
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    foto: standard/ robert newald

    "Man muss etwas zu verlieren haben. Demokratie funktioniert, wenn man etwas zu verteidigen hat": Karl Schlögel.

Über die Folgen von 1989, russische Tragödien und russische Hoffnungen: Mit dem Historiker Karl Schlögel sprachen Josef Kirchengast und Christoph Winder

STANDARD: Herr Professor Schlögel, das Megagedenkjahr 2009 neigt sich seinem Ende zu. Wenn Sie die Veranstaltungen, mit denen 1989 gewürdigt wurde, noch einmal geistig Revue passieren lassen, was ist Ihr Fazit? Gibt es da einen roten Faden, eine übereinstimmende historische Lesart, auf die man sich inzwischen geeinigt hat?

Schlögel: Nun, es war vor allem ein nochmaliges Durchleben der Geschehnisse von 1989. Dass es großartige neue wissenschaftliche Erkenntnisse gegeben hätte, sehe ich nicht. Was mich irritiert, war diese ungeheure Konzentration auf 1989 und das gleichzeitige Ausblenden des Umstands, dass wir heute zwanzig Jahre weiter sind. Ich hatte den Eindruck, man beschäftigt sich lieber mit dem abgeschlossenen Jahr 1989 als mit dem offenen Jahr 2009. Dabei legen beide Jahre eine gemeinsame Lehre nahe: Dass die Geschichte uns immer Geistesgegenwart abfordert, ein Offensein für das Unerwartete. Das Platzen der Blasen hat gezeigt, dass auch der Westen offenbar lange in den Tag hinein gelebt hat.

STANDARD: Glauben Sie, dass die Errungenschaften von 1989 - Durchsetzung der Demokratie, der Menschenrechte - heute so gefestigt sind, dass sie politisch unwidersprochen bleiben, quasi unumkehrbar sind? Und: Sind Kriege zwischen europäischen Staaten nach 1989 undenkbar geworden? Oder haben sich die Konflikte einfach nur auf andere Ebenen verlagert?

Schlögel: 1989 ist für mich in erster Linie das Ende des kurzen 20.Jahrhunderts von 1914 bis 1989, wie das Eric Hobsbawm genannt hat, das Ende eine Ausnahmezustandes mit einer unablässigen Abfolge von Kriegen, Bürgerkriegen und so fort. Ob man das Ende dieses Zustandes unter dem Begriff einer Hinwendung zur Demokratie analysiert, möchte ich einmal dahingestellt lassen. Natürlich haben uns die Ereignisse im Nordkaukasus oder in Jugoslawien gezeigt, dass es noch unaufgelöste Kapitel gibt. Es war niemand darauf gefasst, dass Sarajewo noch einmal passieren würde. Im Grunde glaube ich aber, dass dieser große Ausnahmezustand, der das 20. Jh. war, in Europa vorüber ist und dass sich die Probleme verlagert haben.

STANDARD: Ihr Buch über den stalinistischen Terror („Terror und Traum - Moskau 1937", Hanser 2008) wurde hymnisch rezensiert. Gibt es eine Verbindung zwischen den Verhältnissen im heutigen Russland und der Zeit der Gewaltherrschaft Stalins? Sind das Spätfolgen, auch was die Einstellung der Russen zu einem starken Führer betrifft, der schon alles richten wird?

Schlögel: Vielleicht nicht im direkten Sinn. Aber es gibt einen Zusammenhang mit einer Gewaltgeschichte, die über Jahrzehnte ging. In Deutschland wurde die Gewalt nach außen abgeleitet, mit dem Mord an den Juden und dem großen Krieg. Der russische oder sowjetische Teil ist anders: Es war ein Krieg gegen die eigene Gesellschaft. Dieser Blutverlust über Generationen, der Erste Weltkrieg, den wir meist vergessen, dann der Bürgerkrieg mit entsetzlichen Verlusten, die Emigration, die Kollektivierung mit der Vernichtung des Dorfes: Eigentlich ist Russland erst Ende der 1920er- , Anfang der 1930er-Jahre verschwunden, das war die große Zäsur. Der Zerstörung des alten, bäuerlichen Russland folgte dann die Selbstzerstörung der politischen Elite und alles dessen, was noch geblieben war, im Großen Terror. Und all das verschwindet dann im Schatten dessen, was kommen wird, nämlich des großen Krieges. Dass dieses buchstäbliche Ausbluten an einer Gesellschaft spurlos vorübergehen kann, das ist völlig ausgeschlossen.

STANDARD: Inwieweit leidet Russland heute noch an den Nachwirkungen dieser Geschichte?

Schlögel: Natürlich besteht ein Konnex zwischen der heutigen Schwäche der Opposition und dem Durchmarsch der politischen und ökonomischen Oligarchie Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre. Das große Erlebnis der zweiten Hälfte der 80er war, dass eine Gesellschaft zu sich kommt, eine Sprache findet und auf die Straße geht, dass es ein Pathos des bürgerlichen Engagements gibt, das ist für mich nicht weg. Das ist keine nostalgische Reminiszenz, sondern war für mich der Beleg dafür, dass eine Gesellschaft nicht verloren ist.

STANDARD: Aber die Kräfte, die damals in Erscheinung traten, scheinen im heutigen Russland keine Rolle mehr zu spielen.

Schlögel: Sie sind seit den späten 90er-Jahren überrumpelt, marginalisiert, dezimiert, hingerichtet worden. Sie sind exekutiert worden, auf offener Straße: Journalisten, Rechtsanwälte. Aber ich glaube, dass das nicht das letzte Wort ist.

STANDARD: Man muss Ihrer Meinung nach diese beiden sich überlagernden Traumata, den Großen Terror und den großen Krieg, immer mitdenken, um zu begreifen, warum sich bis heute keine nennenswerte Zivilgesellschaft, dafür in jüngster Zeit aber wieder ein Stalin-Kult entwickelt hat.

Schlögel: Es gibt nicht nur diese Traumatisierung. Es gibt auch einen anderen Prozess, an den ich mich hauptsächlich halte: eine in ungeheurem Tempo vor sich gehende Normalisierung und Einrichtung des Lebens jenseits des planwirtschaftlichen und sonstigen Ausnahmezustandes. Es hat eine Normalisierung in Form des Konsumismus gegeben.

Ich glaube, dass der Siegeszug von Ikea, über den viele die Nase rümpfen, eine unglaubliche Sache ist. Es ist die Möglichkeit von Leuten, sich neu einzurichten: der äußere Ausdruck dessen, dass sie ihr Leben neu gestalten wollen. Die Leute haben Ansprüche - und das ist doch meine Hoffnung -, von denen sie sagen, der Staat oder eine Partei hat da nichts hereinzureden. Wir wollen Urlaub in Antalya machen und gute Autos kaufen und endlich wie normale Bürger behandelt werden. Alles, was häufig unter Konsumismuskritik läuft, sehe ich in diesem Fall etwas anders.

Es gibt so etwas wie den Aufbau einer privaten Existenz, Akkumulation des Besitzes, den man dann auch verteidigt gegen Zugriffe. Es wird keine Zivilgesellschaft im emphatischen Sinn der Verteidigung politischer Rechte geben ohne diesen Grund, auf dem man ruht. Man muss etwas zu verlieren haben. Demokratie funktioniert, wenn man etwas zu verteidigen hat.

STANDARD: Erstaunlich, dass jemand wie Sie, der ideologisch der Linken zuzurechnen ist, zu diesem Schluss kommt: Demokratisierung durch den Kapitalismus des kleinen Mannes.

Schlögel: Man kann ja Marxist sein und zugleich die Verdienste der bürgerlichen Gesellschaft nicht in Abrede stellen. Der Marxismus wollte über die bürgerliche Gesellschaft hinaus. Wie weit das gelungen ist, wissen wir ja. Die Leistung der bürgerlichen Gesellschaft - Konkurrenz, Sinn für Privateigentum - kann doch keine Frage sein. Das große Unglück der russischen Gesellschaft war doch auch, dass eine bürgerliche Entwicklung abgebrochen wurde.

STANDARD: Sprechen Sie damit die wieder gestoppte Neue Ökonomische Politik (NEP) unter Lenin nach der Oktoberrevolution 1917 oder die Entwicklung nach 1989 an?

Schlögel: Es war der Erste Weltkrieg, der im Besonderen für Russland die große Katastrophe war, weil er ein hochdynamisches Land im Aufbruch getroffen und aus der Bahn geworfen hat. Und das eigentliche Ergebnis der russischen Revolution, das die Bauern in der Zeit der NEP erstmals zu Eigentümern machte, das hat Stalin durch die Zwangskollektivierung rückgängig gemacht, durch Rückführung in die Staatssklaverei. Das ist die große Katastrophe. Auch heute kann es eine stabile Entwicklung auf längere Sicht ohne Eigeninteressen einer relevanten Gruppe nicht geben. Nur sie kann sich diesem Staat und seinen Manipulationen entgegenstellen.

Das Verheerende an dieser Putin-Regierung ist ja, dass sie den Raum wieder geschlossen hat, in dem sich die kreativen, intelligenten und unternehmerischen Kräfte finden. Jelzin war groß darin, dass er der Gesellschaft mehr zugetraut hat: dass sie mit ihren Kräften klarkommt, dass sie eine gute Regierung für das große Land findet. Putin schreckt davor zurück. Er ist zu klein für dieses große Land. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.12.2009)

 

Zur Person: Der Historiker und Publizist Karl Schlögel (Jg. 1948) hat diese Woche im Rahmen der Ausstellung „1989 - Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft?") der Kunsthalle Wien referiert, eine Veranstaltung, die zusammen mit dem IFK, dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften konzipiert wurde. Schlögel lehrt seit 1994 osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

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12 Postings
BeBe Rabozo
00
14.12.2009, 09:50

"Es war niemand darauf gefasst, dass Sarajewo noch einmal passieren würde".

Das ist nicht war im Westen hat man es eher gewusst als vor Ort eigentlich.

Alphysiker
00
13.12.2009, 11:15

Ich stimme nicht mit Hr. Schlogel auf Putin, aber er hat rechts dass die Nachkriegszeiten in Westeuropa sind ein Ausnahme gewesen. (D. h. Wohlstand, Fried, usw.) Diese Ausnahme geht nicht mehr, die einzige Frage ist was wird konserviert? Profit fur die Firma, oder die Sozialinfrastruktur? Es sieht so aus, dass die Sozialinfrastruktur wird abgebaut, und damit kurzfristige Profit gemacht werden kann. Leider das ist ein Widerspruch: langfristig wird es nichtfunktionieren. Ein Bevolkerung die unausgebildet und ungesund ist, wird kein Profit machen...

Vlado Uljanow
17
13.12.2009, 01:49
Putin hats sichs in dem Moment verscherzt gehabt

als er den Oligarchen mit nahöstlichen Wurzeln auf die Zehen gestiegen ist - fortan war er ein Diktator!

Wo kämen wir da hin, wenn Typen wie Chodorowski und Bereschowski nicht mehr, wie unter dem ständig besoffenen Jelzin, sich ungestört an den Naturschätzen des Landes bedienen können?

Justus Liebig
05
13.12.2009, 01:18
Unter Putin konnten die Ostküstenfinanzhaie nicht

mehr Schalten und Walten wie sie es unter dem ständig besoffenen Jelzin tun konnten. Als Putin dann den Glaubensbrüdern der Finanzjongleure an Leder rückte war er plötzlich ein Diktator!
Na ja, den ganzen Schaden den das Gesindel wie Bereschowski und Chodorkowski konnte er nicht gut machen, aber immerhin!


Hurra Deutschland!
42
12.12.2009, 19:33
Schlögel’s Ansichten über die Verdienste bürgerlicher Gesellschaften sprechen mir aus dem Herzen:


„Die Leistung der bürgerlichen Gesellschaft - Konkurrenz, Sinn für Privateigentum - kann doch keine Frage sein. Das große Unglück der russischen Gesellschaft war doch auch, dass eine bürgerliche Entwicklung abgebrochen wurde.“

Medwedew hat Russland vor kurzem in seiner Rede an die Nation als „chronisch rückständig“ bezeichnet, Anstelle der archaischen Gesellschaft, in der Führer alles festlegen und regeln, müsse eine Gesellschaft der klugen, freien und verantwortlichen Menschen treten. Genau das ist das Bürgertum. Putin stimmte ihm zu, ich bezweifle aber, dass er überhaupt eine Ahnung vom freien Bürgertum hat. In der DDR konnte er es sicher nicht kennenlernen.

Aca Rankovic
120
12.12.2009, 13:48

Die Fähigkeiten eines Jelzin über die eines Putin zu stellen oder Putin als klein, Jelzin aber als groß zu titulieren kann wirklich nur von einem Westeuropäer kommen. Für die Russen ist es nämliich genau umgekehrt. Putin war der richtige Mann zur richtigen Stunden. Besser die Westler kritisieren Putin und schwadronieren darüber, was in Russland falsch läuft und sie nichts dagegen tun können als sie mischen sich aktiv in die inneren Angelegenheiten Russlands ein - so wie bei Jelzin

Alphysiker
00
13.12.2009, 11:17

Ich stimme zu nur eine Dinge: die Akademiker sind nicht typische Westeuropaer. Die Akademikern sind ein Teil der politische Klasse, und wa sie uber Putin sagen, hat ideologisch Ursache dahinter.

Michel de Nostredame
72
12.12.2009, 19:18
Der einzige Unterschied zwischen Putin und Jelzin ist

... dass Putin ein fähiger Mafia-Boss ist und Jelzin ein unfähiger Mafia-Boss war. Somit sind bzw. waren beide zu klein für dieses Land.
Putin ist ein fähiger Mann, der er es versteht, die Rohstoffe seines Landes zu vermarkten und sein Volk ein klein wenig am Wohlstand teilhaben zu lassen. Aber Gnade uns allen Gott, wenn es ihm nicht mehr gelingt, den bescheidenen Wohlstand seines Volkes aufrechtzuerhalten (Preisverfall der Rohstoffe), denn dann wird er die inneren Probleme seines Landes nach außen kanalisieren.
Die Propagandamaschinerie gegen den "bösen Westen" läuft ja bereits und aus bitterer Armut heraus wird es ein Leichtes sein gegen diesen "Feind" in den Krieg zu ziehen.

santamonica
21
12.12.2009, 17:15
es geht nicht um fähigkeiten sondern in diesem fall um visionen und courage, wenn ich das richtig verstanden habe. es mögen viele russen von putin beeindruckt sein - ist ja auch kein wunder bei der muskelmasse auf diese grösse - aber gut finden sie

ihn deshalb noch lange nicht

tramtatam
07
12.12.2009, 21:16
Putin hat auch visionen und courage, nur dem Westen unpassende:

eben die courage, dass er den West-Konzernen, die dank Jelzin für ein Apfel und ein Ei russische Bodenschätze gemütlich ausbeuten dürften, die Tür laut vor der Nase zugeknallt hatte, und den Überfall eines möchte-gern-auch-so-tun-wie-NATO Mitgliedes auf Ossetien (vergleichbar mit NATO-Raubzügen in Serbien und Irak) nicht durchgehen lassen.

Jelzin hatte da durch das Vodka-Glas blickend viel bessere Visionen gesehen, und der Westen wiederum hatte den Jelzin durch die andere Seite des Vodka-Glases auch grösser und demokratischer wahrgenommen.

BMA
00
15.12.2009, 13:43
Genau, Sie vergessen nur

das er das ganze überbüdgetäre Geld (vom Rohstoffhandel) im Westen angelegt hat anstatt in eigene Wirtschaft, Infrastruktur und Bildung zu investieren.
Als Folge Wirtschaft und Banken war überschuldet im Westen.
Bau von 1km Autobahn kostet in Russland ca. 12Mio USD (wer bietet mehr?) auf Grund der Korruption.
Russlands Bevölkerung stagniert ca. 1Mio/Jahr, 4.000.000 verwahrlosen Kinder - zukünftige Verbrecherarmee. Grund: Drogenpolitik (sprich Alkoholpolitik)
Die "Gehirnabwanderung" schreitet voran. Folge: siehe Raketentests von "Bulawa" (Technologie der 80er), Sajano-Schuschenskaja. In 2-5 Jahren werden die "Peacemaker" schrott. Was dann?
Jetzt ist das Geld weg und er (bzw. Kudrin) steht schon wieder mit der ausgestreckten Hand.

pepitant
05
12.12.2009, 18:55
Unsere Spezialisten haben immer

Visionen für andere, nur wenn bei uns einer mit einer Vision daherkommt, heißts, wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen.
Andererseits, dass unseren Eliten lieber wäre, die russischen Rohstoffe unter Markenzeichen wie Shell oder BP anstatt Gazprom zu erschließen, kann ja nun auch nicht grad unter Sensation verbucht werden.
Da nimmt man halt die Argumente gegen die russische Führung, die man billig bekommen kann. Noch ein paar Jahre Verdummungsmedien und Jelzin wird der größte russische Staatsmann aller Zeiten gewesen sein.

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