"Man hat das Gefühl gehabt, das können wir nicht verlieren"

21. Dezember 2009, 13:24
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Niki Kunrath über die Besetzung der Au und die Parallen zu den Studierendenprotesten heute

Niki Kunrath, Kandidat der Grünen bei der Wiener Gemeinderatswahl, war einst bei der Besetzung der Hainburger Au aktiv. Im Gespräch mit derStandard.at redet er über seine damaligen Beweggründe, die politische Bandbreite der Besetzer und er zieht Parallelen zu den Studierendenprotesten von heute. Die Fragen stellte Sebastian Pumberger.

derStandard.at: Was hat Sie 1984 bewegt bei der Besetzung von Hainburg mitzumachen?

Kunrath: Ich war damals schon beim Sternmarsch am 8. Dezember dabei. Unsere Gruppe kam aus der Zwentendorf- und Friedensbewegung. Wir wollten als zivilgesellschaftliche VertreterInnen dabei sein, bis wir gesagt haben: "Hey, da bleiben wir". Es waren zwei Aspekte für mich wesentlich. Zum einen der Schutz der Au und das Nein zum Kraftwerk. Der zweite Aspekt war das Thema Exekutivgewalt und Überwachung. Ich war damals in der Zentrale der Besetzung in Stopfenreuth und wir haben intensive Gespräche mit den Exekutivorganen geführt. Es war eine "good guy"/"bad guy"-Geschichte. Die "good guys" waren die Gendarmen, die "bad guys" die Polizisten. Es gab sogar Gendarmen die ihre Uniform ausgezogen und sich mit den BesetzerInnen in die Au gesetzt haben.

derStandard.at: Wie ist die Bevölkerung mit den Besetzern umgegangen?

Kunrath: Sensationell. Die Bevölkerung hat Lebensmittel, Schlafsäcke oder Zelte gebracht. Die Leute haben das Gefühl gehabt, da passiert etwas Unrechtes: Der zivilgesellschaftliche Widerstand ist das Besondere von Hainburg.

derStandard.at: Welche Rolle spielt Hainburg für die Grünen?

Kunrath: Ich bin kein Anhänger davon, dass die Hainburg-Bewegung der Beginn der Grünen Partei war. Es hat für mich viele Puzzlesteine oder Momente gegeben, die zur Gründung der Grünen geführt haben. Für mich persönlich waren die Friedensbewegung und das Anti-Abfangjäger-Volksbegehren viel stärkere Beweggründe, um zu den Grünen zum gehen.

derStandard.at: Nachdem die Polizei begonnen hatte die Au für die Rodungsarbeiten zu räumen, versammelten sich am Abend mehrere Tausend Menschen zu einer Demonstration. Der damalige Bundeskanzler Sinowatz musste in einem "Weihnachtsfrieden" einlenken. Wie lange sind Sie danach noch in der Au geblieben?

Kunrath: Am 19./20. Dezember sind wohl 80 Prozent der BesetzerInnen nach Hause gefahren. Am Heiligen Abend gab es eine ökumenische Christmette. Ich selbst bin mit meiner Familie zu dieser in die Au gefahren und war dann bis 2. Jänner vor Ort. Silvester war noch mal einer der Höhepunkte. Ich bin am 8. Jänner noch einmal runter, wir wollten ja nicht, dass der Abfall in der Au bleibt. Lager mussten geräumt werden, Mist weggebracht, ...

derStandard.at: Sehen Sie Parallelen zwischen Hainburg und der heutigen Studentenbewegung?

Kunrath: Die erste Parallele ist, dass es aus eigener Kraft passiert ist. Das zweite ist das demokratische Element. In Hainburg war eine vollkommene Gleichberechtigung. Die StudentInnenbewegung geht einen Schritt weiter. Wir haben noch die "Schlacht der Reden" gehabt, bei den StudentInnen gibt es von Vornherein eine Redezeit von zwei Minuten. Es gab in Hainburg und es gibt ebenso bei den StudentInnen ein Nichtwollen, dass andere uns bzw. sie vertreten. Natürlich hat es damals eine Gruppe gegeben um Konrad Lorenz, Günther Nenning, Peter Weihs oder Freda Meissner-Blau, die nach außen aufgetreten sind. Es gab damals ein Lager (insgesamt gab es sechs, Anm.), dass mehrheitlich von Rechten bis Rechtsradikalen besetzt war. Man hat dort zwar nicht angestreift, aber man hat sie lassen. Das würde ich heute nicht mehr so machen. Damals hat es dazugehört, dass aus allen politischen Lagern Leute mitgemacht haben.

derStandard.at: Hat sich die Reaktion der Politik im Vergleich zu Hainburg verändert?

Kunrath: Die ÖVP kennt – dass zeigt die Aussage von Kaltenegger zu den AudimaxbesetzerInnen – noch immer nur als einzige Reaktion Ablehnung durch Räumung, sowie Gewalt und Macht ausüben. Wie dilettantisch die ÖVP – damals war es die SPÖ – agiert. Das sind genau die gleichen Muster: "Wir müssen mit Gewalt und Exekutive reinfahren". (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 21.12.2009)

Zur Person: Niki Kunrath war einst bei der Besetzung der Hainburger Au dabei, war Generalsekretär  von SOS-Mitmensch und einer der Organisatoren des Lichtermeers. Bei den Wiener Gemeinderatswahlen im Herbst 2010 kandidiert Kunrath für die Grünen.

  • Die ÖVP wende - so Kunrath - bei den Studierendenprotesten die gleichen Muster an wie die SPÖ in Hainburg: "Wir müssen mit Gewalt und Exekutive
reinfahren".
    foto: standard/hendrich

    Die ÖVP wende - so Kunrath - bei den Studierendenprotesten die gleichen Muster an wie die SPÖ in Hainburg: "Wir müssen mit Gewalt und Exekutive reinfahren".

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    Die Besetzung der Hainburger Au richtete sich gegen ein geplantes Donaukraftwerk, dessen Folge die Zerstörung der Donau-Auen gewesen wäre. Heute ist das Donau-Ufer um Hainburg der Nationalpark Donau-Auen.

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