Grippemedikament

Der Clou mit Tamiflu

13. Dezember 2009 18:20
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    Foto: apa/michael probst

    Für Roche ist Tamiflu ein Bestseller. Die Umsatzerwartungen liegen für 2009 bei 1,78 Milliarden, für 2010 bei 463,3 Millionen Euro.
    Tamiflu-Lager wie diese gibt es in den meisten Industrienationen.

Wundermittel oder gelungene Marketingstrategie - Eine neue Metastudie nährt die Zweifel an der Wirksamkeit von Tamiflu

Tamiflu kann so gefürchtete Grippe-Komplikationen wie Lungenentzündung verhindern - sagt der Hersteller Roche. Untermauert wurde dies von einer Meta-Analyse (Zusammenfassung mehrerer Studien samt statistischer Auswertung), die am Kantonsspital Genf 2003 von Laurent Kaiser durchgeführt wurde - im Auftrag von Roche. Die Kernaussage: Tamiflu senkt die Komplikationsrate bei Grippe um 55 Prozent. Diese Aussage kommt nun ins Wanken, weil die Cochrane Acute Respiratory Infections Group, eine Review-Gruppe des weltweit agierenden Wissenschafter-Netzwerkes Cochrane Collaboration, durch eine neue Metastudie eine Kontroverse ausgelöst hat. Die unabhängigen Wissenschafter um Tom Jefferson fanden im Gegensatz zu Kaiser keinen Beleg für die signifikante Reduktion von Komplikationen an den unteren Atemwegen. Die Wirksamkeit des Neuraminidase-Hemmers (das Enzym Neuraminidase ist für die Verbreitung des Virus in Körperzellen zuständig) sei nicht ausreichend belegt. Sämtliche Studien der Kaiser-Analyse habe der Pharmakonzern bezahlt, nur zwei der zehn Studien habe man publiziert. Die Cochrane-Gruppe habe sich bei Roche um die Rohdaten der Studien bemüht, sie aber nicht bekommen, schreibt das British Medical Journal. Breitenwirksam veröffentlicht wurde die Kritik in einer britischen Wissenschaftssendung auf Channel 4.

Roche gebe Patientendaten nicht ohne Vertraulichkeitsvereinbarung weiter, reagiert Nicole Gorfer, Sprecherin von Roche Österreich, auf die Kritik. Die Cochrane-Gruppe habe eine derartige Vereinbarung aber abgelehnt. Was die Korrektheit der Studiendaten von Roche betrifft, verweist Gorfer auf die Überprüfung durch die europäischen und US-amerikanischen Zulassungsbehörden: "Alle Daten wurden für valide und korrekt befunden."

Die Weltgesundheitsorganisation WHO will trotz Cochrane-Kritik an ihrer Tamiflu-Empfehlung festhalten. Das Influenzamittel reduziere, so die WHO, Hospitalisierung und Todesfälle.

Millionen-Vorrat

Letzteres bezweifelt Franz Allerberger, Leiter des Fachbereichs Humanmedizin der Ages, der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: "Die Sterblichkeit ist bei der Schweinegrippe gleich hoch wie bei üblichen Grippeviren. Sie liegt bei 0,25 Promille. Ob die Sterblichkeit von Tamiflu beeinflusst wird, ist nicht klar, dazu fehlen die Daten." Wie die Cochrane-Gruppe vermisst Allerberger unabhängige Studien. "Wir bräuchten vergleichende Beobachtungsstudien", sagt Allerberger. Nur: "Solche Studien sind teuer. Die üblichen Zulassungsstudien werden von den Herstellern finanziert." Britische Forscher haben einen Vergleich zwischen Tamiflu und Aspirin angeregt. "Da könnte herauskommen, dass das eine genauso wirkt wie das andere oder auch gar nicht. Daran sind Pharmaunternehmen aber nicht interessiert", beschreibt Allerberger das Dilemma.

"Seit Jahren weisen Analysten daraufhin, dass die Wirksamkeit von Tamiflu nicht belegt ist. Das müssten auch unsere Chefeinkäufer wissen", teilt die Wiener Sozialmedizinerin Claudia Wild vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment die Kritik der Cochrane-Gruppe.

Trotz Zweifel an der Wirksamkeit empfehlen Gesundheitsbehörden Tamiflu als Mittel zur Pandemie-Eindämmung. Österreich hat sich für die H1N1-Pandemie mit 1,122.302 Packungen des antiviralen Medikaments eingedeckt, dazu kommt noch Tamiflu in Pulverform, das für weitere 3,178.438 Packungen reichen würde. Vier Millionen Menschen könnten behandelt werden.

"Anscheinend sind dafür ausreichend Mittel verfügbar", merkt Wild an. Aus ihrer Sicht fehle es an ökonomischem Druck, "damit man sich überlegt, wofür man Geld im Gesundheitswesen ausgibt". Wild hält den Einsatz von Tamiflu nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen für bedenklich: "Je häufiger antivirale Medikamente eingesetzt werden, umso rascher entwickeln sich Resistenzen."

Mit Ablaufdatum

Was mit dem Tamiflu-Vorrat nach Abklingen der H1N1-Pandemie geschieht, ist ungewiss. Haltbar sind die Kapseln fünf Jahre, die europäische Zulassungsbehörde EMEA entschied im April, weitere zwei Jahre zuzuschlagen. Das in Fässern gelagerte Pulver habe kein fixes Ablaufdatum, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Franz Allerberger: "Die staatliche Einkaufsstellen haben sich in allen europäischen Staaten verpflichtet, Medikamente nur abzugeben, wenn Pandemie herrscht." Ist die Pandemie vorbei, bleibt das Pulver in den Fässern. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 14.12.2009)

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Posting 1 bis 25 von 159
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normal citizen
06.02.2010 11:23
Also ich verstehe das Abstract des Cochrane Institutes anders,

es hat sehr wohl einen positiven Effekt auf die Bekämpfung der Symptome der Grippe, aber es verhindert, minimiert oder unterbindet keineswegs die Weiterverbreitung der Viren.

Student der Magie
19.12.2009 18:22
was ist eigentlich mit den Kanadiern los?

http://www.contracoma.com/kanada-ge... impfungen/

presonic
15.12.2009 11:19
die ergebnisse sind sehr interessant.

nachzulesen hier:
http://www.mrw.interscience.wiley.com/cochrane/... frame.html

offensichtlich wirkt tamiflu nur gegen manche symptome einer influenza, die mit typischen symptomen daherkommt (was bei weitem nicht jede influenza macht) und hat dafür enorme nebenwirkungen.
man tauscht also nur unangenehme symptome gegen andere.

auch interessant, weil jetzt gerade in der anwendung:
zur schweine- und vogelgrippe gibt es keine daten.

Godesberg
15.12.2009 21:16

Bei Ihnen als Homöopathieanhängerin darf ich wie immer fragen ob Sie die Cochrane-Meinung in diesem Punkt auch teilen?

hot doc
15.12.2009 21:33

lieber kollege, sie sind auf ihre weise nicht anders als frau presonic, weil sie völlig irrational etwas propagieren, wofür es keine ausreichende evidenz gibt. ich denke, sie haben ihre pekuniären gründe für ihr verhalten, aber ich muss sie enttäuschen: der schwindel um die schweinegrippe stinkt mittlerweile so zum himmel, dass schon ziemlich jeder denkende praktiker vestanden hat, was hier gespielt wird.

Godesberg
15.12.2009 23:17

In den USA sind bislang dreimal mehr Kinder an der H1N1 gestorben als in kompletten normalen Jahren an den anderen Subtypen. Und dabei haben wir die Grippesaison noch nicht mal gehabt.

Ich sehe nicht warum man das verharmlosen sollte.

Killa vomBilla
20.12.2009 10:25
Ganz leicht

Guckst du dir den bericht der amis in 4monaten noch mal an kommen sie drauf das 70% davon einen herzfehler hatten 20% die normale grippe 5%bei einem verkehrsunfall umgekommen sind und 2%suizid machten.
Bei 3%sind sie sich ned sicher drum sinds Schweinegrippe Opfer.
Glaubst du an den Weihnachtsmann ?

Godesberg
15.12.2009 08:21

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19995812

"The drugs are effective postexposure against laboratory confirmed influenza, but this is a small component of influenza-like illness, so for this outcome neuraminidase inhibitors are not effective."

Was ist die Aussage? Neuramidase-Inhibitoren sind effektiv gegen echte Influenza, aber nicht bei Influenza-ähnlichen Erkrankungen.

Bedeutet: die Kritik geht dahin, dass das Mittel zwar gegen die Erkrankung funktioniert gegen die sie gerichtet ist, nicht aber gegen eine andere Krankheit, die (zufällig) ähnliche Symptome hat.

presonic
15.12.2009 11:22
noch mal den artikel oben GENAU lesen:

roche hat behauptet, tamiflu würde lungenentzündung (welche zu den grippe-ähnlichen erkrankungen zählt!!) reduzieren. genau das tut es aber nicht.

birka
14.12.2009 23:22
Godesberg
15.12.2009 07:48
Oder da:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19995812

"Neuraminidase inhibitors have modest effectiveness against the symptoms of influenza in otherwise healthy adults. The drugs are effective postexposure against laboratory confirmed influenza, but this is a small component of influenza-like illness, so for this outcome neuraminidase inhibitors are not effective."

Das ist wieder die gleiche Sache wie bei der Influenza-Impfung.

Die Effizienz des Mittels bei echter Influenza wird bestätigt. Die Kritik richtet sich dagegen, dass das Mittel nicht auch gegen Influenza-ähnliche Erkrankungen hilft.

Ich bleibe dabei: das ist nicht statthaft, da es sich um ein Imfluenzamittel handelt und nicht um eines gegen Influenza-ähnliche Erkrankungen.

presonic
15.12.2009 11:20

naja, es sollte schon mal gesagt werden, dass die echte influenza eine eher seltene erkrankung ist. das macht das cochrane-institut hiermit.

Godesberg
15.12.2009 23:23

Ja und Tamiflu sollte auch nur bei der echten Grippe eingesetzt werden und dann hat es auch eine gewisse Wirksamkeit. Sonst wäre es nicht zugelassen worden und diese Wirkung bestätigt ja auch das Cochrane-Paper.

Ich verstehe weiterhin nicht warum man einen Wirkstoff verurteilt weil er nicht gegen eine Erkrankung wirkt, gegen die er gar nicht gerichtet ist.

birka
15.12.2009 10:41

Jain. Ob Neuraminidase Inhibitoren wirken oder nicht ist die eine Sache, die andere ist aber wie diese Wirkung durch Studien belegt wird. Und da kann ich die Kritik des BMJ durchaus nachvollziehen. Wenn quasi nur Hersteller-finanzierte Studien als Beweis dienen, und davon wiederum nur die passenden publiziert werden dann hört sich das nach Bias^2 an. Potentielle Ghostwriter bei den Papers, auch nicht gerade vertrauensfördernd.

- Paucity of good data has undermined previous findings for oseltamivir’s prevention of complications from influenza. Independent randomised trials to resolve these uncertainties are needed. -

Godesberg
15.12.2009 21:11

Nach dieser Argumentation dürfte es kein einziges Medikament geben. Die ersten Studien dazu sind immer umternehmensfinanziert.

Dazu gibt es Zulassungsbehörden.

birka
16.12.2009 09:19

Es wäre wohl grundsätzlich nicht so schlecht bei neuen Medikamenten ein wenig zurückhaltend zu sein bis ausreichten unabhängige Daten vorliegen. Und gegen einen Publikationsbias etwas zu machen ist meiner Meinung nach auch grundsätzlich nicht so schlecht.

Tamiflu ist von unseren Regierungen im großen Stil gekauft worden. Ich weiß nicht ob die das als Postexpositions-Prophylaxe verteilen wollten, weil dafür hilft es ja erwiesenermaßen. Die Beweise für eine Reduktion von Influenza-Komplikationen sind aber dünner als bislang angenommen - darüber wird man sich wohl beschweren dürfen?

Godesberg
16.12.2009 12:18

Die Entwicklung eines neuen Medikaments braucht so schon teilweise mehr als zehn Jahre. In dieser Zeit wird ausgiebig getestet. Wie lang wollen Sie es noch herauszögern?

Auch nach 15 Jahren wird es Fälle geben in denen sich ein Medikament als schlechter erweist als gedacht.

Da muss man auch mal abwägen. Denn es kann auch nicht sein dass wertvolle Therapien 5 Jahre vorenthalten werden weil die Sicherheit 95% beträgt und nicht 96%.

Godesberg
16.12.2009 12:15

Klar darf man sich darüber beschweren. Aber man wird sich auch darüber beschweren dürfen wenn es heißt Tamiflu taugt nichts, und das an Indikationen festgemacht wird die nichts mit dem gedachten Wirkungsspektrum zu tun haben.

Die Cochrane-Studie sagt ausdrücklich dass es eine Wirksamkeit gibt bei echter Influenza.

Hier stürzen sich natürlich alle wieder drauf dass diese Wirksamkeit bei influenzaähnlichen Erkrankungen nicht gegeben ist, ohne zu differenzieren.

Das ist auch insgesamt das nervige an Cochrane-Studien. Die haben eine gewisse Politik dass immer etwas negativ-kritisches drin stehen muss, selbst wenn das Mittel wirkt (vermutlich aus Rechtfertigungsgründen). Und dahingehend muss man diese Artikel auch fachlich verstehen können.

mediview
 
14.12.2009 16:28
Forschen und Testen...

So ähnlich wie beim Zeckenimpfen. Da wurden die Impfintervalle nachträglich auf 5 Jahre verlängert. http://mediview.wordpress.com/

Sabine Werner
14.12.2009 16:08

Dummiflu spart einen Krankheitstag, einen!!!! Ich sehe überhaupt nicht ein, warum ich einen grippalen Infekt normal ausheilen lassen soll, niemals würde ich sowas nehmen.

slackerli
05.02.2010 14:26

ein grippaler Infekt hat aber auch mit Grippe nichts zu tun.

Ava Tar
14.12.2009 16:01
In Japan ist Tamiflu für Jugendliche verboten

http://search.japantimes.co.jp/cgi-bin/n... 202a6.html

pretty1
14.12.2009 15:08
Frau Wild profiliert sich gerade als neue Gesundheitsministerin ??

h 90
14.12.2009 17:21

Im Gegenteil bei solchen Anschaffungen gibt es ja auch immer Geldrueckfluesse an die Parteien.

kiwi100
14.12.2009 16:25
Das glaube ich nicht

dazu ist sie viel zu ehrlich und fachlich zu gut. Ich befürchte eher, dass die unabhängigen Institutionen wie z.B. die Cochrane Collaboration, oder Institute für Medizintechnik-Folgenabschätzung (HTA), immer mehr unter Druck geraten werden.
Großkonzerne verfügen über exzellente Netzwerke und ungleich mehr Spielgeld. Es ist ein Kampf David gegen Goliath, der nur mit der Unterstützung durch mündige BürgerInnen, Gesundheitsberufe, JournalistInnen, etc. sowie eine unabhängige Wissenschaft und Forschung fortgesetzt werden kann. Wenn er verloren geht, dann haben wir unsere unabhängige Wissenschaft endgültig durch perfekt funktionierende Marketingabteilungen ersetzt.

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