Der Clou mit Tamiflu

13. Dezember 2009, 18:20
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Wundermittel oder gelungene Marketingstrategie - Eine neue Metastudie nährt die Zweifel an der Wirksamkeit von Tamiflu

Tamiflu kann so gefürchtete Grippe-Komplikationen wie Lungenentzündung verhindern - sagt der Hersteller Roche. Untermauert wurde dies von einer Meta-Analyse (Zusammenfassung mehrerer Studien samt statistischer Auswertung), die am Kantonsspital Genf 2003 von Laurent Kaiser durchgeführt wurde - im Auftrag von Roche. Die Kernaussage: Tamiflu senkt die Komplikationsrate bei Grippe um 55 Prozent. Diese Aussage kommt nun ins Wanken, weil die Cochrane Acute Respiratory Infections Group, eine Review-Gruppe des weltweit agierenden Wissenschafter-Netzwerkes Cochrane Collaboration, durch eine neue Metastudie eine Kontroverse ausgelöst hat. Die unabhängigen Wissenschafter um Tom Jefferson fanden im Gegensatz zu Kaiser keinen Beleg für die signifikante Reduktion von Komplikationen an den unteren Atemwegen. Die Wirksamkeit des Neuraminidase-Hemmers (das Enzym Neuraminidase ist für die Verbreitung des Virus in Körperzellen zuständig) sei nicht ausreichend belegt. Sämtliche Studien der Kaiser-Analyse habe der Pharmakonzern bezahlt, nur zwei der zehn Studien habe man publiziert. Die Cochrane-Gruppe habe sich bei Roche um die Rohdaten der Studien bemüht, sie aber nicht bekommen, schreibt das British Medical Journal. Breitenwirksam veröffentlicht wurde die Kritik in einer britischen Wissenschaftssendung auf Channel 4.

Roche gebe Patientendaten nicht ohne Vertraulichkeitsvereinbarung weiter, reagiert Nicole Gorfer, Sprecherin von Roche Österreich, auf die Kritik. Die Cochrane-Gruppe habe eine derartige Vereinbarung aber abgelehnt. Was die Korrektheit der Studiendaten von Roche betrifft, verweist Gorfer auf die Überprüfung durch die europäischen und US-amerikanischen Zulassungsbehörden: "Alle Daten wurden für valide und korrekt befunden."

Die Weltgesundheitsorganisation WHO will trotz Cochrane-Kritik an ihrer Tamiflu-Empfehlung festhalten. Das Influenzamittel reduziere, so die WHO, Hospitalisierung und Todesfälle.

Millionen-Vorrat

Letzteres bezweifelt Franz Allerberger, Leiter des Fachbereichs Humanmedizin der Ages, der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: "Die Sterblichkeit ist bei der Schweinegrippe gleich hoch wie bei üblichen Grippeviren. Sie liegt bei 0,25 Promille. Ob die Sterblichkeit von Tamiflu beeinflusst wird, ist nicht klar, dazu fehlen die Daten." Wie die Cochrane-Gruppe vermisst Allerberger unabhängige Studien. "Wir bräuchten vergleichende Beobachtungsstudien", sagt Allerberger. Nur: "Solche Studien sind teuer. Die üblichen Zulassungsstudien werden von den Herstellern finanziert." Britische Forscher haben einen Vergleich zwischen Tamiflu und Aspirin angeregt. "Da könnte herauskommen, dass das eine genauso wirkt wie das andere oder auch gar nicht. Daran sind Pharmaunternehmen aber nicht interessiert", beschreibt Allerberger das Dilemma.

"Seit Jahren weisen Analysten daraufhin, dass die Wirksamkeit von Tamiflu nicht belegt ist. Das müssten auch unsere Chefeinkäufer wissen", teilt die Wiener Sozialmedizinerin Claudia Wild vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment die Kritik der Cochrane-Gruppe.

Trotz Zweifel an der Wirksamkeit empfehlen Gesundheitsbehörden Tamiflu als Mittel zur Pandemie-Eindämmung. Österreich hat sich für die H1N1-Pandemie mit 1,122.302 Packungen des antiviralen Medikaments eingedeckt, dazu kommt noch Tamiflu in Pulverform, das für weitere 3,178.438 Packungen reichen würde. Vier Millionen Menschen könnten behandelt werden.

"Anscheinend sind dafür ausreichend Mittel verfügbar", merkt Wild an. Aus ihrer Sicht fehle es an ökonomischem Druck, "damit man sich überlegt, wofür man Geld im Gesundheitswesen ausgibt". Wild hält den Einsatz von Tamiflu nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen für bedenklich: "Je häufiger antivirale Medikamente eingesetzt werden, umso rascher entwickeln sich Resistenzen."

Mit Ablaufdatum

Was mit dem Tamiflu-Vorrat nach Abklingen der H1N1-Pandemie geschieht, ist ungewiss. Haltbar sind die Kapseln fünf Jahre, die europäische Zulassungsbehörde EMEA entschied im April, weitere zwei Jahre zuzuschlagen. Das in Fässern gelagerte Pulver habe kein fixes Ablaufdatum, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Franz Allerberger: "Die staatliche Einkaufsstellen haben sich in allen europäischen Staaten verpflichtet, Medikamente nur abzugeben, wenn Pandemie herrscht." Ist die Pandemie vorbei, bleibt das Pulver in den Fässern. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 14.12.2009)

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    Für Roche ist Tamiflu ein Bestseller. Die Umsatzerwartungen liegen für 2009 bei 1,78 Milliarden, für 2010 bei 463,3 Millionen Euro.
    Tamiflu-Lager wie diese gibt es in den meisten Industrienationen.

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