Tankstellen für Hautkrebs

13. Dezember 2009, 18:13
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Die Wirtschaftskammer verschickt Werbung für Solarien, Hautärzte fordern ein Solariumsverbot für Jugendliche - Ein Beispiel dafür, wie unkoordiniert Prävention sein kann

Unlängst landete im Postkasten eine jener Gratisbroschüren, die keiner je bestellt hat, aber die jeder dann doch irgendwann einmal durchblättert. Verführerisch ist der Titel "Sonnenbaden. Vernünftig sonnen hält Dich gesund", vor allem jetzt, wo es draußen immer kälter, feuchter und finsterer wird. Der Obmann der Fachgruppe Bäder und Solarien in der Wirtschaftskammer preist die Kraft der Sonne, die für den Körper lebenswichtig sei, "Sonnenmangel ist lebensgefährlich", steht geschrieben, und hinten gibt es einen "Gutschein fürs Sonnenbad im Solarium" zum Ausschneiden. "Prävention als gesellschaftspolitisches Ziel steht ja sogar im Regierungsprogramm, ich wundere mich, dass diese Broschüren der Wirtschaftskammer die Gefahren durch Sonnenstrahlen komplett ignoriert", sagt Walter Dorner, Präsident der österreichischen Ärztekammer, und findet die Slogans in der Broschüre angesichts der steigenden Zahlen von Hautkrebs mehr als bedenklich. Und tatsächlich ist es bedenklich, dass so eine Broschüre, die höchst fahrlässig mit medizinischen Fakten umgeht, gratis verschickt werden darf, wo sich vor kurzem sogar ÖVP, SPÖ und Grüne mit Solariumbesuchen befasst haben.

"Die Initiative der österreichischen Parlamentsparteien, die Nutzung von Solarien für Jugendliche im Alter von unter 18 Jahren zu verbieten, ist aus Sicht der Hautärzte äußerst begrüßenswert", sagt die Dermatologin Beatrix Volc-Platzer bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie, die Ende November in Salzburg stattgefunden hat. Als Präsidentin der Gesellschaft ist sie überzeugt: "Je mehr wir über die Spätfolgen von UV-Belastung in jungen Jahren wissen, desto wichtiger ist es, sich für solche Schutzmaßnahmen einzusetzen."

Der medizinische Hintergrund: UV-Strahlen schädigen die Mitochondrien, also die Zellkraftwerke der Haut, und schwächen dadurch das Immunsystem bei der Abwehr von Hauttumoren.

Gedächtnis der Haut

In den Mitochondrien sitzt das Gedächtnis der Haut. Ist eine Hautzelle einmal geschädigt, so kann sie diesen Schaden nicht komplett wiedergutmachen. "Je früher man mit den Besuchen im Solarium beginnt, umso höher ist die Dosis UV-Strahlung, die man im Laufe seines Lebens bekommt, und umso größer das Risiko, später an Hautkrebs zu erkranken", sagt der Wiener Dermatologe Herbert Hönigsmann und betont einmal mehr, was alle Sonnenanbeter und Freunde gebräunter Haut gerne vergessen: nämlich dass UV-Strahlung vor allem auch für vorzeitige Hautalterung verantwortlich ist - vor allem UVA-Strahlung, jene, die aus den Röhren in Solarien brennt: Sie verursacht keinen Sonnenbrand, ihr kurzwelliges Licht dringt aber besonders tief in die untersten Hautschichten ein und schädigt dort Zellen. Vor allem: Menschen, die ins Solarium gehen, verwenden keinerlei Sonnenschutz, und gerade das macht Sonnenbanken besonders gefährlich. "Der Zusammenhang zwischen UV-Dosis und Hauttumoren ist ein Faktum", so Volc-Platzer.

All diejenigen, die auch im Winter sonnen- bzw. solariumgebräunt sein wollen, schlagen die Warnungen der Hautärzte in den Wind. Was sie riskieren? Zum einen Melanome, den schwarzen Hautkrebs - seine Häufigkeit nimmt zu. Jährlich gibt es 2000 Neuerkrankungen, 400 Menschen sterben daran. Aber auch der weiße Hautkrebs betrifft immer mehr Menschen: Konkret handelt es sich um die Gruppe der sogenannten "Non-Melanoma Skin Cancers" wie aktinische Keratosen (Sonnenschwielen), das Plattenepithelkarzinom (Spinaliom) oder die häufigste Form, das Basalzellkarzinom (Basaliom). Allein beim Basaliom werden 25.000 bis 30.000 Neuerkrankungen registriert, Sonnenschwielen hat schon jeder dritte 60-Jährige, aber auch Junge sind immer häufiger davon betroffen.

Immer eincremen

"Wer einmal einen Hauttumor hatte, sollte nur noch mit hohem Sonnenschutz ins Freie. Ab März sollte man exponierte Haut, also Gesicht, Hände und Unterarme, eincremen", sagt Dermatologin Volc-Platzer und weiß, dass diese tägliche Praxis, die alle zwei Stunden wiederholt werden sollte, vor allem für Männer höchst gewöhnungsbedürftig ist. Weil UVA-Strahlen auch durch Fensterscheiben dringen, gilt Eincremen auch für Autofahrten. "Patienten nach Hauttumoren Sonne zu verbieten ist nicht möglich, doch Sonnenschutz ist unbedingt zu empfehlen, um weitere Hautschäden zu vermeiden", sagt auch Hautarzt Hönigsmann.

Fazit: UV-Dosis gering halten, Solarien meiden, weil dort unkontrollierte UV-Kumulation stattfindet, und Sonnenschutz ernst nehmen - auch wenn die Wirtschaftskammer Werbebroschüren verschickt und die Gefahr für die Gesundheit damit ignoriert. (Karin Pollack, DER STANDARD Printausgabe, 14.12.2009)

  • Sonnenbaden im Solarium, um denm nasskalten Wetter zu entfliehen? Die Illusion von Sonne zieht gravierende Schäden für die Haut nach sich: Falten, Pigmentflecken und auf lange Sicht Hauttumore.
    foto: standard/heribert corn

    Sonnenbaden im Solarium, um denm nasskalten Wetter zu entfliehen? Die Illusion von Sonne zieht gravierende Schäden für die Haut nach sich: Falten, Pigmentflecken und auf lange Sicht Hauttumore.

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