Unter Zugzwang

10. Dezember 2009, 18:53
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Obama muss sich intellektuell für seine Politik rechtfertigen und nicht ideologisch wie es sein Vorgänger getan hat

Es war wie eine Vorlesung für die Welt. Barack Obama, der eben mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete amerikanische Präsident, ließ sein Publikum am Donnerstag an einer intellektuellen Tour d'Horizont über den gerechten Krieg teilhaben. Und viele, die dem ehemaligen Rechtsprofessor zuhörten, mussten unweigerlich an Obamas Vorgänger denken, der von Brillanz und Tiefgang des amtierenden Präsidenten ungefähr so weit entfernt ist wie Afghanistan von einem Frieden. Dem Umstand, dass George W. Bush nicht mehr im Weißen Haus amtiert, hat der neue US-Präsident diesen Preis vor allem zu verdanken. Aber ist das genug für eine so angesehene Ehrung, die zuvor Jimmy Carter, Woodrow Wilson oder Obamas großes Vorbild Martin Luther King erhalten haben?

Nein. Und Barack Obama selbst war der Erste, der darauf hingewiesen hat. Genauso wie auf den Umstand, dass sich kein amerikanischer Präsident, sei er auch noch so preisgekrönt und friedliebend, die Möglichkeit der Kriegsführung aus der Hand nehmen lassen kann. Afghanistan mag dafür in der Tat ein schlechtes Beispiel sein, aber die Überlegungen zum gerechten Krieg waren notwendig. Und die Friedensnobelpreisverleihung das richtige Forum dafür.

Nach dieser Rede steht Obama allerdings auch in der Pflicht. Er muss sich intellektuell für seine Politik rechtfertigen und nicht ideologisch wie es sein Vorgänger getan hat. Und er steht unter Zugzwang, die Vorschusslorbeeren auch einzulösen. Das ist, bei aller Kritik an der Entscheidung des Nobelkomitees, einiges wert. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 11.12.2009)

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