Ein Fest der Freudlosigkeit

10. Dezember 2009, 18:36
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Die Steirerin Anja Plaschg alias Soap & Skin gastierte mit sechsköpfigem Ensemble im Wiener WUK

Wien - Oink! Oink! Grunz! Grunz! Mit atmosphärischen Klängen aus dem elterlichen Schweinemastbetrieb in der Südsteiermark eröffnet Anja Plaschg alias Soap & Skin ihre aktuellen Konzerte - die ersten, die sie nicht alleine am Flügel, sondern mit einem Ensemble bestreitet. Das Wiener WUK, in dem sie am Mittwochabend auftrat, war seit Wochen ausverkauft. Verzweifelte suchten Karten, um der großen Verzweifelten doch noch lauschen zu können - vergeblich.

Soap & Skin erregte mit ihrem heuer erschienenen Debütalbum "Lovetune For Vacuum" internationales Aufsehen. Ihre spröden, skelettierten Stücke brachten der erst 19-Jährigen seit ihrem Auftauchen Vergleiche mit der ähnlich orientiert gewesenen Nico ein, die einst mit The Velvet Underground an der Seite von Lou Reed und John Cale ihre musikalische Karriere begann. Dazu passt, dass Plaschg heuer gemeinsam mit John Cale bei "A Life Along the Borderline", einem Tribute-Konzert an die 1988 gestorbene deutsche Tragödin, aufgetreten war. Ihre entrückten Lieder wurden live von vier Streichern und einem Horn sowie einer geschwisterlichen Zweitstimme breiter angelegt.

Dazu brutzelte es stellenweise aus dem Laptop, oder es wurden elektronische Beats mit eingebaut. Das waren dann auch jene Stücke, die das Gebotene ein wenig aus jener Hermetik holten, in die sie von Plaschg gepflanzt wurden. Ihren expressiven Höhepunkt fand die Darbietung mit "Marche Funèbre", für das sich Plaschg vom Klavier erhob und ans Mikrofon in der Bühnenmitte schritt, wo ihre Körpersprache alles andere als Wohlbefinden signalisierte. Kunstlied gebiert scheint's echtes Leid.

Auch das Ensemble wirkte stellenweise unsicher, ohne dass es hörbar gepatzt hätte. Aber die Verunsicherung passte zu der seltsam höhepunktlosen Vorstellung. Diese hatte zwar ihre Qualitätsmomente, etwa wenn Plaschg wie selbstvergessen ihr Instrument bearbeitete und ihre Mitstreiter so richtig loslegten, um der anhaltenden Spannung endlich etwas von ihrer sakralen Atmosphäre zu nehmen. Dennoch zementiert Plaschg mit Stücken wie "Brother Of Sleep", "Cynthia" oder "The Sun" Stimmungen ein, die etwas Freudloses haben. Beklemmungen, Atemnot, Seelenpein.

In seiner Live-Umsetzung geriet das mitunter etwas länglich, stellenweise hölzern, dann wieder unerwartet charmant. Etwa als Plaschg, deren expressionistische Frisur an den letzten Teil der - wie passend! - postapokalyptischen Mad-Max-Trilogie erinnerte, sich bezüglich eines auf der Bühne zu vernehmenden Brummens beim Publikum erkundigte, ob dieses das ebenfalls wahrnehmen würde.

Nach etwas über einer Stunde entschwand Plaschg und hinterließ wieder einmal mehr Fragen als Antworten. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 11.12.2009)

 

  • Anja Plaschg alias Soap & Skin beim Stimmungeinzementieren im Wiener WUK
 
    foto: standard / fischer


    Anja Plaschg alias Soap & Skin beim Stimmungeinzementieren im Wiener WUK

     

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