Ein Soldat, der Präsident werden wollte

10. Dezember 2009, 18:32
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Guineas Junta-Chef Camara ist in Marokko im Spital

Im Wartezimmer vor seinem Schlafzimmer hängen lebensgroße Gemälde des Obersts. Moussa "Dadis" Camara trägt immer Militäranzüge und ein rotes Barett mit dem Abzeichen der deutschen Fallschirmjäger. Von 1996 bis 2000 wurde der Junta-Chef von Guinea an der Offiziersschule in Dresden und an der Nachschubschule in Bremen ausgebildet. Ab 2007 wurde er in seiner Heimat durch blutige Soldatenaufstände bekannt. Camara wurde als Spross der winzigen Volksgruppe der Guérzé im Südosten Guineas geboren. Er ist Christ, verheiratet und hat sechs Kinder.

Als vor einem Jahr Langzeitdiktator Lansana Conté starb, übernahm er am 24. Dezember 2008 die Macht. Camara und zwei andere Militärs zogen einfach Zettel aus einem leeren Mayonnaiseglas. Und auf Camaras Zettel stand gekritzelt: Präsident. Kurze Zeit später begann "Dadis Show" . Er versprach, mit der Korruption aufzuräumen, drohte, jeden Missetäter erschießen zu lassen, entließ massenhaft Generäle und zerrte Vertreter des ehemaligen Regimes vor die Kamera. In seinem Wartezimmer befragte und beschimpfte er sie. Camara wurde zum Rächer, guineische Hausfrauen switchten von ihren Soaps zu Dadis Reality-Show. Der 45-Jährige versprach anfänglich freie und faire Wahlen im Jahr 2010 und wollte die Verträge mit ausländischen Konzernen - Guinea ist einer der größten Bauxit-Exporteure - neu ausarbeiten.

Doch sein Abstieg dauerte wie sein Aufstieg nicht lange. Am 28. September feuerte die Garde des "Präsidenten" im Fußballstadion der Hauptstadt Conakry auf 50.000 Menschen, die mehr Demokratie forderten. 157 Menschen starben. Camara war kurze Zeit später international isoliert. Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner forderte eine internationale Intervention in Guinea und meinte, Paris werde nicht länger mit Camara zusammenarbeiten. Camara nannte das einen "Affront gegenüber der Würde der Afrikaner" .

Mittlerweile hat Camara wohl auch zu viele eigene Leute vergrämt. Vergangene Woche wurde er vom Kommandanten der Präsidentengarde angeschossen und liegt seither mit Kopfverletzungen in einer Klinik in Marokko. Nun behaupten seine Gefährten, Frankreich stecke hinter dem Anschlag. Tatsächlich galt Camara aber auch in Afrika längst als "Stabilitätshindernis" .

"Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, werde ich das als Präsident tun" , sagte der deutsche Fallschirmjäger noch kürzlich. Heute glaubt kaum jemand, dass er überhaupt nach Guinea zurückkehren darf. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 11.12.2009)

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