"Un conte de Noël": Frechheiten auf die direkte Art

10. Dezember 2009, 18:21
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"Un conte de Noël" von Arnaud Desplechin ist ein großartiger, vielstimmiger Weihnachtsfilm über eine Familie, die sich gerne böse Überraschungen bereitet

Wien – "Ich bin ein gebrochener Mann!" In Filmen, in denen Familien zu einem feierlichem Anlass zusammentreffen – in den USA ist das in der Regel das Thanksgiving-Fest – fällt fast immer ein vergleichbarer Satz. Es gibt ein Trauma, das an die Oberfläche drängt und zu Geständnissen veranlasst, dann zu Zerwürfnissen oder vielleicht Tränen führt, und am Ende haben sich alle, ein wenig befreiter, wieder lieb.

Der französische Regisseur Arnaud Desplechin hat mit "Un conte de Noël" ("Eine Weihnachtsgeschichte") nun auch einen solchen Familienfilm gedreht, aber er folgt einer gänzlichen anderen Rezeptur. Er durchbricht dramaturgische Konventionen, indem er stets das Unerwartete tut. Man purzelt hinein ins Haus der bürgerlichen Vuillards, einer Großfamilie, die ihre zahlreichen Dysfunktionen regelrecht kultiviert.

"Schon vor dem Film wollte ich eine Partei für die Befreiung von Figuren gründen", erzählt Desplechin im 'Standard'-Interview. "Normalerweise dauert es in Thanksgiving-Filmen eine Stunde, bis jemand gesteht, dass er schwul ist – wie enttäuschend langweilig! Ich wollte einen Film mit lauter unhöflichen Figuren machen. Wenn eine Szene losgeht, werden bereits die wichtigsten Sätze gesprochen. Man wartet nicht auf den geeigneten Moment."

Desplechin, der seit Filmen wie "Ma vie sexuelle" (1996) und "Rois et reine" (2006) als einer der erfindungsreichsten Regisseuren des Autorenkinos gilt, hat ein Faible für besonders ausufernde Ensemblefilme. Für "Un conte de Noël" hat er eine ganze Riege an französischen Stars verpflichtet, allen voran Catherine Deneuve als Junon, das kalte Herz der Familie – neben dem heuer verstorbenen Jean-Paul Roussillon, Chiara Mastroianni, Emanuelle Devos etc. Junons Krebserkrankung ist Anlass der Zusammenkunft, auch Henri (Mathieu Amalric), das schwarze Schaf der Familie, wird erwartet. Eine der bösen Ideen von Desplechin: Es heißt, der Sohn wurde nur gezeugt, um seinem Bruder als Rückenmarkspender zu dienen.

"Ich liebe all diese Obszönitäten. Henri ist unnütz, er kann nicht einmal seinen Bruder retten", erläutert Desplechin. "Doch die Sache ist paradox, denn es trifft doch auf uns alle zu, nutzlos auf die Welt zu kommen. Insofern ist das auch die Grundbedingung von Glück: Ich bin nutzlos, daher verdammt dazu, Freude zu haben. Henri ist also eigentlich glücklich geboren ..."

Mit solch wohlüberlegten Irritationen befördert Desplechin seine Figuren in emotionale Extremzustände, die auch den Film zwischen den Formen pendeln lassen. Niemand ist sich hier über sich und die anderen ganz sicher. Junon sagt Henri ins Gesicht, sie habe ihn nie geliebt. In ihrer Brutalität sind sich beide ähnlich, meint der Regisseur: "Ihre Liebe wäre inzestuös, also haben sie sich irgendwann für Hass entschieden."

Überwundene Rollenbilder

An der Form des Familiendramas interessiert Desplechin schon seit seinem Debüt, "La vie des morts" (1991), in dem eine Familie zum Trauern zusammenfindet, das reversible Prinzip des Rollenspiels. "Stellen Sie vor, Sie sind auf einem Festival, und plötzlich kommt Ihre Mutter daher und sagt: Du trinkst viel zu viel Kaffee. Wie peinlich! Gleichzeitig macht es mich real – man wird realer, wenn man sich lächerlich macht." Jeder stecke nämlich in einer sozialen Rolle: "Die Komik entsteht, wenn man in ein überwunden geglaubtes Bild zurückfällt: wie Henri, dessen hoher Anspruch zusammenstürzt, sobald er seinen Vater sieht." Familie diene da als eine Art simples Theater.

Desplechins filmisches Theater ist allerdings höchst komplex und überraschungsreich wie eine Wundertüte. Im Einsatz stilistischer Verfahren neigt er eindeutig zur Pluralität ("Ich schere mich um keinen erkennbaren Stil – Quantität ist besser!"), es gibt Tempowechsel, Irisblenden, Scherenschnitte und zahlreiche (versteckte) Referenzen – etwa gleich zu Beginn auf Ralph W. Emerson und seine Weigerung zu trauern: etwas, das auch auf die Vuillards zutrifft, die alles Sentimentale und Melancholische verabscheuen.

"Das Beste wäre, einen Film wie einen Adventkalender zu machen", sagt Desplechin. "Das ist eine gute Form – ich übertrage eine Weihnachtsgeschichte in ein Haus, in dem es viele Intrigen gibt, die wie kleine Geschenke sind. Wenn man sie öffnet, ist eine Überraschung drinnen. Damit es homogen wirkt, stelle ich Beziehungen unter den Personen her. Am Set kann allerdings alles passieren." Und darin ist der Film wieder dem Leben sehr ähnlich. (Dominik Kamalzadeh/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.12.2009)

  • Anklage gegen den stürmischen Sohn einer streitsüchtigen Großfamilie: Mathieu Amalric und Catherine Deneuve in Arnaud Desplechins Film "Un conte de Noël". Jetzt im Kino.
 
    foto: filmladen


    Anklage gegen den stürmischen Sohn einer streitsüchtigen Großfamilie: Mathieu Amalric und Catherine Deneuve in Arnaud Desplechins Film "Un conte de Noël". Jetzt im Kino.

     

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