Netanjahu bereitet Volksbefragung vor

10. Dezember 2009 17:52

Ein neuer Anlauf zu einem Volksbefragungsgesetz wird in Israel als Zeichen dafür gedeutet, dass Premier Benjamin Netanjahu bald mit den Palästinensern und Syrien über Gebietskonzessionen verhandeln könnte

Das israelische Parlament hat am Mittwoch mit deutlicher Mehrheit in erster Lesung ein Gesetz bewilligt, das den Verzicht auf Territorium, in dem israelisches Recht gilt, von einer Volksabstimmung abhängig machen würde. Gemeint sind damit die Golanhöhen und Ostjerusalem, die von Israel de facto annektiert wurden. Das Westjordanland, das einer Militärverwaltung unterliegt und auch nach israelischer Version nicht zum Staatsgebiet gehört, wäre nicht betroffen.

Mit dem Blick auf mögliche Gebietsverhandlungen mit Syrien und den Palästinensern geht die vorherrschende Auslegung in Israel dahin, dass Regierungschef Benjamin Netanjahu auf eine absichtliche Selbstfesselung hinarbeitet. Die Gesetzesinitiative hat nicht nur nahostpolitische Bedeutung, sondern wirft auch Verfassungsprobleme auf. Die Debattenfronten ziehen sich quer durch Regierungskoalition und Parteien.

Oppositionschefin Zipi Livni von der liberalen Kadima-Partei etwa hält eine Volksabstimmung für überflüssig, weil Regierungen dazu gewählt seien, in allen Fragen zu entscheiden. Ihr Parteifreund Israel Chasson hingegen hält die Rückversicherung für einen verhandlungstaktischen Vorteil: "Für jeden Premierminister wäre es wichtig, dass er am Verhandlungstisch sagen kann: Ich bin bereit, aber ich habe da noch die Volksabstimmung, und ich muss meine Öffentlichkeit überzeugen."

"Handlung gegen den Frieden"

Bei der Arbeiterpartei wiederum, die mitregiert und deren Führung deshalb für den Volksabstimmungsentwurf votierte, sah der Abgeordnete Ofir Pines darin ein bedenkliches Signal: "Man kann überhaupt keine Verhandlungen führen, wenn so ein Gesetz in der Luft schwebt. Ich fürchte, das wird in der Welt als Handlung gegen den Frieden ausgelegt werden."

Eine etwaige Golan-Volksabstimmung ist jedenfalls noch bloße Theorie. Für das Gesetz selbst sind noch zwei weitere Lesungen nötig, was Monate dauern kann. Zudem ist im israelischen Grundgesetz eine Volksabstimmung gar nicht vorgesehen, sodass man sich zunächst über die Prozedur einigen müsste. Im Übrigen scheint ein Ergebnis, über das man abstimmen lassen könnte, nicht in Sicht.

Netanjahu hatte zu Wochenbeginn wiederholt, er sei zu Verhandlungen mit Syrien bereit, wenn die Syrer nicht wie bisher eine Voraus-Garantie für den Golan-Rückzug verlangen würden. Unklar ist aber jetzt, wer die zunächst indirekten Gespräche vermitteln würde. Die Israelis haben Frankreich ins Gespräch gebracht, weil sie zur Türkei nach deren Ruck in Richtung Iran kein Vertrauen mehr haben. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 11.12.2009)

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10 Postings
troob
13.12.2009 12:21
Lese ich in diesem thread nicht immer über die demokratische Entscheidung für die Hamas?

Nun ja, das war wohl eine ebenso demokratische Entscheidung, geradezu eine basisdemokratische Entscheidung.


Es gibt ein kleines Land in Europa, bei dem diese Form der Basisdemokratie zu seltsamen Auswüchsen führte, aber ich lese dazu recht wenig Kritik...

btw.: Ein guter Schachzug, denn er zwingt auch jene Staaten, die Israel immer mit guten Ratschlägen unterstützen wollen, politische Realitäten in ihrem Lieblingssandkistchen zu erkennen.

Denn wenn es darum geht, Befindlichkeiten wahrzunehmen, sind es immer die armen Araber, deren Ehrgefühl und Stolz doch wirklich, aber nun ernsthaft, berücksichtigt werden müssen.

Da gibt es aber auch jüdische Israelis, und die haben ebenfalls ein Recht auf Anerkennung ihres Ehrgefühls, ihres Stolzes - nicht weniger als die Araber.

Und ja, sie haben auch ein Recht auf Sicherheit.

Dieses Recht hat ihnen noch nie irgendjemand zugestanden - seit der Staatsgründung nicht. Keine UN, keine EU, nicht Schweden, Norwegen, Großbritannien, USA - die alle haben noch jedesmal, wenn es darum ging, Krieg zu vermeiden, völlig, aber unglaublich peinlich versagt.

Ja glaubt denn irgendwer, daß die Israelis dement sind und sich an diese ganzen Geschichten nicht mehr erinnern können? An den schändlichen Abzug der UNEF-Truppen aus dem Sinai 1967, die gebrochenen Versprechungen der Garantiemächte auf die freie Durchfahrt durch die Straße von Tiran, die gebrochenen Waffenstillstandsvereinbarungen der arabischen Staaten?

drKannibalFekter
 
10.12.2009 22:07
Netanyahu ist schlau!

Er will eine Volksbefragung als Instrument, damit er bei Verhandlungen signalisiert er stimme dem oder jenem zu, dann aber "das Volk" eben dagegenstimmt.
Dann kann er ja sagen ich hätte Ost-Jerusalem abgetreten aber das Volk .....
Kann aber ein Unrecht per Volksbefragung zum Recht werden?

troob
13.12.2009 15:39
Nicht in Israel. Ob in der Schweiz, bin ich mir nicht so sicher.

@Fekter

Sie lassen außer acht, daß es in Israel wenigstens drei juristisch völlig verschiedene Situationen gibt:

Jerusalem ist nach israelischem Recht israelisches Staatsgebiet. Exekutive, Justiz, Legislatur - alles zivil, alles laut israelischen Regeln.

Der Golan ist, wie ich meine, nicht annektiert. Es gibt auch in Israel politische Querelen darüber, aber die Mehrheit der israelischen Völkerrechtler sieht den Golan als besetztes und von Israel verwaltetes Gebiet. Es gilt meins Wissens noch immer - seit 1967 ! - Militärrecht, Militärverwaltung, usw.

Judäa und Samaria sind definitiv nicht annektiert. Es gilt mit Sicherheit Militärrecht, Militärverwaltung, usw., außer in den von der PA verwalteten Gebieten. (siehe Areas A, B und C, usw. usw. - das ist nun wirklich zu komplex, um hier ein Privatissimum zum völkerrechtlichen Status der einzelnen Areas abzuhalten.)

Donatella Kasparov
11.12.2009 09:18

das volk bestimmt.

Alexander HOFER
 
11.12.2009 01:33
"Kann aber ein Unrecht per Volksbefragung zum Recht werden?"

Wenn es nicht so traurig wäre, aber Geschichte hat die Eigenschaft sich zu wiederholen.
http://www.nzz.ch/images/__... 315254.jpg
Lernen kann nur der, der lernen will!

d_parker
12.12.2009 18:28
Sie ticken ja nicht richtig, die von Netanyahu beabsichtige Volksabstimmung mit der Abstimmung über den Anschluss Österreichs ans Dritte Reich gleichzusetzen?

Ich weiß schon, dass es für mancher Leute Psychohygiene nichts Prickelnderes gibt, als festzustellen, dass in Wahrheit doch die J*den die heutigen Nazis sind, aber irgendwann ist doch Schluss mit lustig...

"Examples of the ways in which anti-Semitism manifests itself with regard to the State of Israel taking into account the overall context could include: [...]
· Drawing comparisons of contemporary Israeli policy to that of the Nazis. [...]"

http://www.hagalil.com/antisemit... nition.htm

Katana79
13.12.2009 11:47
Zu behaupten "die Juden" kontrollierten die Medien...

ist antisemitisch? Naja was die USA betrifft...ok! ich bin ein Antisemit!

Rächer der Zensierten
12.12.2009 20:39

Solche Vergleiche sind natürlich immer problematisch aber man darf nicht vergessen das der Gegenstand der Abstimmung internationales Recht verletzt. Die Annektion von Ostjerusalem wird international nicht anerkannt. Auch eine Volksabstimmung ändert daran nichts und der Ausgang dürfte wohl klar sein. Wer stimmt schon für eine Gebietsabtretung?

Reddogg
 
12.12.2009 19:18

Ich stimme Ihnen zu das vergleich mit Hitler-Deutschland und Israel völlig fehl am Platze sind. Aber dann diese tendenziöse Internet-plattform mit Referenz auf den Herrn "Nahost-Berichterstatter" Sahm zu bringen ist wirklich mal wieder zu lustig, aber zumindest wissen wir solangsam wo Sie ihre Informationen herbekommen.
Btw. dieser mögliche Volksentscheid ist genauso zu verachten und dagegen vorzugehen wie die kürzlich stattgefundene in der Schweiz. Dass sind Initiativen die es gar nicht in den Entscheidungsprozess schaffen dürften. Aber der stärkere hat nun mal Recht. Aber wehe die gegn. Seite erläßt solche Volksentscheide, etc. dann sind u.a. Sie wieder die ersten die sich aufregen. Immer diese duoble standards...

d_parker
13.12.2009 13:12
Wenn Sie fähig bzw. bereit wären, sinnerfassend zu lesen, hätten Sie gemerkt dass der Link schlicht und einfach eine synoptische Darstellung der working-definition f. Antisemitismus der EU-Grundrechteagentur im engl. Original und der dt. Übersetzung

ist. Entweder finden Sie also die Grundrechteagentur der EU "tendenziös" oder Sie haben als Sie HaGalil und U.Sahm gelesen haben einfach gleich Schaum vor dem Mund bekommen und waren zu einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Links nicht fähig. Das tut mir leid für Sie.

Und nicht böse sein: bevor ich mir bei Ihnen Ratschläge über die Brauchbarkeit und Glaubwürdigkeit von Quellen hole, mache ich ein Seminar über gewaltlose Konfliktlösung bei der Hamas.

Zu Ihrer Nennung der Minarett-Abstimmung in CH: nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich.

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