Orchideen in Altrosa

10. Dezember 2009, 17:06
4 Postings

Le Loup aus Washington D. C. klingen wie eine am Reißbrett entworfene Alternative-Band. Trotz bekannter Ideen gefallen die meisten Ergebnisse ihres Albums "Family"

Sind jetzt schon die Kopien besser als die Originale? Die Frage lässt sich im Fall von Le Loup aus Washington D. C. mit einem "Ja, aber ..." nicht eindeutig beantworten, ihr zweites Album weist jedoch schon beim Erstkontakt in Richtung dieser Frage. Schließlich erweist sich Family als ein Werk, das, wäre es nicht so gelungen, glatt als das Meisterstück einer am Reißbrett erfundenen Independent-Band erscheinen könnte.

Zu offen liegen die Einflüsse und Bezugnahmen von Jim Thomson, dem Chef und Gründer, Sam Simkoff, Robby Sahm, Michael Ferguson und Christian Ervin, die man sich beim Hören schon so vorstellt, wie die Fotos der Plattenfirma anschließend den Beweis erbringen: mit Bärten, karierten Hemden, Strickwesten. Und dann wird von ihnen auch eine Musik gespielt, die sich bei allem bedient, was in den letzten vier, fünf Jahren im US-amerikanischen Independent-Rock höchste Weihen erfahren hat: Arcade Fire, The Shins, Grizzly Bear, Fleet Foxes, das Animal Collective.

Trotz dieser prinzipiell skeptisch machenden Nähe, die gerne mit "inspiriert von ..." umschrieben wird, erliegt man einem Song wie Beach Town mit Freuden. Obwohl der wie ein typischer Grizzly-Bear-Song klingt, nur nicht so überladen und betulich, aber dennoch orchideenhaft konstruiert und mindestens altrosa. Beach Town hat einen Groove, einen, na ja, tribalistisch angehauchten Rhythmus und eben diese typischen hellen Chöre, die sich gen Himmel streckenden Melodien und flirrenden Gitarren. Hallo Seufzerbrücke! Le Loup begann als Ein-Mann-Projekt von Sam Simkoff, der mit Folk, Elektronik und schlichten Rhythmen experimentierte. Innerhalb kürzester Zeit ist aus dem solipsistischen Heimwerkerding eine fünfköpfige Band geworden, die den fein verwobenen Sound Simkoffs mit organischen Loops oder Banjo-Geklampfe unterfüttert. Die Elektronik des Debütalbums ist verschwunden. Schade, aber egal.

Denn Family zeitigt im besten Fall solche Meisterwerke wie Beach Town, im schlimmsten zerbröselt es als ätherisches Etwas, dessen Ideen sich nicht genug materialisieren, um greifbar zu werden. Dann zieht sich das Album. Etwa bei der Titelnummer, die dann immerhin nach zwei Minuten unentschlossenen Zischelns und Hans-guck-in-die-Luft-Spielens doch noch richtig schön und erhebend wird, ja gegen Ende hin gar an David Byrne und die späten Talking Heads erinnert, während der folgende Song, Forgive Me, wiederum nach abgebremsten Arcade Fire klingt.

Für Family haben sich die fünf Twentysomethings nach diversen Vorarbeiten in die Pampa verzogen, wo sie, abgeschnitten von der Umwelt, ihr Baby zur Welt brachten. Dass dieses dennoch wie ein Sohn von tausend Vätern klingt, kann man der Band bei den meisten Ergebnissen nachsehen. Einige wenige klingen dann aber so, dass einem der Gedanke kommt, dass Le Loup auch jenen Leuten gefallen könnte, die sich zuletzt Chant - Music for Paradise von den Heiligenkreuzer Mönchen gekauft haben. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 11.12.2009)

 

Le Loup: Family (Talitres Rec. / Hoanzl)

  • Artikelbild
    foto: hoanzl
Share if you care.