"Franzose zu sein muss man sich verdienen"

9. Dezember 2009, 19:57
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Große Identitätsdebatte im Auftrag des Staatspräsidenten: Ein Abend der Klischees und der Argumente im Loire-Tal

Parçay-Meslay ist nicht auf vielen Karten verzeichnet, doch an diesem regnerischen Dezemberabend ist sogar eine Parlamentsabgeordnete der bürgerlichen Partei UMP in das Dörfchen tief im Loire-Tal gekommen. Claude Greff vereint die Dorfbevölkerung um die existenzielle Frage: "Was bedeutet Französischsein heute?" Denn im Auftrag von Staatschef Nicolas Sarkozy finden derzeit landauf, landab Diskussionsabende zum Thema der "nationalen Identität" statt.

Die Sozialisten boykottieren die Anlässe weitgehend; sie werfen Sarkozy vor, er wolle bloß dem Front National das Wasser vor den Regionalwahlen im Frühling abgraben. Doch im Saal bleibt kein Platz frei. Ungeduldig warten die Landbewohner, bis Greff ihre Rede zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beendet und die Zusammengehörigkeit von Basken, Burgundern und Bretonen betont hat.

Ein älterer Herr erhebt sich und meint mit trotzigem Unterton: "Was wir wieder finden müssen, ist unser Stolz, Franzose zu sein. Und wenn Sie wissen wollen, was unser Land bedroht: Es ist der Islamismus. Ich bin für ein Frankreich der Kirchtürme." Das ist natürlich eine Anspielung auf die Volksabstimmung in der Schweiz, die den Bau von Minaretten untersagt hat.

Der Redner wird heftig beklatscht, und die Abgeordnete versucht, die Debatte in geordnete Bahnen zu leiten, indem sie einem Universitätsprofessor das Wort erteilt. Er stellt das idyllische Bild der Kirchtürme infrage und verweist auf die Religionskriege der französischen Geschichte. Wenn Frankreich heute streng laizistisch sei, gehe das auf den blutigen Streit zwischen französischen Katholiken und Protestanten zurück, führt der Historiker aus.

"Damit bestätigen Sie nur, dass die Religion die nationale Einheit gefährdet", wirft ein Zuhörer ein, der sich über den Bau neuer Moscheen ärgert. Ein weißhaariger Herr erzählt, ihm seien im Bus kürzlich junge Franzosen mit Algerien-Flaggen unter die Augen gekommen. Die hätten sich nur für das Fußballspiel Algerien - Ägypten interessiert, nicht aber für das gleichzeitig stattfindende Spiel der französischen "Bleus". Nun erhebt sich auch eine gutgekleidete Frau: "Für mich gehört zum Französischsein zuerst einmal, dass man die Polizei und das Gesetz respektiert." Tosender Applaus, murrendes Nicken im Saal.

Der Zentralstaat spricht

Um Ruhe und Autorität wiederherzustellen, räuspert sich nun der Präfekt Joël Fily auf der Bühne. "Franzose zu sein muss man sich verdienen", meint der Vertreter des Zentralstaates in der Provinz feierlich und liest aus einem Formular die Bedingungen für den Erhalt der Staatsbürgerschaft vor: Beherrschung der französischen Sprache, Billigung der nationalen Werte wie Freiheit und Laizismus, keine Vorstrafen, affektive Bindung zum Land und ein Mindestauskommen.

Der Saal hört aber nur mit halbem Ohr hin. "Das erste Volksrecht in Frankreich ist das Recht abzustimmen. Aber Sarkozy hat uns nach der ersten Abstimmung über die EU-Verfassung schlicht übergangen, um ein zweites Volksnein zu verhindern", ereifert sich ein Besucher, der sich zum Front National bekennt. "Über die Minarette können wir auch nicht abstimmen", brummt sein Nachbar.

Auf der Saalbühne, wo die EU- neben der Frankreich-Flagge thront, wirkt die Obrigkeit leicht überfordert. Dafür erhebt sich ein Mann afrikanischer Abstammung. Er stehe auch zur französischen Identität, ruft er aus; aber er sei dagegen, das Thema politisch auszuschlachten, wie das Sarkozy tue.

Auch dieser Redner erntet einigen Applaus. Dadurch ermutigt, fährt er fort, die Regierung in Paris täte besser daran, die Banlieue-Ghettos durch menschenwürdige Lebensbedingungen zu ersetzen, statt patriotische Debatten vom Zaun zu brechen. Am anderen Saalende meint nun auch ein Inder, er höre seit seiner Ankunft in Frankreich vor 30 Jahren immer Reden über den Wert der Familie, doch den eingewanderten Arbeitern verbiete man den Familiennachzug. Darin liege eine Wurzel der sozialen Probleme, meint der Mann, der sich als Lehrer aus einem Vorort von Tours vorstellt. Damit hat sich der Saal endlich beruhigt, der Vertreter des Front National ist gegangen. Nicht der Staatsgewalt auf der Bühne, sondern zweier mutiger Bürger wegen. (Stefan Brändle aus Parçay-Meslay, DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2009)

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