Gedicht sucht Klang

9. Dezember 2009, 20:02
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Christof Kurzmann mit dem Projekt "El Infierno Musical" - im Wiener Konzerthaus, im Rahmen der Im-Loth-Reihe

Wien - Auf ausgiebige Phasen des Forschens und der Erschließung von Material folgen nicht selten solche der Kontextualisierung des erarbeiteten Musikvokabulars. Free-Jazz-Legende und Gitarrist Derek Bailey hat dies vorgezeigt, als er, der Meister abstrakten Improvisation, auf Anregung von Saxofonist John Zorn kurz vor seinem Tod (2005) zur Überraschung aller plötzlich gute alte Standards aus dem American Songbook zu intonieren begann.

Noch mehr betrifft die Wandlung die frei improvisierte Musik nach Abflauen der elektronischen Welle: David Sylvian etwa legt aktuell im Rahmen der großartigen CD Manafon melancholischen Sprechgesang über brüchige Geräuschstrukturen. Und auch Christof Kurzmann hat nun von elektronischen Ansätzen zur melodischen Linie und zur Songform zurückgefunden.

Im Rahmen seines Projekts "El Infierno Musical", das der Wiener Multiinstrumentalist im Konzerthaus im Rahmen der Im-Loth-Reihe präsentierte, sind es Gedichte der jung verstorbenen argentinischen Dichterin Alejandra Pizarnik, die in fragilem Sprechgesang deklamiert werden.

Unterfüttert wurden sie von abstrakten Klangschichtungen wie frei improvisierten Geräuschtexturen aus Kontrabass (Clayton Thomas), Viola da Gamba und Bassflöte (Eva Reiter) sowie Schlagzeug (Martin Brandlmayr). Zudem griff Saxofonist Ken Vandermark immer wieder mit expressiv überblasenen Ausbrüchen in das Geschehen ein. "She says that death is fear is love / She says she doesn't know" singt Kurzmanns ungeschulte, gerade deshalb aber Verletzlichkeit und Intimität ausstrahlende Stimme in Pizarniks Arbol de Diana über diese harschen Sounds.

Das ist natürlich eine risikoreiche Gratwanderung, die in guten Momenten (wie 2008 beim Music-Unlimited-Festival in Wels) nicht nur gelingen, sondern ungeahnte existenzielle Tiefe entwickeln kann. Es ist aber auch ein Unternehmen, in dem auch Scheitern möglich ist, wie im Konzerthaus hörbar wurde, wo die einzelnen musikalischen Beiträge Stückwerk und auch - von wenigen Momenten abgesehen - in sich eher substanzarm blieben.

Auch wenn die Zeit des Forschens für Kurzmann zurzeit vorbei scheint: Die musikalische Suche geht weiter. (Andreas Felber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.12.2009)

 

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