Washington entdeckt Bin Laden neu

9. Dezember 2009, 19:43
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Wiederauferstehung einer Feindfigur: Es geht um die Ausschaltung des Al-Kaida-Chefs

Washington/Wien - Er war mal ganz unten, jetzt ist er wieder im Geschäft. "Ich weiß nicht, wo Bin Laden ist. Ich habe keine Ahnung, und es kümmert mich auch nicht", hatte George W. Bush im März 2002 verkündet. "Das ist nicht unsere Priorität." Er sei eine "Figur mit Kultcharakter", sagt nun Stanley McChrystal, der amerikanische Oberbefehlshaber in Afghanistan, über den verschwundenen Führer von Al-Kaida. "Tot oder lebendig" - den Chef des Terrornetzwerks zu fassen, sei der Schlüssel zum Sieg über Al-Kaida.

Ein wenig überraschend kam die Mitteilung dann wohl doch für die Mitglieder des Verteidigungssausschusses im US-Senat. Schließlich war Washington in früheren Jahren schon einmal an diesem Punkt angelangt. "Ich will Gerechtigkeit", hatte Bush doch auch einmal gesagt, wenige Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington. "Draußen im Westen gab es früher ein Plakat, auf dem stand, wenn ich mich recht erinnere: Tot oder lebendig."

Ein halbes Jahr nach 9/11 musste der damalige US-Präsident aber die Wildwest-Rhetorik zurückschrauben. Denn spätestens nach der fünf Tage dauernden Schlacht um Tora Bora im Nordosten Afghanistans war klar, dass Osama Bin Ladens Gefangennahme oder seine Liquidierung ein äußerst schwieriges Unterfangen würde. Dem Al-Kaida-Führer war damals im Dezember 2001 während des Bombardements durch die US-Armee die Flucht aus dem Höhlenkomplex gelungen.

Bin Laden entkam wahrscheinlich ins benachbarte Pakistan. Das US-Kommando hatte versagt, hieß es erst kürzlich in einem Bericht für den außenpolitischen Ausschuss des US-Senats. Die Amerikaner hätten besser selbst den Sturm auf Tora Bora führen sollen, wo sich Kämpfer der Taliban und Al-Kaida verschanzt hatten. Stattdessen überließen sie die Aufgabe afghanischen Stammesführern, beschränkten sich selbst auf die Bombardierung aus der Luft und vertrauten zu allem Überfluss auch noch den pakistanischen Grenzsoldaten.

Der Bericht aus den Schreibstuben von Mitarbeitern der Demokraten im US-Senat kündigte vielleicht schon die Wende bei der "Osama-Politik" an. Spekulationen über den mutmaßlichen derzeitigen Aufenthaltsort, weidlich kommentiert von SU-Sicherheitsexperten, folgten bald: Ghazni soll es sein, eine von den Taliban kontrollierte Provinz im Südosten Afghanistans.

Barack Obama hatte bisher vermieden, Ankündigungen zu Bin Ladens nahender Ergreifung oder seiner Tötung zu machen. Stattdessen hatte der US-Präsident immer auf die Vernachlässigung des Kriegsschauplatzes Afghanistan durch die frühere US-Regierung hingewiesen. Obamas Rede an die islamische Welt in Kairo im vergangenen Juni war auch als Versuch verstanden worden, Bin Laden von seiner Zuhörerschaft zu isolieren.

Mit der politisch riskanten Entscheidung für eine Truppenaufstockung in Afghanistan hat die Obama-Administration auch die Feindfigur Bin Laden wiederbelebt. Der Zweck scheint klar: Die Amerikaner sollen neuen Sinn in dem umstrittenen Krieg sehen. (Markus Bernath, DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2009)

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