Ein Quereinsteiger bricht Chiles "Absprache"

9. Dezember 2009, 19:40
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Ein 36-jähriger Filmemacher bringt Chiles regierendes Mitte-links-Bündnis bei den Präsidentschaftswahlen am Sonntag in Bedrängnis

Lachender Dritter könnte die Rechte sein, die schon die Wirtschaft kontrolliert. 

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Könnte sie erneut antreten, wäre ihr die Wiederwahl sicher: Michelle Bachelet ist mit einer Zustimmung von knapp 80 Prozent die beliebteste Staatschefin Chiles, seit Umfragen existieren. Doch die 58-jährige Kinderärztin hat die in Lateinamerika verbreitete Mode von Verfassungsänderungen mit dem Ziel des eigenen Machterhalts nie in Erwägung gezogen. Und damit ihre eigene Koalition, das seit 1990 regierende Mitte-links-Bündnis "Concertación" (wörtlich: Absprache, Übereinkunft), in die Bredouille gebracht. Denn der stehen am 13. Dezember die schwierigsten Präsidentschaftswahlen seit Chiles Rückkehr zur Demokratie bevor.

In einer wenig transparenten parteiinternen Entscheidung hat Concertación den Expräsidenten Eduardo Frei wieder aufs Schild gehoben. Der Christdemokrat, im Volksmund wegen seiner hölzernen Art auch "sprechende Mumie" genannt, regierte von 1994 bis 2000 und hat kaum etwas Bemerkenswertes in der Erinnerung der Chilenen hinterlassen. In Umfragen liegt er mit 26 Prozent nicht nur klar hinter dem rechten Unternehmer Sebastian Piñera, der mit 36 Prozent der Stimmen rechnen kann, sondern muss sogar um den Einzug in die Stichwahl bangen.

Schuld daran ist Marco Enriquez-Ominami. Der 36-jährige Filmemacher durfte nicht an den Vorwahlen der Concertación teilnehmen und hat sich deshalb vor wenigen Monaten per Unterschriftensammlung als unabhängiger Kandidat ins Wahlregister einschreiben lassen. Ungeniert spricht er die Themen an, um die sich die politische Elite gerne drückt: Steuerreform, Transparenz, Umwelt- und Verbraucherschutz, Bürgerbeteiligung. Chile ist trotz seines wirtschaftlichen Erfolgs eines der Länder mit der ungleichsten Reichtumsverteilung in Lateinamerika.

Mit Witz und jugendlicher Frische bringt Ominami die Schwächen seiner Gegner auf den Punkt. Damit hat es der sich selbst als "liberal-progressiv" bezeichnende Politiker, der bis auf ein Parlamentsmandat in den Reihen der Sozialisten politisch unerfahren ist und der Öffentlichkeit nahezu unbekannt war, auf 19 Prozent in den Umfragen gebracht.

Jung sein, auf jung machen

Vor allem bei den Jungwählern kann er punkten, aber auch viele Ältere, die sich enttäuscht von den traditionellen Politikern abgewandt haben, wollen ihrem Protest durch eine Stimme für Ominami Luft machen. Offenbar inspiriert von Ominamis Erfolg, waren auch Piñera (59) und Frei (67) plötzlich sehr bemüht um ein frisches Image. Piñera ließ sich Zeitungsberichten zufolge seine Krähenfüße liften, Frei versuchte, als Sozius auf einem Motorrad zu beeindrucken. Was Ominami mit den Worten quittierte: "Ich mache nicht auf jung, ich bin jung."

Der Medienhype um den Rebellen lässt freilich auch Zweifel aufkommen. "Er wurde von den rechten Medien hochgespielt, um Frei zu schaden", glaubt Marta Lagos vom Umfrageinstitut Latinobarometro. "Er hat keine Basis und wird nach der Wahl verpuffen wie ein Luftballon", prophezeit der Politologe Carlos Huneeus. Spannend wird es auf jeden Fall: Erstmals seit dem Ende der Pinochet-Diktatur ist in Chile der Gegensatz "Concertación gegen rechts" aufgelöst.

Ein Szenarium, das zumindest in der ersten Runde klar Piñera favorisiert. Entsprechend euphorisch ist die Stimmung in seinem Wahlkampflager. Für den millionenschweren Teilhaber der Fluglinie LAN ist es bereits der dritte Anlauf. Und noch nie lag er so weit vorne. Piñera vertritt den gemäßigten Flügel des rechten Lagers, in dem neben seiner wirtschaftsliberalen, konservativen Partei Renovacion Nacional auch die "pinochetistische" UDI vertreten ist. Sein struktureller Makel liegt nach den Worten des mexikanischen Politologen Jorge Castañeda darin, dass bei seinem Wahlsieg die politische und die wirtschaftliche Macht in denselben Händen läge. Frei hingegen baut darauf, dass sich die Chilenen im Zweifel doch für Kontinuität entscheiden. (Sandra Weiss aus Santiago de Chile, DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2009)

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    Jungstar Marco Enriquez Ominami kann sich seiner Anhänger mitunter kaum erwehren.

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