Lumpi zieht noch einmal um die Häuser

9. Dezember 2009, 19:28
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Die Soul-Legende Latimore gastiert am Samstag in Wien

Wien - Alte Männer mit sehr jungen Frauen, damit assoziiert man schnell Würdelosigkeit bei nachlassender Vollzugsfähigkeit, die die Herren der Schöpfung mittels Notprogramms - Viagra, Sportauto, kosmetische Chirurgie ... - zu kompensieren suchen. Und gerne eben auch mit jungen Damen, deren Gründe, sich auf so etwas einzulassen, einem trotz Sigmund Freud im Verborgenen bleiben.

Es kann aber auch ganz anders laufen. Als der britische Teenager und künftige Neo-Soul-Star Joss Stone 2002 ihr erstes Album aufnahm, suchte sie ebenfalls die Nähe älterer Herren - und landete in der Fürsorge von Latimore. Sie war "sweet little sixteen", er 63.

Doch Stone suchte bei Latimore nicht Liebe oder Vaterersatz, sondern dessen Erfahrung bezüglich Soulmusik. Davon hat Latimore reichlich und so veredelte er Stones Debüt The Soul Sessions (2003) ebenso wie das 2004 erschienene Folgewerk Mind, Body & Soul.

Aber nicht um Stone soll es hier gehen, sondern um den heute 70-jährigen Benjamin Latimore, einen der großen noch aktiven Sou-thern-Soul-Musiker, der, in Florida lebend, bis heute die ewigen Themen des Fachs musikalisch umkreist, durchleidet und beschwört. Als solcher gastiert er am Samstag im Rahmen des Soul Clubs "Believers" im Wiener Porgy & Bess.

Soul versus Hedonismus

Als Latimore 1973 sein Debüt veröffentlichte, lag Soul zwar noch nicht in den letzten Zügen, aber maßgebliche Veränderungen kündigten sich bereits an. Bald sollte Disco die Soul-Ära beenden und damit die letzten Reste des Gospel, die Wurzel des Genres, zugunsten eines bedingungslosen, weltlichen Hedonismus kappen.

Anders als viele Soulstars war der 1939 in Charleston, Tennessee, Geborene aber nicht bloß Interpret von Fremdmaterial, sondern schrieb und komponierte selbst, was sich vor allem finanziell auszahlte. Immerhin stammt aus seiner Feder das oft gecoverte Beziehungsdrama Let's Straighten It Out, mit dem etwa die Deep-Soul-Gottheit O. V. Wright die Herzen seiner Fangemeinde rührte. Seinen ersten Hit hatte Latimore 1973 mit einer angejazzten Version des Blues-Klassikers Stormy Monday, es folgten heutige Evergreens wie Snap Your Fingers, Somethin' 'bout 'cha oder Keep The Homefire Burnin'.

Das Barometer der Gefühle

Latimore interpretierte diese Stücke und spielte dazu auch die Orgel, dieses emotionale Barometer des Soul, aus dem er die Intensität des Gospel ebenso bezog wie den Funk dieser Zeit. Unterstützung erhielt er von Mitstreitern wie Gwen McCrae oder Betty Wright, die ihrerseits Soul-Stars waren oder bald wurden.

Latimore verkörperte den Prototypen des schwarzen Lumpis, wie man ihn heute aus Quentin-Tarantino-Filmen kennt: siehe etwa Samuel L. Jackson als Jules Winnfield in Pulp Fiction.

Latimore war der Typ mit den dicken Koteletten, dem Zuhälter-Bart, den weit ausgestellten Hosen und Hemdkrägen, so groß wie Landepisten für Kleinflugzeuge. Damit zog er durch die heißen Clubs des heißen Südens, spielte sein cooles Keyboard und sang von der Long Distance Love, beschwor Sweet Vibrations oder warf augenzwinkernd das Handtuch: Discoed To Death.

In den 1980ern wurde das einschlägig orientierte Südstaaten-Label Malaco seine Heimat, das bis heute erfolgreich Musik für das Publikum des Chitlin' Circuit verlegt. So nennt man jene Clubs im Süden der USA, in denen viele Alte der Soul-Ära der 1960er und 1970er bis heute ihr Publikum und ein Auslangen finden. Mittlerweile hat Latimore mit seinem alten Kompagnon Henry Stone das Label LatStone gegründet, auf dem er in schöner Regelmäßigkeit neue Alben veröffentlicht.

Live wird sich der agile Charmeur bei seinem ersten Wien-Gastspiel mit seiner Band wohl quer durch seine Hits spielen. So sei es! Give it to us, Daddy! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.12.2009)

 

Latimore live: 12. 12., Porgy & Bess, 1010 Wien, Riemergasse 11. Tickets: 01/512 88 11. 20.00

  • Ein Seelenmasseur extraordinaire: Benny Latimore
    foto: believers

    Ein Seelenmasseur extraordinaire: Benny Latimore

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