Sternstunden des deutschen Schlagers

09. Dezember 2009 19:11
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    Foto: standard / fischer

    Der Popstar fürs reflektierte Verliebtsein. Jochen Distelmeyer lässt während "Schmetter-lings Gang" nicht nur die süßen Falter fliegen: "Immer weiter, Fabelfalter, flieg!"

Jochen Distelmeyer, zentraler wie ewig umstrittener Protagonist einer intellektuellen deutschen Popmusik aus Hamburg, gab gutgelaunt ein umjubeltes Konzert im Wiener Wuk

Wien - Haare dürfen bekanntlich lang sein, wenn sie gepflegt sind. Und wenn Jochen Distelmeyer im Wuk in weißem Hemd, schnöseligem Pullunder und roter Hose im Lied Schmetterlings Gang Paradiese der Tiere und Wunder der Natur besingt, flattern nicht nur die sympathischsten aller Insekten in ihrem bunten Artenreichtum durchs spätherbstlich kräftige Schmuddelwetter von Wien. Auch Distelmeyers Haupthaar-Hommage an die Hamburger Popperszene der späten 1970er-Jahre segelt dazu hart am Wind.

Diese an Tomorrow Never Knows von den Beatles angelehnte Folkmeditation sorgt mit hippieskem Ausdruckstanz und krassen Aussagen wie "Sommervogel flieg! Immer weiter, kleiner Falter, flieg!" eine halbe Stunde nach Konzertbeginn zum zweiten Mal für Verstörung im Publikum. Meint der Mann das ernst?

Doch, der Exchef der für 40-jährige AkademikerInnen zentralen Lebensbegleitungsband Blumfeld, der sich und seine Begleiter nach dem Song Er mit dem bemerkenswerten Satz: "Hallo, wir sind Jochen Distelmeyer" vorstellt, meint das so.

Distelmeyer meldete sich drei Jahre nach dem letzten irren Blumfeld-Poesiealbum Verbotene Früchte mit den zehn Liedern von Heavy solo zurück. Vor allem dank der das Wienkonzert eröffnenden "breitbeinigen", "messianischen" "Rock"-unter-Anführungszeichen-Hymne Wohin mit dem Hass? und dem doppelbödigen Text ("Ich bin nicht wie ihr ... gebt mir euren Hass!") meldet sich einer der wichtigsten Mover und Shaker zurück an die Diskursfront. Achtung, hinter dem offiziellen Liedtext ist ein zweiter geheimer verborgen, den man nur sieht, wenn man das CD-Booklet gegen das Licht hält!

Schlager mit Spucke

Die "kritische" Auseinandersetzung mit Pop und die "Transparenzmachung" seiner "Produktionsbedingungen" droht übrigens außer Weihbischof Xavier Naidoo oder dem in altgermanischem Idiom shoutenden Wanderprediger Herbert Grönemeyer jedem in deutscher Muttersprache vortragenden Musiker. Wenn er sich selbst nur genug ernst nimmt.

Dabei ist Jochen Distelmeyer, der gutgelaunt mit vier Begleitmusikern und einer Handvoll erlesener Gitarren eine launige und mit 25 Songs reichlich sättigende Leistungsschau gibt, nur ein Mann, der Pop so verstanden wissen will, wie er sich im Englischen immer schon sehr gerne gab. Es geht um Liebe, Entgrenzung, Befreiung - und darum, eine gute Zeit zu haben. Live in Wien zu hören: Wir sind frei, Lass uns Liebe sein, Weil es Liebe ist, schließlich als Antithese zur These (und damit in unseren Köpfen zur Synthese): Viel zu früh und immer wieder, Liebeslieder.

Distelmeyer wird nach seinen Anfängen mit kantigem Lärmrock heute nicht ganz zu Unrecht der Drang zum Oberflächlichen, zum Malen nach Zahlen, zum Schlageresken vorgeworfen. Das ist insofern gemein, als Distelmeyer für einen Schlagertexter ein viel zu angestrengter Lyriker ist. In Hinter der Musik, dem letzten Song vor den drei Zugabenblöcken, heißt es etwa: "Hitze frisst den Raum / Bis der Groschen fällt / Draußen tagt der Schaum / Der zerdachten Welt."

Andererseits darf man sich vom gefällig schunkelnden Folk-Pop in Songs wie Status Quo Vadis und Old Nobody oder Regen, über den Distelmeyer seine schneidende Kantorenstimme legt, nicht täuschen lassen. Das neue Lied Hiob poltert überraschend als elektropunkiges Tribut an Suicide und Gary Glitter daher. Pro Familia ist klassischer US-Hardcore-Punk - und bei Patti Smiths Dancing Barefoot muss selbst Distelmeyer lachen. Schmäh, ein Hamburger Popper singt über Heroin. Und er spuckt zwischen den Songs auf den Boden. So was machen Geistesmenschen einfach nicht! Wir haben uns prächtig unterhalten. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.12.2009)

 

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17 Postings
peter schmidt
 
12.12.2009 21:03
nette marktlücke

schlager für leute die sich schämen schlager zu hören.

etwa so ähnlich wie der öko-fleischer wo alle viecherln garantiert einen namen hatten und stressfrei im beisein ihrer liebsten von uns gingen für leute die gerne fleisch essen aber sich halt schämen.

Dyne
13.12.2009 00:21

Udo Jürgens-rückwärts gesungen....

Ziemlich leichter Stessa
11.12.2009 16:24

Klingt irgendwie nach einem fleischgewordenen Samstagnachmittag am Naschmarkt.

Das kann man jetzt so oder so sehen.

Manfred Bieder
10.12.2009 11:35
guter mann

wunderschönes konzert

Grete Trompete
10.12.2009 11:24
tanzen

habt ihr gemerkt, wie gern der typ tanzt? wir hätten mehr tanzen müssen, aber sonst ... bereue ich nichts!

danke, jochen!

benedikta vatikana
10.12.2009 10:37
einfach großartig

ich war einfach nur gerührt... es war großartig, was für ein sänger, was für texte, was für eine stimmung....

Grete Trompete
10.12.2009 11:22
du sprichst mir aus dem herzen!

AlBundyFan
 
10.12.2009 10:28
hmmm

also ich hab von dem typen noch nie was gehört - aber nach lesen des berichts würde ich ihn nicht zur schlagerszene zählen.

Digitalkäse
10.12.2009 10:03
Mhhhmmm... Schachinger in Höchstform.

sehr erquickend

Günter Schwaiger
10.12.2009 08:47
ich sag nur:

der kastelruther spatz des diskurspop

Terence Lennox
11.12.2009 13:05
klingt super..

..ist aber eben nur super dumm..

Muss das sein?
09.12.2009 22:29

Schmetterlings Gang war sehr geil und von Verstörung war bei uns den ganzen Abend lang nichts zu spüren.

Bitte nicht die eigene Stimmung aufs ganze Publikum projizieren.

safeasmilk
09.12.2009 21:57

vermutlich der beste poseur im dt.sprachigen raum!

Dyne
09.12.2009 21:30

Unser täglich Blumfeld gib uns heute....

Terence Lennox
09.12.2009 21:07
der udo jürgens..

..meiner generation. nur eben mit viel mehr präzisem einsatz der sprache (ist eben deutscher). "lass uns liebe sein" macht mich immer fröhlich, wenn ich es höre. und ich habe aufgehört, mich dafür zu schämen...

Edwyn7
 
09.12.2009 20:34
...warten auf den kick, bring das ding noch mal...

...hiob ist ja an sich schon der hammer, aber dann gestern D I E S E version. ganz ganz grosser abend,
der mann ist in bestform.

guzo
09.12.2009 19:35
Super Konzert,

großartiger Künstler, Spitzen-Band, leiwande Kritik.

So soll es sein.

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