Ein Mandela für Lateinamerika

9. Dezember 2009, 18:20
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Boliviens Wahlsieger Evo Morales als Hoffnungsträger – Kritikern ist er bereits zu mächtig

Bei der Einordnung des Triumphs von Evo Morales, dem ersten Indio-Präsidenten Boliviens, der am Sonntag mit 62 Prozent wiedergewählt wurde, greift der britische Guardian ganz hoch. Durch ihn bekomme die indigene Bevölkerungsmehrheit in dem extrem armen südamerikanischen Land ihre Stimme zurück. Die Rolle, die der ehemalige Lamahirt Morales spiele, sei ähnlich bedeutsam wie die von Nelson Mandela für Südafrika oder der Fall der Berliner Mauer für Osteuropa.

Tatsächlich erlebt Bolivien ein politisches Drama, wie es in Lateinamerika immer wieder - und leider oft mit tragischem Ausgang - inszeniert wird. Die weiße Oberschicht soll zugunsten der armen Bevölkerungsmehrheit auf Privilegien verzichten, wogegen sie sich erbittert wehrt.

Für ein abgeschlossenes Urteil über das Wirken von Morales ist es noch viel zu früh. Tatsache ist aber, dass sich die pessimistischen Prognosen, die es bei seinem Amtsantritt vor vier Jahren gab, nicht bewahrheitet haben. Sie sagten Bolivien den wirtschaftlichen Ruin und ein Abrutschen in die Diktatur voraus. Jetzt gelten die Wahlen als regulär, und die Wirtschaft wächst mit 3,5 Prozent stärker als in den Nachbarländern. Morales zog sich zuerst den Ärger der westlichen Industrieländer zu, indem er die Erdöl- und Erdgasförderung verstaatlichte. Doch bei der Verteilung dieser Einnahmen sei Bolivien makroökonomisch "sehr vernünftig" vorgegangen, hat der Internationale Währungsfonds bestätigt.

Glückwünsche zum Wahlsieg kamen nicht nur vom weltweit verrufenen iranischen Präsidenten Ahmadi-Nejad, sondern auch vom US-Außenministerium. Politische Analytiker in den USA glauben, dass dies nicht bloße Höflichkeit war. Die Regierung Obama wolle, etwa in der Rauschgiftbekämpfung, wieder enger kooperieren. Seinen Wahlerfolg habe Morales mit gezielten und sichtbaren Sozialmaßnahmen errungen. So erhielten Eltern für den Schulbesuch ihrer Kinder Geld; erstmals in der Geschichte Boliviens wurden massive Anstrengungen unternommen, um 80 Prozent der Bevölkerung mit Strom zu versorgen.

In der zweiten Amtszeit ist von Morales zu erwarten, dass er den Umbau der Verfassung zugunsten der Indiorechte fortsetzen wird. Geplant ist zudem, die Rohstoffe des Landes in Kooperation mit ausländischen Partnern industriell verstärkt auszubeuten. Vor allem mit der Förderung von Lithium, das für die Batterien von Elektroautos gebraucht wird, könnte sich eine neue Geldquelle auftun.

Kritikern ist Morales schon jetzt zu mächtig, wobei die Zersplitterung und Schwäche der Opposition auch an dieser selbst liegt. Dafür, dass es im Land seit längerem keine funktionierenden Höchstgerichte gibt, ist wohl auch Morales verantwortlich. Auf internationaler Ebene ist der größte Unsicherheitsfaktor die Bindung an Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez, der mit Slogans gegen das "Imperium" der USA Anhänger um sich schart. Vor wenigen Tagen war Chávez in Uruguay, wo er im neuen Präsidenten, dem Ex-Guerillero José Mujica, einen weiteren Freund sieht.

Doch die lange Reihe linker Wahlerfolge in Lateinamerika wird kommenden Sonntag in Chile möglicherweise abreißen. Dort könnte der Unternehmer Sebastián Piñera gegen den Mitte-links-Kandidaten Eduardo Frei gewinnen, weil die höchst populäre und sozialdemokratische Präsidentin Michelle Bachelet nicht mehr antreten darf.

Zu den rechtsregierten, den USA nahen Staaten zählen die Linken neben Mexiko und Kolumbien seit neuestem auch Peru. Dessen Präsident Alan García, früher selbst weit links, wurde von Morales nun "Liebling der Gringos" genannt. Die Erwartung, dass Lateinamerika mit einiger und linker Stimme spricht, wird sich so bald nicht erfüllen. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2009)

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