Testosteron macht eher fair als aggressiv

9. Dezember 2009, 17:49
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Forscher nach Verhandlungsstudie: Der Mythos rund um das Hormon hat größere Wirkung als dieses selbst

Zürich - Testosteron macht aggressiv, Punkt. - So simpel, wie es die landläufige Meinung zu wissen glaubt, ist die Wirkung des Sexualhormons aber offenbar nicht, wie in einer aktuellen Studie dargelegt wird. Wenn es dazu dient, den eigenen Status zu sichern, kann Testosteron gar faires Verhalten fördern, wie die am Dienstag in "Nature" veröffentlichte Studie der Universitäten Zürich und Royal Holloway in London zeigte.

Der Versuch

Insgesamt nahmen rund 120 Versuchspersonen (alle weiblich) an einem Verhandlungsexperiment teil, in welchem über die Aufteilung eines Geldbetrages verhandelt wurde. Dabei ermöglichten die Regeln, sowohl faire als auch unfaire Angebote zu machen. Anschließend konnte die Verhandlungspartnerin das Angebot annehmen oder ablehnen. Je fairer das Angebot, desto unwahrscheinlicher war es, dass die Verhandlungspartnerin ablehnt. Wenn keine Einigung zustande kam, dann verdienten beide Parteien gar nichts.

Vor dem Spiel erhielten die Versuchspersonen entweder eine Dosis von 0,5 Milligramm Testosteron oder ein entsprechendes Scheinpräparat. "Würde man der gängigen Meinung folgen, wäre zu erwarten, dass die Versuchspersonen mit Testosteron eine aggressive, selbstbezogene und riskante Strategie wählen ungeachtet der möglichen negativen Auswirkungen auf den Verhandlungsprozess", wird Neurowissenschafter Christoph Eisenegger von der Universität Zürich zitiert. Die Studie habe aber genau das Gegenteil gezeigt. So machten Versuchspersonen mit künstlich erhöhtem Testosteronspiegel durchgehend die besseren, faireren Angebote als diejenigen, die Scheinpräparate erhielten. Sie reduzierten so das Risiko einer Zurückweisung ihres Angebotes auf ein Minimum.

Die Interpretation

Die Resultate legen nahe, dass das Hormon die Sensitivität für den Status erhöht. Bei Tierarten mit relativ einfachen sozialen Systemen mag sich ein erhöhtes Statusbewusstsein in Aggressivität ausdrücken, wird spekuliert. Bei solchen in komplexeren Systemen wäre dann auch die Wirkung des Testosterons diffiziler.

Daneben zeigte die Studie aber noch ein anderes interessantes Ergebnis: Nämlich dass die gängige Meinung, dass das Hormon aggressiv macht, offenbar tief sitzt. Nach dem Versuch wurden die Teilnehmerinnen befragt, ob sie glaubten Testosteron oder ein Placebo verabreicht bekommen zu haben. Hier zeigte sich eine eindeutige Korrelation: Jene Versuchspersonen, die glaubten, das Testosteronpräparat und nicht das Scheinpräparat erhalten zu haben, machten die unfairsten Angebote - ganz unabhängig davon, welches Präparat sie wirklich bekommen hatten. Möglicherweise wurde das Testosteron-Image von diesen Personen als Legitimation benutzt, sich unfair zu verhalten, wie es in der Mitteilung der Universität heißt.

Laut dem Ökonomen Michael Naef von der Universität Royal Holloway scheint es, dass nicht Testosteron selbst zu Aggressivität verleitet, sondern vielmehr der Mythos rund um das Hormon. In einer Gesellschaft, in der immer mehr Eigenschaften und Verhaltensweisen auf biologische Ursachen zurückgeführt und teils damit legitimiert würden, müsse dies hellhörig machen. (APA/AP/red)

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