Oh du Wertanlage-Baum

9. Dezember 2009, 17:00
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Antiker Christbaumschmuck verzückt nicht nur das Auge, sondern auch das Portfolio. Die Seltenheit, aber auch Moden bestimmen den Preis

Antiker Christbaumschmuck verzückt nicht nur das Auge, sondern auch das Portfolio. Die Seltenheit, aber auch Moden bestimmen den Preis für die raren weihnachtlichen Sammlerstücke.

Erst wenn die Kerzen flackern und die Sternspritzer knistern, kommt zur Geltung, was über Monate vorsichtig verstaut in Kisten geruht hat: Kugeln und Glocken, Schneemänner und Engel, Vögel und Zapfen, die als Zierde an den Baumästen hängen. Liebhaber antiken Christbaumschmucks beachten das funkelnde Spektakel am Baum weit mehr als die darunter liegenden Geschenke. "Die Vielfalt, die Filigranität und das Kunsthandwerk sind wunderschön" , erklärt Sammlerin Elfriede Kreuzberger ihr Faszinosum.

Über 18.000 Stücke hat die Wienerin, auf einer großen Erbsammlung aufbauend, aus ganz Mitteleuropa zusammengetragen. Mit einem Weihnachtsmuseum hat sie dem oberösterreichischen Steyr zu ganzjährigen Weihnachten verholfen. Und zu einer Zeitreise, die von 1830 bis 1930 hundert Jahre Weihnachten nachempfinden lässt. "Schon meine Großeltern, die sich sogar übers Sammeln kennengelernt hatten, versahen jedes einzelne Stück mit seinen Ursprungsdaten und dem Datum des Kaufes" , weist Kreuzberger auf den Wert der Dokumentation hin. Das alles auf den überschaubaren Sammlermarkt zu werfen lehnt die Flohmarktgängerin ab – obwohl einzelne Stücke auf Ausstellungen oder Märkten Preise über 700 Euro erzielen.

"Die Nachfrage nach antikem Christbaumschmuck und somit dessen Preise steigen seit 30 Jahren kontinuierlich" , sagt die Schweizer Sammlerin und Händlerin Margit Utz. "Um den materiellen Wert geht es den Kunden aber nicht" , betont sie. "Kindheitserinnerungen und die Vorfreude auf ein außergewöhnlich geschmücktes Fest spielen eine viel größere Rolle." Die Preise richten sich nach der Seltenheit des Stücks, dem Zustand, Alter und seiner Ausgefallenheit.

Von Glas bis Oblaten

Dominierten im Biedermeier noch kleine Kugeln, war der Vielfältigkeit der Figuren bald keine Grenzen mehr gesetzt. Von Watte bis Glas, von Oblaten bis hin zu Staniolpapier reichten die Grundmaterialien, einzelne Stile bildeten sich Ende des 19. Jahrhunderts heraus. "Besonders hoch im Kurs steht zurzeit Papierschmuck aus Dresden; für einzelne hauchdünne bemalte Kartons werden über 1400 Euro bezahlt" , berichtet Utz während einer Pause auf der Züricher Weihnachtsausstellung.

Vor ein paar Jahren seien es noch vor allem Zeppelinfiguren gewesen, die Sammler zwischen den Ästen schweben lassen wollten. "Die Wertentwicklung ist nicht unbedingt vorhersehbar" , gibt sie zu denken. Auch Bruch sei als Risikofaktor nicht zu vernachlässigen.

"Auf den Weihnachtsbaum kam alles, das zum Leben gehörte" , erklärt die Wiener Buchautorin und Kunsthistorikerin Waltraud Neuwirth, warum nicht nur Engel, sondern auch Schirmchen, Spinnräder oder Boote auf den Christbaum gehörten. Neuwirth hat sich vor allem mit Glasschmuck befasst. Über Händler kamen die mundgeblasenen Stücke aus Gablonz, Königgrätz (beides Tschechien) und Lauscha (Deutschland) – den Hochburgen der Glasbläserkunst – bis in die USA. Gefertigt wurde er anhand von Musterformen von Familien in Heimarbeit.

Besonders aufwändig gearbeiteten Schmuck konnte sich schon damals nur das gehobene Bürgertum leisten, und auch heute stehen diese Herkunftsnamen für das preisliche Spitzenfeld.

Neuwirth unterteilt Glasschmuck zum einen in Hohlformen (Kugeln, Nüsse), die mit Silberimitat oder Gold beschichtet wurden, um sie im Licht glitzern zu lassen. "Aufgrund der Metalle hatten viele Heimarbeiter schwarze Hände und Gesichter" , erzählt Kreuzberger von den Schwierigkeiten der Produktion. Auch an der Gelantine-Farbe, mit denen die Kugeln bemalt wurden, oder an den Metallkappen erkenne sie die Originalität des Baumbehangs. Zum anderen sind es Gebilde aus aufgefädelten Glasperlen und Glasröhrchen, die aus Gablonz stammen und zu Sammlerstücken geworden sind. Sterne sind ebenso darunter wie Spinnen oder Meeresgetier: "Alles, was schön funkelt, leicht und schwerelos baumelt" , schwärmt Kreuzberger. (Martina Bachler, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.12.2009)

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    Diese Christbaumkugel aus Gold, mit 120 Diamanten bestückt, kostet wohlfeile 20.000 Euro.

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