"Das Fondsgeschäft ist auch ein Showgeschäft"

9. Dezember 2009, 17:00
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Als Folge der Finanzkrise drohen weitere Probleme, die laut Börsen-Experte Heiko Thieme gemanagt werden können

Als Folge der Finanzkrise drohen weitere Probleme, die laut Börsen-Experte Heiko Thieme aber gemanagt werden können. Welche Sorgen das sind, welche Themen wichtig werden und wie man sein Portfolio gestalten soll, hat Bettina Pfluger gefragt.

STANDARD: Wie sieht Ihr Ausblick für 2010 aus. Worauf muss man im kommenden Jahr achten?

Thieme: Wachstum, Inflation und Verschuldung. Das sind die wichtigen Themen. Und nicht zu vergessen: Unternehmensgewinne.

STANDARD: Stichwort Inflation. Droht die Mega-Inflation, wenn Staaten die Entschuldung einleiten?

Thieme: Nein. Nicht im nächsten Jahr. Das Inflationsthema wird vor 2011 nicht akut, obwohl die Medien sich laufend damit befassen und versuchen, die Inflation quasi herbeizureden. Sie existiert aber nicht, weil das Angebot größer ist als die Nachfrage und das globale Wachstum zu gering, um einen Inflationsdruck zu erzeugen.

STANDARD: Und die riesigen Geldmengen im Markt ...

Thieme: Geldmenge ist nicht gleich Inflation. Die Frage ist, was mit der Geldmenge passiert. Die Frage müsste eigentlich lauten: Wann wird eine exzessive Geldmenge inflationär? Sie ist ein Risikofaktor, der in meinen Augen aber erst in den Jahren 2012, 2013 der größte Problemfaktor sein wird – wenn die Notenbanken die Geldmengen nicht frühzeitig wieder abziehen.

STANDARD: Also ist eher Deflation das aktuelle Thema?

Thieme: Deflation, oder sagen wir desinflationäre Trends. Deflation war eher heuer das Thema. Nächstes Jahr ist – abgesehen von der exzessiven Spekulation bei einigen Rohstoffen wie Öl oder auch Gold – eine Verteuerung im breiten Markt nicht sichtbar. Wenn überhaupt Inflation kommt, dann, weil sie herbeigeredet wird oder durch Spekulation kreiert wird.

STANDARD: Viele Märkte haben in den vergangenen Monaten wieder enorm angezogen. Auch Wachstum ist vereinzelt wieder da. Ist die Finanzkrise damit vorbei?

Thieme: Die Krise herrscht in der Gesamtwirtschaft und damit in der Realwirtschaft, die noch nicht wieder richtig angesprungen ist. Das geht nur im Schneckentempo. Wenn man ein normales Wachstum in Europa oder den USA mit zwei bis drei Prozent beziffern würde, dann sind wir davon weit entfernt. Wir werden im nächsten Jahr in Europa mit der Zwei-Prozent-Marke echt zu kämpfen haben, in den USA werden wir mit der Drei-Prozent-Marke kämpfen. Der USA gebe ich eine größere Wachstumschance, weil sie dem Trend etwas mehr voraus ist.

STANDARD: Wie schnell wird sich die Realwirtschaft erholen?

Thieme: Das Tempo wird sehr langsam sein. Die technischen Maßnahmen der Notenbanken, durch massive Liquidität den Markt mit genügend Geld zu versorgen, haben bisher nicht funktioniert. Denn dieses Geld wurde von Spekulanten benutzt – auch von den sogenannten Investmentbanken. Siehe Goldman Sachs: Man hat Rekordeinnahmen verbucht, aber nicht, weil man so smart war, sondern weil man das Geld quasi zum Nulltarif bekam. Wenn Sie und ich von der Oesterreichischen Nationalbank eine Milliarde Euro bekämen, würden wir auch ohne große Risiken Geld verdienen können, wenn der Zins bei null ist.

STANDARD: Lehman Brothers hat im Herbst 2008 einen Outlook herausgegeben, in dem sie viele Risiken vorhergesagt haben, nur sich selbst nicht als Risiko gesehen haben. Was sehen wir heute nicht?

Thieme: Die Problematik, dass eine hohe Arbeitslosigkeit soziale Unruhen schaffen kann. Das ist ein Punkt, über den ich mir Sorgen mache. Das Problem des Terrorismus bleibt bestehen. Die Möglichkeit eines Krieges mit dem Iran aufgrund der Urananreicherung könnte ebenfalls problematisch sein. Aber zurück zur Arbeitslosigkeit. Wir haben in Amerika eine Arbeitslosenrate von über zehn Prozent, die höchste seit 26 Jahren.

Die tatsächliche Arbeitslosenrate – also wenn man die Arbeitswilligen und Arbeitsfähigen mit hineinnimmt und die Halbtagstätigkeiten auch berücksichtigt, die ja im Grunde genommen nur einen halben Tag arbeiten können, weil ihnen nur ein halber Tag angeboten wird – liegt in den USA bei 17 Prozent. 25 Prozent ist sie bei den Jugendlichen, und das ist ein kritischer Faktor. Ein Mensch, der in der Arbeitslosigkeit aufwächst, ist permanent geschädigt und eine Gefahr für die Wirtschaft und die Gemeinschaft.

STANDARD: Erwarten Sie soziale Unruhen in Amerika?

Thieme: Ich gehe davon aus, dass sie vermeidbar sind. Wenn die Arbeitslosen bezahlt würden, könnte man sie mundtot machen, was aber auch nicht die Lösung sein kann. Ich bin aber Optimist und versuche, als Realist das Positive der Zukunft zu interpretieren – aber das auch Machbare, ich bin kein Illusionist. Ich glaube, dass wir 2010 enorme Fortschritte erzielen werden. Wir werden die Wirtschaft ankurbeln, aber immer noch im ersten Gang fahren, wir werden zweitens keinen inflationären Druck bekommen, obwohl massiv Geld vorhanden ist. Drittens wird die Spekulation zwar da sein, sich aber in Grenzen halten. In anderen Worten: Ich sehe keinen Ölpreis bei 150 oder 200 Dollar pro Fass, auch keinen Goldpreis bei 2000 Dollar.

Ich sehe einen Goldpreis, der bis 1400 Dollar gehen kann, das wäre aber auch schon zu hoch, aber möglich und für die Wirtschaft verkraftbar. Beim Terrorismus erwarte ich eigentlich keine Exzesse, die nochmals eine ähnlich dramatische Situation wie bei den Doppeltürmen am 11. September 2001 kreieren würden. Und ich rechne auch nicht damit, dass wir im Nahen Osten eine kriegerische Handlung bekommen. Aber all das, was ich erwähnt habe, könnte eskalieren und zu einer Krise werden, diese Krisen können aber gemanagt werden.

STANDARD: Wir haben die aktuelle Krise noch nicht verdaut, und schon kommen Warnungen vor neuen Überhitzungen, neuen Blasen. Sehen Sie diese Gefahren auch?

Thieme: Ja. Die nächste Gefahr wird sein, dass wir die Krise in der Gesamtwirtschaft nur zögerlich bewerkstelligen. An der Börse ist die Erholung schon gelungen. Die Börsen sind in den vergangenen neun Monaten um rund 70 Prozent gestiegen – das ist der größte Anstieg für einen solchen Zeitraum in den vergangenen 70 Jahren. Die Börse nimmt die Erholung vorweg. Wenn die Börse als Indikator genommen wird, wie sie selbst sagt, dann sind wir auf dem Weg der Verbesserung. Es gibt keine großen Rückschläge.

STANDARD: Gerade hat Dubai seine Zahlungsunfähigkeit verkündet ...

Thieme: Dubai als aktuelles Thema ist temporär und von der Größenordnung maximal 100 Milliarden Dollar. Das ist im Vergleich zu der Verschuldung, die wir haben, oder zu den faulen Krediten, die wir bereits bereinigt haben, sprich drei Billionen Dollar, ein Prozentsatz von gerade einmal drei Prozent. Das kann gemanagt werden.

STANDARD: Und wie sieht es am Immobilienmarkt aus, dessen Boom ja die Krise ausgelöst hat?

Thieme: Das ist noch nicht vorbei. Das Nächste, was wir sehen werden, ist der kommerzielle Immobilienmarkt in Amerika. Hier rechne ich noch mit Verlusten von einer halben Billion bis zu einer Billion Dollar. Das wird die Banken noch einmal erheblich belasten. Da wird dann der Staat als Retter der letzten Stunde auch nicht einspringen, weil er sagen wird, wir haben euch vor einem Jahr saniert, ihr habt euch jetzt durch eure Spekulation bereichert, jetzt müsst ihr selbst sehen, wie ihr das bereinigt.

STANDARD: Aber eine große Bank wird man wohl nicht mehr in die Pleite schicken ...

Thieme: Würde es zum Einbruch einer großen Bank kommen, würde es sicher wieder "too big to fail" heißen. Aber ich vertraue auf den Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke. Er kennt die Gefahren, er kennt die Gründe für die Krise und wird alles tun, um sich seinen Platz in der Geschichte damit zu erobern, der Notenbankchef zu sein, der die größte Finanzkrise der Geschichte in den Griff bekommen und sie auch gelöst hat. Die Lösung liegt darin, die exzessive Geldmenge graduell abzuschöpfen.

STANDARD: Gold jagt von einem Rekord zum nächsten, wird als Inflationsschutz gesehen. Ist das so?

Thieme: Die Mystik des Goldes fasziniert. Immer wieder glaubt man, Gold ist wertbeständig. Immer wieder werden Beispiele genannt, dass man sich zu Zeiten Cäsars um eine Goldmünze einen Anzug kaufen konnte und man das heute zum aktuellen Goldpreis von rund 1200 Dollar auch kann. Was man vergisst, ist, dass man 1973, als die Goldmünze um 35 Dollar gehandelt wurde, keinen Anzug bekommen hat. Gold ist nur über längere Zeiträume wertbeständig. Gold bleibt ein spekulatives Element.

STANDARD: Welchen Portfolio-Mix würden Sie jenen empfehlen, die jetzt investieren wollen?

Thieme: In Europa sehe ich große Chancen, also sollten rund 40 Prozent in europäischen Aktien veranlagt werden. Den Rentenmarkt würde ich nicht mehr empfehlen, weil die Zinsen wieder steigen werden, womit die Rentenpapiere im Wert sinken. 25 Prozent USA, 15 Prozent Schwellenländer. Zehn Prozent in Japan, fünf Prozent in Edelmetalle und fünf Prozent in Alternative Investments. Ich warne aber temporär vor China.

STANDARD: China hat seinen Immobilienmarkt zuletzt ja als Zeitbombe bezeichnet ...

Thieme: Genauso ist es. Es ist eine Zeitbombe. Wir werden in allen Schwellenländern, wo sich die Immobilienpreise verdoppelt und verdreifacht haben, exzessive Entwicklungen sehen. Dort wird es, wie in den USA, zu Blasen kommen. Ich würde bei Immobilien in jenen Märkten vorsichtig sein, wo die Blase noch nicht geplatzt ist, weil dort droht das noch.

STANDARD: Sie haben Ihre Aktivität als Fondsmanager eingestellt, auch die American-Heritage-Fonds aufgelöst. Warum?

Thieme: Weil das Fondsgeschäft auch ein Showgeschäft ist. Man muss jeden Tag auf die Performance schauen und wird eher zum Händler und nicht zum langfristigen Anleger. Ich bin jetzt mehr als Stratege und beratend tätig. Ich möchte für Privatanleger einen Zugang schaffen und zeigen, was Heiko Thieme mit 100.000 Euro macht – und zwar praktisch. Über das Internet kann das jeder verfolgen und sofort einsteigen. Man kann durch ganz normales Kaufen und Verkaufen von Aktien im Jahr zwischen zehn und 15 Prozent erzielen – ohne Swap-Konstruktionen oder sonst was. Diese Idee soll bis Frühjahr 2010 verwirklicht werden.

STANDARD: Sie sind 66 Jahre alt. Warum gehen Sie nicht in Pension?

Thieme: Weil mir das Arbeiten Spaß macht und ich die Herausforderung, die das Leben an mich stellt, darin sehe, täglich eine Vision zu haben – die Zukunft zu analysieren und zu deuten. Das Leben als Pensionist, im Nichtstun aufzuwachen und mit dem Nichtstun abends ins Bett zu gehen, ist für mich mit einer Gefängnisstrafe vergleichbar.

STANDARD: Sie waren lange als Asset-Manager tätig. Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Würden Sie sagen, Sie haben in Summe mehr Geld verdient oder mehr verloren?

Thieme: Jetzt prahle ich vielleicht etwas. Ich würde sagen, dass ich in den 37 Jahren meiner Börsentätigkeit vielleicht für fünf Milliarden Euro Verlust zuständig bin. Auf der anderen Seite bin ich vielleicht für 500 Milliarden Gewinne verantwortlich, das ist subjektiv. Wenn ich meine jüngste Kaufempfehlung nehme: Im März habe ich empfohlen, die Deutsche Bank bei 20 Euro zu kaufen und bei 50 Euro zu verkaufen. Da sprechen wir von Milliarden an Wertschöpfung. Ich glaube, sagen zu können, dass ich unweit mehr an potenziellen Gewinne erzeugt habe als an Verlusten. DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.12.2009)

Zur Person

Heiko Thieme (66) ist Wahl-New-Yorker und war anlässlich des Wertpapierforums von Business Circle in Wien. Der Marathonläufer und Vater von drei Kindern ist als Börsenguru bekannt. Mit den American-Heritage-Funds hat er aber auch harte Zeiten hinter sich. Er hat Preise bekommen für die beste - aber auch für die schlechteste - Fondsperformance.

  • Börsenguru Heiko Thieme hat das Asset-Management aufgegeben. Jetzt will
er als Stratege vor allem Privatanlegern zeigen, wie man an der Börse
Geld verdienen kann.Foto: Christian Fischer
    foto: standard/christian fischer

    Börsenguru Heiko Thieme hat das Asset-Management aufgegeben. Jetzt will er als Stratege vor allem Privatanlegern zeigen, wie man an der Börse Geld verdienen kann.Foto: Christian Fischer

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