La Scala: Nachbeben zur "Carmen"-Erregung

9. Dezember 2009, 12:34
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Verbalinjurien zwischen Regisseurin Dante und Polemiker Zefirelli - Domingo streut Lob

Rom - Die italienische Regisseurin Emma Dante, die wegen ihrer unkonventionellen "Carmen"-Inszenierung bei der Premiere in der Mailänder Scala ausgepfiffen wurde, verteidigt sich gegen vehemente Kritik von Medien und Kollegen. Die süditalienischen Genre-Szenen sowie einige Kulissen lösten bei vielen Zuschauern heftige Kritik aus.

"Italien ist konservativ und traditionalistisch gesinnt. Sobald man etwas Neues wagt, schreien alle auf. Wir sind ein Land für alte Leute, das Neue, das Unbekannte machen instinktiv Angst", sagte die 42-jährige Sizilianerin, deren erste Operninszenierung dies war, zur Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera". Dante wies auch den Vorwurf zurück, sie habe mit vielen religiösen Symbolen die Gefühle gläubiger Zuschauer verletzt: "In meiner Carmen gibt es keinerlei Respektlosigkeit gegenüber dem Katholizismus. Ich beziehe eine klare Position gegenüber der Kirche, das stimmt. Die Kirche ist in Italien, einem laizistischen Staat, sehr präsent. Die Symbole auf der Bühne bedeuten aber keineswegs, dass ich Gläubige kritisiere".

"Teufel" vs. "Mumie"

Naturgemäß besonders scharf äußerte sich Starregisseur Franco Zeffirelli, in den abgelaufenen Jahren stets für Rechtaußen-Aussagen gut: "Ich glaube an den Teufel, und an der Scala habe ich den Teufel auf der Bühne gesehen. Diese Aufführung ist das Ergebnis falscher Beschlüsse, die vor allem für die Jugendlichen gefährlich sind. Wer bisher noch nie eine Opernaufführung gesehen hat, hat einen sehr krassen Konflikt zwischen der wunderschönen Musik und der sehr hässlichen Inszenierung erlebt". Der toskanische Regisseur griff zu direkten Angriffen gegen Dante: "Sie ist eine unverantwortliche Frau. Die Kostüme sind so hässlich, sie wären sogar für ein Provinztheater ungeeignet. Es ist ein Skandal, dass die Scala ihr die Regie anvertraut hat. Sie hat Carmen in einen Teufel verwandelt. Dante beweist, die Literatur des 19. Jahrhunderts nicht zu kennen. Sie ist voll mit Frauenfiguren, die gegen die Männermacht rebellieren, ohne deswegen Teufel zu sein".

Dante wies die Kritik postwendend zurück: "Diese Attacke ist für mich ein Segen. Zeffirelli ist eine Mumie, wenn er mich kritisiert, heißt es, dass ich auf den richtigen Weg bin. Das ist ein gutes Zeichen" .

Placido Domingo feiert am Mittwochabend den 40. Jahrestag seines Debüts an der Scala. Bei einem Galaabend singt der spanische Tenor unter der Leitung des israelisch-argentinischen Dirigenten Daniel Barenboim den ersten Akt der "Walküre". Im April 2010 ist er dann in einer neuen Aufführung von Verdis "Simon Boccanegra" zu sehen. Domingo zählte auch zu den Zuschauern bei der umstrittenen "Carmen"-Premiere - und lobte die Inszenierung von Emma Dante, die so scharf kritisiert wurde: "Mir hat die Carmen wirklich gut gefallen". (APA/red)

 

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