"Viel mehr als das Viertelfinale für Deutschland nicht drin"

9. Dezember 2009, 12:38
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Für Giovane Elber sind Brasilien und Spanien die WM-Favoriten - Ex-Bundesliga-Star sieht Selecao dank europäischem Einfluss im Aufwind

Wagrain/Salzburg - Mit 133 Toren ist der Brasilianer Giovane Elber immer noch der erfolgreichste ausländische Torschütze der deutschen Fußball-Bundesliga. Der Stürmer kam bereits in jungen Jahren nach Europa, spielte für den AC Milan, die Grasshoppers Zürich und bildete ab 1994 mit dem Bulgaren Krassimir Balakow und dem Deutschen Fredi Bobic das "magische Dreieck" des VfB Stuttgart. Nach sechs Jahren beim FC Bayern (1997 bis 2003) wechselte er zu Olympique Lyon.

Diese Woche kickt der 37-Jährige, der inzwischen hauptberuflich Chefscout der Bayern für Südamerika und Vorsitzender seiner Stiftung für Straßenkinder in seiner Geburtsstadt Londrina ist, mit Oldies beim Pezzey-Gedächtnis-Turnier in Bischofshofen. Im Interview erklärt er, warum er bei der WM-Endrunde 2010 in Südafrika an die "Selecao", für die er 15 Länderspiele bestritt, glaubt.

Die WM-Auslosung für Brasilien mit Nordkorea, Elfenbeinküste und Portugal als Gegner wird in Europa als Hammer-Gruppe bezeichnet. Wie sieht man es in Ihrer Heimat?
Elber: "So schlimm wird es nicht gesehen. Da herrscht das Denken vor, wenn wir schon Weltmeister werden wollen, dann muss man die Gruppenphase auch überstehen. Das sollte auch kein Problem sein. Natürlich haben Deutschland, Spanien und speziell Titelverteidiger Italien eine leichtere Auslosung."

Wer wird Ihrer Meinung nach in dieser Gruppe weiterkommen?
Elber: "Brasilien und Portugal. Die Portugiesen werden ja auch als Brasilianer Europas bezeichnet. Jedenfalls freuen wir uns in Brasilien schon auf das Duell mit Portugal. Die Elfenbeinküste wird noch nicht so weit sein, um mit diesen beiden Teams mithalten zu können. Nordkorea gebe ich gar keine Chancen."

Was zeichnet den brasilianischen Fußball derzeit aus?
Elber: "Wir haben eine erfolgreiche WM-Qualifikation gespielt. Unter dem neuen Trainer Carlos Dunga, der sich inzwischen etabliert hat, gegen den es kaum mehr Kritik gibt, wurde die Selecao effizienter. Die Mannschaft spielt zwar nicht immer den schönsten Fußball, sie schießt auch weniger Tore als früher, dafür ist sie im Zweikampf viel stärker, tritt aggressiver auf."

Worauf ist das zurückzuführen?
Elber: "Das ist der europäische Einfluss auf den brasilianischen Fußball. Ich bin zwar ein schlechtes Beispiel, weil ich schon als Juniorenspieler zum AC Milan kam, aber früher war es so, dass man als Brasilianer zuerst in einem Spitzenverein in der Heimat groß werden musste, um ins Team zu kommen. Heute ist das egal. Die jungen Spieler gehen ganz früh nach Europa, und werden dort in der Taktik und im Zweikampfverhalten viel besser geschult. Fußballspielen konnten sie ja immer schon."

Gilt das Gleiche nicht auch für afrikanische Mannschaften, wie zum Beispiel Brasiliens Gruppengegner Elfenbeinküste?
Elber: "Nicht ganz. Bei uns ist diese Entwicklung schon viel länger im Gange, spielen sehr viele Kicker in Europa. Mit all den Topspielern aus den europäischen Ligen könnte Brasilien ja locker zwei Nationalmannschaften stellen. Das fehlt Afrika noch."

Wer ist nun Ihr WM-Favorit für Südafrika?
Elber: "Brasilien und natürlich Europameister Spanien, der spielt einen hervorragenden Fußball. Deutschland, wird zwar das Viertelfinale erreichen, aber viel mehr wird nicht drin sein, auch wenn ich meinen Stuttgarter Ex-Trainer Joachim Löw alles Gute wünsche."

Noch kurz zu Ihrem Ex-Verein und Arbeitgeber FC Bayern München, mit dem sie die Champions League und viermal den Meistertitel gewannen. Viele glaubten an ein Aus in der Champions League, dann wurde am Dienstagabend Juventus Turin klar 4:1 besiegt. Was ist los bei den Bayern?
Elber: "Ein neuer Trainer braucht immer seine Zeit, bis sich seine Philosophie durchsetzt, bis aus den Spielern wirklich wieder eine Mannschaft wird. Mit dem Bayern-Dusel und Glück wird die Mannschaft sicher wieder sehr erfolgreich sein. Wobei der Erfolg in Turin mit Glück und Dusel nichts zu tun hatte. Das war eine überzeugende und beeindruckende Leistung, besonders wenn man bedenkt unter welchem Druck die Mannschaft gestanden ist. Gratulation zu dieser Vorstellung." (APA)

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    Elber über Brasiliens Team: "Die Mannschaft spielt zwar nicht immer den schönsten Fußball, sie schießt auch weniger Tore als früher, dafür ist sie im Zweikampf viel stärker, tritt aggressiver auf."

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