Weglaufen von Jugendlichen: Warnsignal

9. Dezember 2009, 12:15
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Psychologin: "Zuwenig Führung der Eltern kann Aggressionen auslösen"

Los Angeles/Wien - Jugendliche, die von ihrem Elternhaus Reißaus genommen haben, kehren in den meisten Fällen bald wieder zurück. Hauptgründe für diese Rückkehr sind der Wunsch, Freundschaften mit Gleichaltrigen aufrecht zu erhalten, die Schule weiter zu besuchen oder die Suche nach Unterstützung der Eltern, wobei besonders die Mutter eine wichtige Rolle spielt. Darauf weisen Wissenschaftler rund um Norweeta G. Milburn von der University of California in Los Angeles im "Journal of Research on Adolescence" hin. Sie beobachteten in einem Zeitraum von zwei Jahren 183 Jugendliche, die von daheim fortgelaufen waren.

"Es sind meistens Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren, die von zuhause weglaufen. Das ist auch der Zeitraum des Abnabelns von den Eltern", berichtet die Wiener Familienpsychologin Sandra E. Velasquez. Erfolge die Rückkehr auch meistens innerhalb weniger Stunden oder Tage, sei es für Eltern in jedem Fall wichtig, der Ursache des Weglaufens in die Augen zu sehen und ein klärendes Gespräch zu suchen. "Weglaufen und Zurückkommen alleine lösen keinen Konflikt. Zudem liegen die Wurzeln oft in einem zu nachlässigen Erziehungsstil", so die Psychologin.

Pubertäres Ausreißen: Erziehungsstil überdenken

Häufig sei die Ursache in der Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichen zu suchen. Diese gleiche oft einem Teufelskreis. "Jugendliche zeigen oft Extremverhalten und stellen damit die Eltern auf die Probe. Wollen diese nachsichtig sein und betteln etwa mit Geschenken um die Gunst des Kindes, verhalten sie sich unklar und lassen Führung missen", so Velasquez. Folgen seien Unklarheit und Verlorenheit auch bei den Jugendlichen, deren Aggression dadurch begünstigt würden. Als Reaktion darauf kippen Eltern häufig ins andere Extrem. "Die Situation wird für den Jugendlichen unverträglich und er hält es nicht mehr aus."

Dass es Eltern oft an Erziehungskompetenz fehlt, könne laut der Psychologin in der Lebensgeschichte begründet sein. "Erziehungsfehler erbt man normalerweise. Viele haben selbst als Kind und Jugendlicher nicht die nötigen Ressourcen vermittelt bekommen." Statt alles auf eigene Faust erledigen zu wollen, sollten Eltern im Anlassfall am besten selbst externe Hilfen aufsuchen. "Die Unterstützung eines Psychologen oder Psychotherapeuten trägt meistens zur Deeskalation bei. Dabei stehen die Karten besser, wenn die Eltern selbst aktiv Hilfe suchen. Zwingt sie der Staat dazu, verschlechtert dies meist die Motivation aller."

Mögliches Indiz für Gewalt und Missbrauch

Ein besonderes Warnsignal an die Außenwelt sei das Ausreißen, wenn es nicht auf eine pubertäre, spontane Reaktion zurückgehe. Besonders bei jüngeren Kindern sei das Weglaufen ein wichtiges Indiz für schlimme Zustände. "Manchmal sind auch Verwahrlosung, Gewalt, Alkohol, Drogen oder Missbrauch im Spiel. Hier ist psychosoziale Hilfe der ganzen Familie am dringendsten notwendig", so Velasquez. Rein aus der Helferperspektive müssen Kinder nicht um jeden Preis in der Familie bleiben. "Werden Kinder geschlagen oder missbraucht, so steht das Wohl des Kindes über dem des Familienlebens." (pte)

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    Den Hilferuf eines jugendlichen Ausreißers darf man nicht übersehen

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