Lueger-Denkmal: "Schein­heilige Fassade einreißen"

9. Dezember 2009, 14:53
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"Open Call" zur Umgestaltung des Monuments in ein Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus

Wien - Das Schema einer Abrissbirne überlagert das Denkmal für Karl Lueger, von 1897 bis 1910 Bürgermeister von Wien. Mit diesem Plakatmotiv startet ein Arbeitskreis der Wiener Universität für angewandte Kunst einen internationalen Wettbewerb zur Umgestaltung des 1926 enthüllten Monuments in ein Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus in Österreich. "Die Abrissbirne steht nicht für das Abreißen, sondern für das Einreißen der verklärenden Hülle", so Lilly Panholzer, eine der im Arbeitskreis vertretenen Studentinnen, anlässlich der Präsentation des "Open Call", der ab sofort bis 1. März 2010 läuft. Initiator Martin Krenn: "Das ganze Projekt soll ein Anstoss für eine Diskussion sein."

"Vergangenheit lässt sich nicht ausradieren"

"Das Lueger-Denkmal hat noch immer eine Bedeutung", betonte die Historikerin Heidemarie Uhl. Lueger, auf den unter anderem der Ausspruch "Wer a Jud ist betimm i!" zurückgeht, habe Antisemitismus aus politischem Kalkül eingesetzt und einen politisch radikalen Diskurs salonfähig gemacht. "Die Vergangenheit lässt sich nicht ausradieren, eine Auseinandersetzung ist notwendig", erklärte die Kunsthistorikerin Verena Krieger beim "Open Call"-Start. Eine mögliche Form dafür sei es, wie bei einem Palimpsest "neue Bedeutungsschichten hinzuzufügen, ohne die alten auszuradieren". "Die Kreativität soll zeigen, was sie kann", so Uhl.

Ein wesentlicher Bestandteil der Initiative zur Denkmalsumgestaltung ist laut Krenn die in deutsch und englisch gehaltene Website www.luegerplatz.com, auf der sich nicht nur Details zur Einreichung, sondern auch zu Lueger und seiner Rolle als Wegbereiter des Antisemitismus finden. Mit dem Projekt sollen neben Künstlern auch Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen sowie Schulen erreicht werden. Die eingereichten Entwürfe werden Ende März 2010 von einer internationalen Jury, der unter anderem die Historikerin Eva Blimlinger, die Künstlerin Lisl Ponger, Angewandte-Direktor Gerald Bast und Schriftsteller Doron Rabinovici angehören, begutachtet und anschließend in einer Ausstellung und einem Projektkatalog präsentiert. Hinsichtlich des siegreichen Entwurfes will sich der Arbeitskreis für eine Umsetzung einsetzen.

Lueger-Bewunderer Adolf Hitler

Kein Argument gegen eine Projekt-Realisierung kann nach Ansicht von Rabinovici fehlendes Geld sein. Es habe in Wien bereits wiederholt Umbenennungen von Straßen und Plätzen gegeben. Allerdings hege er die Vermutung, dass Personen "die nationalsozialistisch aktiv waren, keine Straße zugestanden wird, antisemitisch aktiven aber schon". An Luegers Attraktivität für die Nationalsozialisten erinnerte Rabinovici mit einem Zitat aus "Mein Kampf" von Adolf Hitler, in dem dieser Lueger als "gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten" würdigte.

Das umgestaltete Denkmal soll sich nicht nur "gegen jede Form antisemitischer und rassistischer Agitation" wenden, sondern auch Lueger als historische Person thematisieren. Aktuelle Statements von Passanten zum Lueger-Denkmal finden sich übrigens ebenso auf der Projekt-Homepage wie eine Liste von prominenten Unterstützerinnen und Unterstützern einer Umgestaltung. (glicka, derStandard.at, 9. Dezember 2009)

  • Die Umgestaltung des Lueger-Denkmals in ein Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus in Österreich fordert ein Arbeitskreis der Universität für angewandte Kunst Wien.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    Die Umgestaltung des Lueger-Denkmals in ein Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus in Österreich fordert ein Arbeitskreis der Universität für angewandte Kunst Wien.

  • Bis 1. März 2010 läuft der "Open Call", der sich nicht nur Künstler, sondern auch an Studierende unterschiedlicher Richtungen sowie Schüler wendet.
    foto: laurenz feinig/lilli panzholzer

    Bis 1. März 2010 läuft der "Open Call", der sich nicht nur Künstler, sondern auch an Studierende unterschiedlicher Richtungen sowie Schüler wendet.

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