"Die Schüler denken viel zu sehr in die Zukunft"

9. Dezember 2009, 09:54
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Bei politischen Entscheidungen werde kein einziger Schüler gefragt, kritisieren Jugendliche bei einer Diskussion mit Franz Fischler

Wien - "Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die ältere Generation das, was man Generationenvertrag nennt - sage ich jetzt sehr vorsichtig - nicht ausreichend einhält" , meinte Franz Fischler zu Beginn einer SchülerStandard-Diskussion über das politische Interesse von Jugendlichen.

Damit riskiere man, dass die Jugend den Konsens, zu dem die Politik komme, wie etwa bei Pensionsreformen, Ressourcenverbrauch oder dem Klimawandel, später ausbaden müsse, wandte sich Fischler an seine Mitdiskutanten. Die Frage sei, "wie lange es sich die Jugend gefallen lässt, dass die ältere Generation gewissermaßen über ihre Zukunft verfügt, ohne sie zu fragen" , so der Präsident des Ökosozialen Forums.

Angst vor der Zukunft

"Ja, logisch" habe sie Angst vor der Zukunft, sagt Camilla Garfias, Schülervertreterin der AHS Heustadelgasse (AKS). "Aber wir können ja eigentlich nichts machen."

"Ich denke nicht, dass es notwendig ist, dass Jugendliche im Nationalrat sitzen. Aber dann gibt es die Tatsache, dass bei den wichtigen Bildungsentscheidungen kein einziger Schüler gefragt wurde" , beschreibt der 19-jährige Benedict Feichtner, der seit Semesterbeginn Politikwissenschaften und Spanisch an der Universität Wien studiert, das Problem. "Ich bin politisch interessiert, aber manchmal habe ich einfach die Nase voll von den Entscheidungsträgern."

Dabei sei es ein Fehler, den Jugendlichen die Schuld für ihr geringes Interesse zu geben. Hauptverantwortlich dafür sei schlicht der Mangel an Angeboten, sich zu beteiligen.

Pia Bauer, Bundesschulsprecherin von der Schülerunion, verweist auf NGOs und NPOs als Möglichkeit einer Beteiligung. "Die gewinnen laufend an Mitgliederzahlen. Es gibt unglaublich viele verschiedene Aktivitäten, denen man als Jugendlicher nachgehen kann - auf politischer, aber nicht auf parteipolitischer Ebene."

"Ich würde das auch nicht als Politikverdrossenheit sehen, es ist eher eine Politikerverdrossenheit" , schließt sich Flooh Perlot, Politikwissenschafter am Institut für Strategieanalysen Wien, an. Er zitiert dazu das Ergebnis einer Studie der Donau-Uni Krems, nach der die Wahlbeteiligung der Jugendlichen zumeist gleich hoch wie die der Erwachsenen sei - trotz der noch immer diskutierten Wahlaltersenkung auf 16 Jahre.

Themen im Wahlkampf würden "die Jugend nicht ansprechen" , da diese vor allem an die größte, immer weiter alternde Zielgruppe adressiert seien.

Schließlich verweist Feichtner auf die Proteste der Studierenden. Er freue sich darüber natürlich sehr, wünsche sich aber selbiges Engagement auch verstärkt auf Schülerseite. Denn trotz Solidarisierungen sei seinem Gefühl nach "die Jugend eher zu sehr als zu wenig angepasst. So wie unsere Gesellschaft funktioniert, sollte man sich davon verabschieden, aus Höflichkeit darauf zu warten, bis man das Wort erteilt bekommt." Doch dieses Zu-Wort-Melden sei mit der derzeitigen Situation der jungen Leute in Ausbildung nicht leicht zu vereinbaren.

"Wir sind in ein System gepresst, wo es darum geht, möglichst schnell zu studieren, möglichst schnell viele Praktika zu machen und sich dazu noch politisch zu engagieren. Die Schüler denken viel zu sehr in die Zukunft, als dass da noch genügend Motivation bliebe, sich konsequent gegen die Politik aufzubäumen" , erklärt Fischler.

Am Beispiel der Pensionsdebatte sei das Fehlen einer organisierten Lobby gut erkennbar. "Es hilf nichts, die Pensionistenverbände sind einfach von den Mitgliederzahlen und von der Organisationsdichte her stärker, das ist die Realität" , betont Fischler und fügt hinzu: "Die haben ja auch Zeit."

Die Vorteile der Jugendlichen seien seiner Meinung nach die Offenheit im Umgang mit anderen Gruppen und Nationalitäten. Doch das Zusammentreffen an sich werde häufig zum Problem: "Wo treffen Sie heute Ihresgleichen, wenn Sie nicht gerade in die Disco gehen?" , fragt Fischler in die junge Runde. Diskussionen in einem breiten Rahmen fänden außerhalb der Schule kaum mehr statt - auch über die Frage, wie man die eigene Zukunft gestalten will, würde nicht nachgedacht. "Früher gab es diese Debatten, weil es sehr viele, zumindest religiöse oder parteigebundene, Jugendorganisationen gegeben hat."

"Ich finde, dass Jugend- und Schülerthemen überhaupt einmal angesprochen gehören" , argumentiert Pia Bauer. "Wir haben nicht die politische Kraft, neue Themen aufzuwerfen. Wir können nur hoffen, dass unsere Meinung irgendwo gehört wird." (Bath-Sahaw Baranow, Magdalena Legerer/DER STANDARD-Printausgabe, 9. Dezember 2009)

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    Hoffen, dass die Meinung Gehör findet: Immer wieder zieht es Schüler auf die Straße, die Konsequenz bleibt aber auf der Strecke.

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