This is a Tanzvergnügen

9. Dezember 2009, 07:47
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Hercules and Love Affair begeisterten mit Neo-Disco in Wien

Wien - Dass in Jugendkreisen einmal der flapsige Vergleich "Tot wie Disco" kursierte, kann man spätestens seit den Nuller-Jahren nicht mehr behaupten. Immerhin begannen sich damals nicht nur House und Techno bezüglich Innovation und Motivation zart im Kreis zu drehen. Dies führte zum Minimal-Virus. Wenn alles schon gesagt ist, kann man sich genauso gut darauf beschränken, das Rhythmusprogramm tuckern zu lassen und dazu leicht versetzt mit den Zähnen zu knirschen: Nts-nts-nts-nts, krch-krch-krch.

Vor einigen Jahren aber besann man sich wieder auf die Mutter aller Clubmusiken. Man begann bei der fortschrittlich tanzenden Jugend in den Trendsportlokalen klassische Disco aus den 1970er-Jahren zu rehabilitieren. Dass sie beim von der Moderne selten versuchten Mittelstand dank Barry White ohnehin fixer Bestandteil jedweder Tanzsause war, muss ja jetzt die musikalische Avantgarde nicht unbedingt wissen.

Andrew Butler aus Brooklyn krönte dieses Revival schließlich 2008 mit dem international gefeierten titellosen Debütalbum seines Projekts Hercules And Love Affair. Wie man jetzt beim Österreichdebüt der live fünfköpfigen (und vor kurzem umbesetzten) Truppe bei einem beseelten wie euphorischen Auftritt in der Fluc-Wanne am Wiener Praterstern hören konnte, verdankt sich Butlers Siegeszug durch die Clubs nicht nur dem von der mittlerweile für die Truppe nicht mehr tätigen Diva Antony gesungenen Hit Blind. Butler, der während der letzten Wochen in Wien im Studio von Patrick Pulsinger Material für das 2010 erscheinende nächste Album produzierte, geht in der Entwicklung dieser Musik auch weiter, als es die klassischen Vorgaben erfordern.

Er setzt zwar ganz wertkonservativ bei pumpenden Beats, Oktavsprünge machenden Bässen und messerscharf jubilierenden Streicher-Samples an. Dazu lässt der junge, live an den Zauberkästen von einem Assistenten unterstützte Mann drei, zwischen quietschiger New-Wave-Zicke, souliger Drama-Queen und Crossdressing-House-Frau schillernde SängerInnen das Loblied auf das Leben und die Freiheit anstimmen.

Vor allem aber beim neuen, jetzt vor Publikum getesteten Material wie I Can't Wait oder I Feel Free hört man modernistische Einflüsse. Butler steigt für die neuen Tracks erheblich aufs Gaspedal, würzt ordentlich mit kraftwerkschen Computerwelt-Sounds und fröhlich piepsenden Gimmicks; er bricht das Tanzvergnügen als Profi der Aufmerksamkeitsökonomie zwischendurch aber mit zeitlupenhaften Dub-Einschüben. Das verwirrt manchmal das Personal an den Gesangsmikros. Es sorgt allerdings dafür, dass die Lehrstunde in Sachen Party nicht zu eintönig wird.

Disco war immer schon eine Veranstaltung für die Leute auf der Tanzfläche. Der Star oben auf der Bühne dient bloß als Fokus. Es geht bei Disco um eine Gemeinschaft Gleicher unter Gleichgesinnten. Morgens, wenn die "Anderen" zur Arbeit gehen und der Club gute Nacht sagt, wird alles ohnehin wieder grau und traurig genug. Die Nacht aber gehört dem Hedonismus, süßen Glücksversprechungen und der Ekstase. Hercules And Love Affair stellen das famos unter Beweis. Die Party des Jahres. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 09.12.2009)

  • Glück und Ekstase: Andre Butler, Kopf der New Yorker Truppe Hercules and Love Affair.
    foto: fischer

    Glück und Ekstase: Andre Butler, Kopf der New Yorker Truppe Hercules and Love Affair.

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