Vom rebellischen Rand in die behagliche Mitte

8. Dezember 2009, 20:02
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"New Age" wird oft mit Irrationalität oder Rechtslastigkeit in Verbindung gebracht - Grazer Soziologen versuchten herauszufinden, was hinter solchen Zuschreibungen steckt

Fast die Hälfte aller Österreicher hat schon Erfahrungen mit sogenannten "holistischen Techniken" gesammelt, rund ein Drittel sogar mit mehreren. Von Homöopathie, Akupunktur und traditioneller Chinesischer Medizin über Shiatsu, Yoga und Qi-Gong bis zu Feng-Shui und Schamanismus ist darunter so ziemlich alles zu verstehen, was den Menschen an körperlicher, seelischer und spiritueller Unterstützung nach dem Prinzip der Ganzheitlichkeit angeboten wird.

In der soziologischen Forschung wird für diesen weitgestreuten und heterogenen Bereich nach wie vor der eher negativ behaftete Begriff "New Age" verwendet. "Eine sehr unglückliche Bezeichnung", finden der Grazer Soziologe Franz Höllinger und sein Projektmitarbeiter Thomas Tripold, die sich in einer vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie mit der Verbreitung und sozialen Relevanz dieses Phänomens beschäftigen. Aber auch "Alternative Spiritualität" ist eine irreführende Begriffsalternative, da die meisten Praktiken ebenso auf einer nicht spirituellen Ebene stattfinden können.

Bis heute üble Publicity

Dennoch verfügen sie über eine Art "sinnbastlerisches Potenzial", das auch mehr oder weniger genutzt wird. Während etwa unter den weniger experimentierfreudigen Konsumenten komplementärmedizinischer Angebote nur sieben Prozent spirituelle Motive für ihre Hinwendung zu holistischen Methoden angeben, sind es unter jenen, die bereits mehr als zehn unterschiedliche Praktiken probiert haben, immerhin fast ein Drittel.

Im Feld der "Körper-Geist-Seele"-Praktiken wie Yoga, Tai-Chi oder Zen sind fast 40 Prozent dieser besonders Aktiven spirituell motiviert. Der Großteil beschäftigt sich damit jedoch - ebenso wie mit der Alternativmedizin - aus gesundheitlichen Gründen. Dass sich dem Schamanismus mindestens die Hälfte der Praktizierenden in Erwartung spiritueller Entwicklung zuwendet, überrascht nicht. "Doch hier handelt es sich wie bei anderen okkulten Praktiken in Österreich um ein absolutes Randphänomen", weiß Höllinger aus seiner von einer österreichweit durchgeführten Fragebogenerhebung sowie aus einer detaillierten Anbieteranalyse.

Es ist nicht zuletzt die enorme Heterogenität der Angebote, die dem Überbegriff "New Age" bis heute eine üble Publicity beschert. Vor allem linke Intellektuelle wie Theodor W. Adorno attestierten dieser "Bewegung" - die in den 1960er-Jahren als Teil einer großen gesellschaftlichen Gegenströmung das materialismus- und rationalismuskritische Erbe der Frühromantik wiederbelebte - einen durchaus gefährlichen Hang zum Unpolitischen, Irrationalen und zur Führergläubigkeit. Manche Autoren konstatieren sogar eine gewisse Affinität des New-Age-Bewusstseins zum rechten politischen Rand. Wie begründet ist diese Befürchtung? "Zumindest die von uns erhobenen Daten sprechen eindeutig dagegen", berichtet Höllinger. "New-Age-Anhänger stehen den Grünen und dem ehemaligen Liberalen Forum beträchtlich näher als der Bevölkerungsdurchschnitt, und ihre Affinität zu rechten Parteien wie BZÖ oder FPÖ ist sogar etwas geringer."

Auffällig: ihre Distanz zu traditionellen Großparteien wie ÖVP und SPÖ. "Aus unseren Interviews und Fragebögen geht hervor, dass diese Leute deutlich kritischer gegenüber autoritären Strukturen in Politik oder Erziehung eingestellt sind und sogar mehr an Politik interessiert sind und häufiger an politischen Protestaktivitäten teilnehmen als andere Gesellschaftssegmente", sagt Höllinger.

Ob das mit der sozialen Zusammensetzung des "holistischen Milieus" zu tun hat, das, wie die Studie belegt, mehrheitlich von jüngeren, höhergebildeten, urbanen und weiblichen Personen bevölkert ist? "Durch das soziale Herkunftsmilieu wird diese Tendenz sicherlich verstärkt", meint Höllinger. "Unsere statistischen Analysen zeigen aber, dass Personen, die holistische Praktiken ausüben, unabhängig von Bildungsgrad, Geschlecht usw. kritischere gesellschaftspolitische Einstellungen haben als Personen, die in keinem Naheverhältnis zu ganzheitlichen Praktiken stehen."

Teil der Erwachsenenbildung

Fazit: Die ursprünglich durchaus gesellschaftskritische Haltung des "holistischen Milieus" hat sich in bestimmten Bereichen bis heute erhalten. "Allerdings ist die allen Praktiken zugrunde liegende ganzheitliche Sichtweise - anders als in der Jugendbewegung der 1960er-Jahre oder in den frühromantischen Intellektuellenzirkeln des ausgehenden 18. Jahrhunderts - heute kein Randphänomen mehr", meint der Soziologe.

Holistische Techniken machen mittlerweile ein großes Segment in der Erwachsenenbildung aus. Es kommt zu einer allmählichen - nicht immer reibungslosen - Annäherung zwischen Teilen des wissenschaftlichen und des holistischen Weltbildes vor allem in Medizin und Psychologie. Immerhin sind 17 Prozent der befragten Anbieter holistischer Praktiken Ärzte, rund die Hälfte kommt aus Gesundheits-, Sozial- oder Lehrberufen. (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 09.12.2009)

 

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    Yoga zählt zu den "holistischen Techniken", die unter dem Begriff "New Age" subsumiert werden. Eine unglückliche Bezeichnung, wie Soziologen finden.

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