Österreich in der Klimakritik

8. Dezember 2009, 19:57
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Negativauszeichnung für Wien: Appelle zu Gipfelbeginn

Wien - Zum Auftakt des UN-Klimagipfels in Kopenhagen steht Wien in der Kritik von Umweltschützern. Ein Bündnis von mehr als 450 NGOs übergab Österreich zusammen mit Schweden und Finnland am ersten Gipfeltag die nun täglich zu verleihende Auszeichnung "Klimakiller des Tages". Hintergrund ist die österreichische Position zur Anrechnung von Wäldern bei den CO2-Emissionen. Darin gebe es zu viele Schlupflöcher, so die Kritik. Das Umweltministerium wies die Vorwürfe zurück.

Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon zeigte sich am Dienstag optimistisch, dass der Gipfel ein Erfolg werde. Zu neuer Hoffnung hat eine Entscheidung des US-Umweltamtes beigetragen, wonach die CO2-Emissionen eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellen. Mit diesem Beschluss könnte die US-Regierung Emissionssenkungen beschließen, ohne vorher die Zustimmung des US-Kongresses einholen zu müssen.

Spitzenpolitiker hatten bei der Eröffnung des Gipfels am Montag eindringlich zum Handeln aufgerufen. Die Zeit für bloße Worte sei vorbei, sagte UN-Klimachef Yvo de Boer. Der dänische Regierungschef Lars Lökke Rasmussen erklärte, die Welt dürfe diese Chance nicht verpassen. Insgesamt nehmen am Gipfel rund 15.000 Menschen teil.

Die Welt-Meteorologen-Vereinigung bezeichnete das zu Ende gehende Jahrzehnt als das wärmste seit Beginn der Messungen.

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"Klimakiller des Tages" prangt in schwarzen Lettern unter der österreichischen Flagge auf dem Topf, darin brodelt die Erdkugel. Es ist eine zweifelhafte Auszeichnung, die von Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace am Dienstag der österreichischen Botschaft in Berlin übergeben wurde, im Namen von über 450 Nichtregierungsorganisationen. "Fossil of the day award" nennt sich der Negativpreis, den sonst meist Staaten wie Russland, China oder Saudi-Arabien erhalten. Am Montag, dem ersten Tag des großen Weltklimagipfels in Kopenhagen, war es Österreich, mit Finnland und Schweden.

Im Visier der Aktivisten: Umweltminister Nikolaus Berlakovich höchstpersönlich. Der Streitpunkt: Die Anrechnung von Wäldern in die Klimabilanz. Der Vorwurf: "Bilanzfälschung" , wie Niklas Schinerl von Greenpeace Österreich dem Standard sagt. Unterstützt von Vertretern des WWF, von Global 2000 und anderen NGOs.

Worum es geht, ist in den Details so kompliziert, dass selbst Mit-Verhandler in Kopenhagen auf Experten verweisen. Grundsätzlich nehmen Wälder CO2 auf - und verringern so die Emissionen. Wenn in Kopenhagen bestimmte Emissionsziele festgelegt werden, können Länder mit viel Wald mehr ausstoßen - das wird abgezogen. Wie berechnet man diese Menge? Das ist der Streit.

Österreich versuche die Biomasse-Industrie auszubauen und räume die Wälder aus, sagen die Umweltschützer - tote Äste und Baumstämme, das Unterholz. Doch "je dichter und je älter, desto mehr CO2-Speicher" . Junge Bäume könnten das nicht ausgleichen. Setze sich Wien mit seinen Berechnungsvorstellungen durch, könnten die CO2-Emissionen der Industrieländer in Zukunft um bis zu neun Prozent höher sein als offiziell angegeben, sagt Berhard Obermayr von Greenpeace.

"Wenn man Holz für erneuerbare Energie nutzt, kann nicht angerechnet werden, dass es im Wald fehlt" , hält Berlakovich-Sprecherin Doris Ostermann dagegen. In Österreich gebe es eine genaue Buchführung über den Waldbestand. Anrechnungen ja, aber die müssten "mit Augenmaß" passieren. "Unberechtigt" sei daher der Klimakiller-Award, so die Sprecherin.

Über die Anrechnungsmethoden sind sich auch die EU-Staaten nicht einig. Die Wälder gehören zu den wichtigsten Themen der ersten Gipfelwoche, bevor am 16. Dezember dann die Staats- und Regierungschefs anreisen. Generell sei die Stimmung aber gut, versichern Diplomaten. "Let's do it here" - so viel wie möglich in Kopenhagen erledigen, das sei das Ziel.

Neue Hoffnung gab zuletzt eine Entscheidung der US-Umweltbehörde EPA: Sie stufte die Treibhausgase als gesundheitsschädlich ein, nun könnte die US-Regierung die Emissionen auch ohne den US-Senat regulieren, der sich sperrt.

Wien dagegen kann sich über eine Auszeichnung freuen: Laut einer von Siemens am Dienstag präsentierten Studie liegt es in der Rangliste der umweltschonendsten Metropolen Europas auf Platz vier, hinter Kopenhagen, Stockholm und Oslo. (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2009)

  • Aktivisten überreichen der österreichischen Botschaft in Berlin den "Klimakiller"-Award.
    foto: standard/greenpeace

    Aktivisten überreichen der österreichischen Botschaft in Berlin den "Klimakiller"-Award.

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