"Alles, was bleibt, ist ein Inselchen"

8. Dezember 2009, 19:41
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Vor den Toren der US-Hauptstadt versinkt eine einzigartige Naturlandschaft im Wasser: Der Meeresspiegel steigt an der Chesapeake Bay sechsmal schneller an als im Durchschnitt der letzten tausend Jahre

Judy Wink kann sich das Lachen nicht verkneifen, wenn sie vom überhasteten Aufbruch der Hochzeitsgesellschaft erzählt. Es war abends nach acht, die Partymusik dröhnte, da kam einer der Anwohner auf Horsehead angerannt, um Alarm zu schlagen. "Es dauerte keine zehn Minuten, und alle waren weg. Die Leute sprangen in ihre Autos und rasten davon." Bald stand die einzige Straße, die das drei Meter erhöht stehende Zentrum des Chesapeake Bay Environmental Center (CBEC) mit dem nahen Städtchen Grasonville verbindet, kniehoch unter Wasser.

Seit September, erzählt Judys Kollegin Vicki Paulas, gab es keinen einzigen Tag, an dem die Straße nicht überschwemmt wurde, sobald die Flut einsetzte. Es macht ihr Sorgen, allein schon geschäftlich. Von Feiern in der Natur, zwischen Schilf und rastenden Gänseschwärmen, lebt ihre kleine Organisation mit ihren zwei Angestellten. Es wäre fatal, würden die Mieteinnahmen versiegen. Der Blick weiter nach vorn treibt der drahtigen Biologin noch tiefere Sorgenfalten auf die Stirn. "Um dreißig Zentimeter soll das Wasser in diesem Jahrhundert steigen. Dann ist Horsehead Geschichte. Alles was bleibt, ist ein Inselchen."

Gefährdetes Naturidyll

Aus der Vogelperspektive sieht sie aus wie ein Pferdekopf, die Halbinsel, die sich von den Krabbenrestaurants und Yachthäfen Grasonvilles zwei Kilometer weit in die Bucht hineinreckt, in die Chesapeake Bay. Das ist eine der bedeutendsten Naturlandschaften Nordamerikas, von Norden bis Süden 311 Kilometer lang, ein Biotop mit großer Artenvielfalt. An ihren Ufern leben Blaureiher, Fischadler und Wildgänse. Es gibt Austern, Muscheln und die berühmten Blaukrabben.

Betuchte Großstädter aus Washington, Baltimore oder Philadelphia siedeln sich gern in der Idylle an, um der Hektik der Metropolen zu entfliehen. Allein in Grasonville haben Immobilienentwickler zwei Wohnparks ans Ufer geklotzt. "Es braucht wenig Fantasie, um sich ein Desaster vorstellen zu können", meint Michael Kearney, ein Klimaexperte der University of Maryland. Es reiche schon, wenn ein Hurrikan durch die Bucht zieht, der nächste nach "Isabel" 2003.

Viele der neuen Anlagen stehen dicht am Ufer, das macht sie ja so attraktiv, und zugleich ist es paradox, denn infolge schmelzender Arktisgletscher steigt der Meeresspiegel der Chesapeake schneller denn je, sechsmal schneller als im Schnitt der letzten tausend Jahre, schätzt Kearney. "Hält der Trend an, könnten wir 70 Prozent aller Marschlandschaften verlieren." Von den 148 Inseln der Bucht sind bereits 80 verschwunden, fasst der Ozeanograf William Cronin in einer Studie zusammen.

Die Politik reagiert nur langsam. Barack Obama hat die gefährdete Küste zum Naturerbe deklariert und seine Umweltbehörde angewiesen, energischer zu handeln. Sie soll den Zufluss von Schadstoffen eindämmen. Vor einigen Uferabschnitten ließ die Regierung fußhohe Dämme aus Schotter anhäufen. Damit lässt sich das Wasser für ein paar Jahre aufhalten, vielleicht.

Milliardenkosten

Wollte man das ganze Land an der Chesapeake auf diese Weise schützen, würde das mehr als 20 Milliarden Dollar kosten. "Ich wüsste nicht, woher das Geld kommen sollte", sagt Judy Wink. Außerdem: 95 Prozent der Uferparzellen sind Privateigentum, nur fünf Prozent gehören dem Staat. Selbst wenn der Fiskus die Mittel auftreiben würde, stünden ihm hohe juristische Hürden im Weg.

Im CBEC haben sie es mit einem Lehrprojekt versucht, Schilf gepflanzt, Sand aufgeschüttet, zur Festigung Kokosfasern verlegt, um ein Stück Küste zu retten. Es ist ein Streifen, rund 150 Meter breit, gegen den die Wellen nicht frontal prallen. Es dauerte sechs Jahre, bis es wie von der Natur geschaffen wirkte, und kostete eine Viertelmillion Dollar. Zu bezahlen war es nur, weil sich genügend private Spender fanden, die nun, im Zuge der Finanzkrise, nicht mehr so aus dem Vollen schöpfen. Gleich neben dem Lehrstrand hat Judy Wink ihr Privathaus auf Stelzen gestellt, zwei Meter höher als früher. Sie wollte nicht warten, bis sich in Washington etwas tut. (Frank Herrmann aus Grasonville/DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2009)

  • Vicki Paulas, Biologin beim Chesapeake Bay Environmental Center, an einer Uferbefestigung. Dahinter ein Haus auf Stelzen.
    foto: standard/herrmann

    Vicki Paulas, Biologin beim Chesapeake Bay Environmental Center, an einer Uferbefestigung. Dahinter ein Haus auf Stelzen.

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